Zweibrücken Wenn die Nähmaschine surrt, ist sie eins mit sich und der Welt
„Nähen ist mein Hobby, mein Alles, Nähen beruhigt mich. Ich könnte 48 Stunden am Stück nähen.“ Das sagt Emilia Bruder, und angesichts dieser Obsession ist es geradezu hervorragend, dass die 63-Jährige eine Änderungsschneiderei betreibt – seit 23 Jahren, in der Lammstraße, erst in der Hausnummer 8, seit 16 Jahren in Nummer 12. Die Frage, ob sich das rentiert, erübrigt sich bei einem Besuch. Stetig klingelt das Windspiel an der Tür, vier Kunden in knapp 30 Minuten, das spricht für sich.
Sie habe immer gut zu tun, meint die gebürtige Rumänin, die in den 90er Jahren als 27-Jährige von Temesvar nach Zweibrücken kam. „Ich bin längst eine Zweibrückerin“, sagt sie heute, sie habe auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Etwas anderes als ihre Änderungsschneiderei kann sich die quirlige Frau gar nicht vorstellen. Sie lebe hier ihren Traum, auch wenn es ein bescheidener Traum sei. Emilia Bruder arbeitet alleine, sie hat keine Angestellten, ihr Laden umfasst 50 Quadratmeter – ein Kleinunternehmen in jeder Hinsicht. Hier wuselt sie zwischen Vorraum und Nähstube hin und her, dazwischen ist noch, mit Vorhängen abgeteilt, die Anprobe, in der Emilia Bruder Maß nimmt, anzeichnet und absteckt.
Die Pfaff läuft wie am Schnürchen
Wenn man sie so reden hört, könnte man meinen, dass sie tatsächlich manchmal zwei Tage am Stück näht. Sie hat montags bis freitags durchgehend von 8 bis 16 Uhr geöffnet, „danach arbeite ich immer noch drei, vier Stunden weiter“. Kleine Päuschen lege sie schon ein, um mal eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken, aber dann dränge es sie schon wieder zurück zur Nähmaschine. Das Pracht- und Herzstück des Ladens ist von der Firma Pfaff Kaiserslautern und wurde in den 60er Jahren gebaut. „Die habe ich schon 30 oder 40 Jahre, und sie läuft wie am Schnürchen, ist sehr robust“, schwärmt Bruder. Deshalb habe sie auch noch nie nach einer anderen geguckt. Die Pfaff und sie seien ein eingespieltes Team.
Emilia Bruder arbeitet retro, in bestem Sinne, sie hat es weder mit modernen Maschinen noch aktuellen Stoffen. In den Stoffen sei heute sehr oft Kunststoff, und der lasse sich sehr schlecht nähen. Mit Kleidung von Billiganbietern aus dem Online-Versandhandel habe sie regelmäßig zu kämpfen. Bis jetzt sei sie aber noch nie an einer Aufgabe gescheitert, sagt sie nicht ohne Stolz. Wenn sie Stücke annehme, dann kriege sie das auch hin. Manchmal habe sie die zündende Idee nicht direkt, „aber die kommt dann nachts, wenn ich im Bett liege“. Am nächsten Tag wisse sie ganz genau, was zu tun ist bei einem verzwickten Näh-Auftrag.
Alles außer Gardinen
„Ich mache alles – außer Gardinen“, sagt Emilia Bruder. Früher seien die einfacher zu bearbeiten gewesen, heute seien Stoffe und Schnitte „eine Katastrophe“. Kunden mit Gardinen und Vorhängen verweise sie weiter an Kolleginnen und Kollegen. Klingeling, das Windspiel ertönt, eine Frau kommt herein, gibt mehrere Kleidungsstücke ab. Eines hat Lurex am Kragen, „das kratzt so, kann man da etwas machen?“, fragt sie. „Nein“, sagt Emilie Bruder prompt. Sie weiß, was sie kann und was sie nicht kann oder was schlicht nicht möglich ist. „Was sie macht, ist sehr gut“, wird sie später eine weitere Kundin, die regelmäßig zum Hosen anpassen kommt, loben.
Emilia Bruder kann nicht nur ändern, sondern auch Kleider nähen. Sie hat Schneiderin gelernt, von der Kompetenz her wäre das kein Thema. Aber: „Die Arbeitsstunden, die ich für selbstgenähte Kleidung berechnen müsste, bekäme ich nicht bezahlt. Da müsste ich mehrere hundert Euro verlangen. Und von der Stange sind Kleider eben billiger.“
Deshalb ändere sie – zu lange Hosen, zu kurze Ärmel, zu weite Abendkleider, sie ersetze kaputte Reißverschlüsse nähe an gekürzte Jeans den Original-Saum wieder an. Das nehme so viel Zeit in Anspruch, dass sie auch für sich selbst keine Kleider mehr nähe, wie sie sagt. Reich werde sie mit ihrer Arbeit auch nicht, „ich halte mich über Wasser“, sagt sie, und es klingt überhaupt nicht bitter. Emilia Bruder mag ihren Job, das Surren der Nähmaschine, die Gespräche mit den Kunden. Auf einem Blechschild neben der Kasse steht: „Nähen macht süchtig. Ich hänge an der Nadel und brauche ständig neuen Stoff.“ Das trifft wohl hier ins Schwarze.
Viel Freizeit bleibt nicht
Ihre Änderungsschneiderei schließt Emilia Bruder nur sehr selten, in Urlaub war sie schon lange nicht mehr. Es dauert eine Weile, bis sie die Frage beantwortet, was sie in ihrer Freizeit macht, als müsste sie erst nachdenken, was das ist. „Wenn ich frei habe, gehe ich spazieren oder entspanne daheim“, meint sie dann. Das Windspiel bimmelt, ein Kunde kommt, er holt sein Hemd ab, das hier enger genäht wurde. „Ich bin zufrieden, ich meckere nicht, mein Laden ist mein Leben“, versichert die 63-Jährige, und: „Ich mache weiter, so lange es geht.“