Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Vielleicht gibt’s in Zweibrücken bald ein Cannabis-Geschäft

25 Gramm Cannabisblüten liegen hier auf einer Waage.
25 Gramm Cannabisblüten liegen hier auf einer Waage.

(aktualisiert) Cannabis aus kontrolliertem Anbau in einem Laden verkaufen: Zweibrücken könnte hier Vorreiter werden. Ob’s was wird, entscheidet demnächst der Stadtrat.

Zweibrücken könnte zum Schauplatz eines wegweisenden Forschungsprojekts werden: die überwachte Abgabe von medizinisch reinem Cannabis in einem Fachgeschäft. Sven Gottschling ist mit dieser Idee auf die Stadt zugekommen. Er ist Chefarzt des Zentrums für altersübergreifende Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Uniklinikum des Saarlandes. Seit 25 Jahren setzt er Cannabis als Medikament ein, und er sagt: Eine lizenzierte Abgabe könne den Schwarzmarkt lahmlegen, Behörden entlasten, gesundheitliche Risiken für Konsumenten senken und verzweifelten Schmerzpatienten helfen, wenn die üblichen Therapien nicht anschlagen.

Mit den niederländischen Coffee-Shops, in denen jeder ab 18 Jahren Cannabisprodukte kaufen kann, sei der vorgesehene Laden nicht zu vergleichen, versichert Gottschling. Im Modellprojekt Zweibrücken müssten Kunden mindestens 21 Jahre alt sein und ihren Wohnsitz hier haben. Ist beides der Fall, bekommen sie einen Studienpass. Und nur, wenn dieser und der Personalausweis vorgezeigt werden, dürfen sie Cannabis kaufen. Ein „Cannabis-Tourismus“ sei damit ausgeschlossen. Die Kaufmenge werde vorgegeben, pro Kunde und Kauf maximal 7,5 Gramm des Wirkstoffs THC, monatlich höchstens 15 Gramm. Cannabinoide gegen medizinische Beschwerden in Tablettenform werde es auch geben. Bei den Kosten halte man sich an die Schwarzmarktpreise, damit keiner mehr beim Straßendealer kaufen muss.

Pharmafirmen würden liefern

Da es sich um ein Forschungsprojekt handelt, würden verpflichtend Daten erhoben: Alter, Geschlecht, Art und Zweck der Anwendung, wird das Cannabis aus medizinischen Gründen genommen oder ist es Freizeitkonsum. Liegen medizinische Indikationen vor, würden weitere Faktoren abgefragt wie Schmerzintensität oder Schlafqualität. Nebenwirkungen des Cannabis, körperliche und psychische, würden erfasst, auch bei den Freizeitkonsumenten. Begleitet würde die Studie von Interviews mit Psychiatern und der Polizei sowie Präventionsangeboten für Schulen, Vereine und Eltern, finanziert aus einem prozentualen Anteil des Verkaufserlöses.

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

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Das Cannabis fürs Fachgeschäft komme von Firmen, die eine Lizenz für den deutschen Medizinalcannabis-Markt haben, so wie Four 20 Pharma oder die Sanity Group. Verkauft würde es von medizinischen Fachangestellten. Gottschling weist darauf hin, dass laut einer Studie von 2024 Cannabis von der Straße erhebliche Spuren von Kokain, Fäkalien, Pestiziden, Bakterien und Viren enthielt.

Laut Gottschling ist der medizinische Nutzen von Cannabis hinreichend wissenschaftlich belegt, unter anderem in Untersuchungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dieses habe in einer Studie mit fast 17.000 Anwendern mit körperlichen Beschwerden festgehalten, dass 75 Prozent von einer Verbesserung der Symptomatik berichteten und 70 Prozent von einer verbesserten Lebensqualität.

Schwarzmarkt austrocknen

Seit April 2024 gilt Cannabis vor dem Gesetz nicht mehr als Betäubungsmittel. Anbau, Konsum und Besitz sind damit legal. Für Menschen, die es medizinisch nutzen, habe das allerdings negative Folgen, hat Gottschling festgestellt: „Die Bewilligung durch die Krankenkassen ist auf unter 20 Prozent gesunken.“ Nun heiße es, die Betroffenen könnten sich das Cannabis ja selbst besorgen oder anbauen. „Das heißt, wer nicht selbst anbauen will, muss beim Straßendealer kaufen.“ Und dort herrsche wieder das Risiko von Verunreinigungen oder synthetischer Zusätze.

Gottschling sieht beim Thema Cannabis großen Aufklärungsbedarf. „In vielen Köpfen wird es ausschließlich mit Kiffen und Drogenmissbrauch assoziiert.“ Dabei sei Hanf eine der ältesten Nutzpflanzen der Welt, „und hat zweifellos mehr zu bieten als nur ein Rauschmittel zu sein“. Der Arzt sagt, dass er wegen des Forschungsprojekts auch mit Homburg und Saarbrücken im Gespräch sei. Auf Zweibrücken sei er wegen der räumlichen Nähe gekommen, außerdem sei er hier bei Oberbürgermeister Marold Wosnitza auf offenere Ohren gestoßen. Ob Sven Gottschling einen Antrag für das Modellprojekt in Zweibrücken stellen kann, entscheidet der Stadtrat in seiner nächsten Sitzung. Eigentlich sollte der Beschluss am Mittwoch fallen, doch auf Antrag der CDU wurde lediglich informiert.

Der Stadt entstünden keine Kosten

Laut Gottschling entstünden der Stadt durch das Projekt keinerlei Kosten, alles würde von den Pharmafirmen für Medizinalcannabis finanziert. In seiner wissenschaftlichen Forschung sei er aber völlig unabhängig und neutral, betont der Arzt. Seine Hoffnung auf eine sachliche Diskussion im Zweibrücker Stadtrat wurde erfüllt, Gottschling konnte sein Anliegen deutlich machen, wohlwissend, dass das Thema Cannabis emotional sehr aufgeladen ist. Sollte sich der Rat für das Forschungsprojekt aussprechen, werde die Ethikkommission der Ärztekammer eingeschaltet. Gebe die grünes Licht, wovon er ausgehe, könne der Laden noch dieses Jahr eröffnen.

Sven Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für altersübergreifende Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Uniklinikum des
Sven Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für altersübergreifende Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Uniklinikum des Saarlandes.
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