Zweibrücken Zweibrückens wachsame Augen für Rio

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ZWEIBRÜCKEN/RIO DE JANEIRO. Vorfreude auf Rio? „Und wie!“, sagt Hans-Peter Weiß. Natürlich könne und werde er die schwierige soziale, wirtschaftliche und politische Situation im Gastgeberland der morgen offiziell beginnenden Olympischen Spiele nicht ausblenden. „Aber jetzt steht das größte Sportereignis der Welt, stehen die wichtigsten Wettbewerbe für vier Jahre, im Mittelpunkt“, sagt der Niederauerbacher. Auf Einladung des Rio-Organisations-Komitees ist der 51-Jährige als Kampfrichter an der brandneuen, für die Spiele gebauten olympischen Kanustrecke im Deodoro-Park eingesetzt.

Am Montag ging es los. Geplant sind zwei Wochen Rio, bis zum 15. Die in der zweiten Woche startenden Zweibrücker Leichtathleten, Christin Hussong und Raphael Holzdeppe, wird er also selbst nicht anfeuern können. Mit den Wildwasserwettbewerben geht es gleich am Sonntag los, fünf Wettkampftage plus ein Ausweichtag sind geplant. Wie in Peking und vor vier Jahren in London wird Weiß sich von früh morgens an in der Wettkampfauswertung, einem den Schiedsrichtern vorbehaltenen Technikgebäude, aufhalten. Unmittelbar an der von einer Tribünen für 8000 Zuschauer gesäumten Strecke. Weil aber die Wettkämpfe um die Mittagszeit ausgetragen werden, wird Gelegenheit sein, auch andere Sportarten zu sehen. Auf dem Gelände des Deodoro-Parks werden auch die Reitwettbewerbe, Mountainbike- und BMX-Rennen, der Moderne Fünfkampf, Hockey- und Rugby-Spiele ausgetragen. „Als offizieller Kampfrichter kommt man schon an Karten ran. In London sah ich das Rudern und Basketball. Und natürlich wird man auch mal das Deutsche Haus und das Olympische Dorf besuchen“, freut sich Weiß darauf, mittendrin statt nur dabei zu sein. Reisekosten und Unterkunft werden ihm gestellt; als Volunteer, also Freiwilliger, bezieht er aber kein Olympia-Gehalt. Das ist vollkommen okay für den gelernten Kommunikationselektroniker. Obwohl der Aufwand für sein Ehrenamt im Auftrag des Welt-Kanuverbandes ICF groß ist. Zweimal, zuletzt im November, war er für die Vorplanung an der Strecke. 2008 erstmals bei den Olympischen Spielen in Peking eingesetzt, hat Weiß ein Videosystem mitentwickelt, das den Kampfrichtern neben ihren natürlichen Augen zusätzlich ein technisches zu Verfügung stellt. Bei strittigen Entscheidungen, ob sich eine Torstange durch einen Kontakt des Sportlers oder sonst wie beeinflusst bewegt hat, bekommen die Judges so in Sekundenschnelle Videosequenzen aufbereitet. Die Grundlage dann für ihre Entscheidung sind: Fehler oder nicht, Strafpunkte oder nicht. Der selbst lange aktive Kanute und Kanutrainer entwickelt das System ständig weiter. „In London war noch SD-Qualität der Standard, in Rio wird alles in HD-Qualität sein. Auch sonst verfeinern sich die Systeme immer mehr“, sagt Weiß. Tüftelarbeit, bei der das Auge des Sportfachmanns unerlässlich ist. Den Olympia-Schiedsrichtern stehen an jedem Tor Kameras zu Verfügung. Zudem können sie auf die Fernsehbilder zurückgreifen. Die Feinarbeit, die Kamera-Standpunkte exakt zu positionieren und die bis 70 Tera-Byte Daten liefernden Systeme zu vernetzen, war Weiß’ Aufgabe. Er hat die Anlage für Rio geplant und überwacht sie während der Wildwasserwettbewerbe. Technisch umgesetzt wurden Weiß’ Pläne von drei vom Organisationskomitee beauftragten Firmen. Die Absprachen dazu konnte Weiß über drei Jahre mit dem ihm von den Spielen in London bekannten Venue-Manager, dem zuständigen Organisator für die Wildwasser-Wettbewerbe, treffen. Die Erfahrungen vorhergehender Spiele zeigen Hans-Peter Weiß Unterschiede auf. „In London war es kein Problem, wenn eine Änderung erforderlich war, diese auch finanziert zu bekommen. In Rio merkt man den Spardruck. Das Budget wurde sogar zwischenzeitlich gekürzt. Trotzdem: Es steht alles, es wird gute Wettkämpfe geben“, meint der Niederauerbacher. Der Deodoro-Park liegt nördlich des Olympiastadions, etwa eine Stunde Fahrzeit entfernt. Weiß ist in einer ortsnahen Außenstelle des Olympischen Dorfs, eigens für die Schiedsrichter gebaut, einquartiert. Der Austausch mit Sportart fremden Judges, aber auch den Internationalen des Kanuverbandes, sei ein Erlebnis. Wie auch der Austausch mit seinem Zimmergenossen. Hans-Peter Weiß teilt sich das Apartment mit Thomas Schmidt, dem deutschen Olympiasieger im Einer-Kajak von Sydney 2000. Wie Schmidt startete Weiß einst für den Bad Kreuznacher Ruder- und Kanu-Verein. Schmidt ist einer von zwei Schiedsrichtern, die in Rio die Tore hängen, also über die Schwierigkeit der für Männer, Frauen und die Zweierkanadier unterschiedlich selektiven Strecken bestimmen. Mit Schmidt war Weiß schon im November beim offiziellen Testwettkampf in Rio, kennt also die Gegebenheiten. Und weiß, dass das Millionenprojekt Deodoro-Olympiapark mitten in drei Favelas, Armenquartieren, gebaut wurde. Hans-Peter Weiß sieht das und will die schwierige Situation Brasiliens und der Brasilianer nicht ausblenden. Und doch könne er sich an den Spielen erfreuen, sagt er. Die Abschlussfeier, so der Plan, wird der Zweibrücker schon wieder zu Hause am Fernseher verfolgen. Bei der morgigen Eröffnungsfeier wird er im Stadion sein. Und dann, wenn der Schiedsrichter-Vertreter das Gelübde ablegt, neutral, fair und unbeeinflusst über die Wettkämpfer zu richten, den olympischen Eid mitsprechen. Der olympische Geist ist in Hans-Peter Weiß geweckt. Rio sollen für ihn auch nicht die letzten Spiele sein.

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