Zweibrücken Vivaldi virtuos
Ein großer Traum der Menschheit sind Zeitreisen. Leider unmöglich. Zumindest fast. Wie man akustisch 300 Jahre in die Vergangenheit reisen kann, bewiesen am Freitag neun Stipendiaten der Villa Musica in der Karlskirche beim Benefizkonzert des Lions-Clubs Zweibrücken.
Auf dem Programm der Camerata Villa Musica stand nur ein Werk: Das dritte Konzert von Antonio Vivaldi (1678-1741), das den klangvollen Namen „L’estro armonico – Concerti Opera Terza“ trägt. Die „harmonische Laune“ war dabei der Hinweis auf neue Wege in der Musik, die der exzentrische Komponist einschlagen wollte. So wurde die Sammlung von zwölf Einzelkonzerten im Opus drei schon kurz nach Erscheinen 1711 zu einem großen Erfolg an den europäischen Höfen. Zehn der Konzerte für Streichorchester und Cembalo hat Villa-Musica-Dozent Reinhard Goebel mit der Camerata einstudiert. Eine erste Reminiszenz an die Historie war, dass Goebel – wie einst Vivaldi in Venedig – ein (fast) reines Frauenorchester leitete. Wie nah das Ensemble an den Ideen des Komponisten war, erlebte man jedoch erst, als die ersten Klänge ertönten. Rund 150 Besucher hatten sich in der Karlskirche eingefunden, und mancher war sicherlich überrascht, dass er ein derart exzellentes Ensemble erleben durfte. Anders kann man das rund zweistündige Konzert nicht beschreiben. Mit ein Grund dafür sicherlich die strenge Leitung durch Reinhard Goebel, der als Experte für die Musik des 18. Jahrhunderts gilt. Ein Ruf, den er an diesem Abend in der Karlskirche vortrefflich verteidigte. Man konnte Konzerte für ein bis vier Violinen mit Streichern hören. Mit kraftvollem Klang und mitreißender Virtuosität. Eine Besonderheit der Aufführung: Die vier Geigerinnen Verena Chen, Anna Matz, Jana Ozolina und Susanne Schmidt lösten einander an der ersten Violine ab. So erlebt man vier Stile und vier Persönlichkeiten. Wobei der Einfluss des Orchesterleiters stets präsent war. Goebel stand am Freitag nicht etwa am Dirigentenpult, sondern hielt sich abseits von seinen Musikern, voll im Vertrauen auf deren Fähigkeiten. Das war auch berechtigt, denn neben den bereits genannten Geigerinnen hinterließen auch Sarina Zickgraf und Anežka Ferencová an der Viola, Natania Hoffmann am Violoncello und Yael Luria mit dem Kontrabass einen hervorragenden Eindruck. Am Cembalo übrigens der einzige Mann auf der Bühne: Alexander von Heißen, gerade mal 20, aber mit großem Einfühlungsvermögen an seinem Instrument. Ein kongenialer Begleiter des kleinen Orchesters, der sich nie in den Vordergrund drängte, dennoch zum runden Gesamtbild des Abends beitragen konnte. Die Vivaldi-Komposition selbst erwies sich als ebenso anspruchsvoll wie unterhaltsam. Denn der Komponist verarbeitete darin klanglich eigene Erlebnisse und Stimmungen seiner Umgebung. So glaubte man etwa im g-moll-Konzert Nr. 2, in dessen erstem Satz die Kälte des Ausnahmewinters 1709 beinahe zu spüren. Ansonsten erprobte Vivaldi vielfältige Kompositionsmuster mit interessanten Dialogen und Rollenverteilungen der Violinen. Es ist ein großes Verdienst von Reinhard Goebel, die sicherlich talentierten Stipendiaten zu solchen Höchstleitungen zu motivieren. So erhielten nicht nur die Musiker ein tieferes Verständnis der Barockepoche, auch das Publikum tauchte ein in die musikalische Welt Anfang des 18. Jahrhunderts. Eine Leistung, die mit nicht enden wollendem Applaus der begeisterten Zuhörer belohnt wurde.