Zweibrücken
Uschi Heusel malt Ratten, die zum Schmunzeln einladen
Wie sind Sie zur Ratte gekommen? In den 80ern waren Ratten beliebt bei den Punks, jeder hatte eine zahme Ratte auf der Schulter. War das bei Ihnen auch so? Waren Sie ein Punk?
Nein, ich war weder Punk, noch großer Rattenfreund. Ich wurde von einem Harley-Fahrer aus der Region gefragt, ob ich Ratten für ihn malen könnte. Er suchte eine dreidimensionale Darstellung einer Ratte, die aus Metall heraussteigt, da die Ratte als Maskottchen unter Harley-Fahrern beliebt ist. Bis dahin hatte ich in meinen Illustrationen für Schulbücher alle möglichen Tiere gezeichnet, aber noch nie eine Ratte. Ich habe mich also herangetastet, ein paar Entwürfe gemacht, und so hat es angefangen. Aus diesen Entwürfen entstand die Figur der Ratte Rudi, benannt nach meinem Vater, der damals im Sterben lag. Während ich an der Figur arbeitete, saß ich oft an seinem Krankenbett, und er schaute mir zu. Das war der Beginn meiner Beziehung zur Ratte als Kunstfigur.
Ihr heutiges Hauptmotiv ist nicht mehr Rudi, sondern Ludwig. Warum hat die Ratte ihren Namen geändert?
Rudi war eine sehr persönliche Hommage an meinen Vater. Doch als die Figur immer mehr zu einer eigenständigen Kunstfigur wurde, entschied ich mich für Ludwig. Es sollte ein regionaler Bezug zu Hessen entstehen, wo ich lebe, und Ludwig ist hier ein häufig vorkommender Name.
Wie kam es zu den wöchentlichen Cartoons mit Ratte Ludwig?
Das begann im Januar 1998 ganz spontan. Ich hatte zwei kleine Bücher mit Rudi-Figuren gemacht, doch die Zusammenarbeit mit dem Verlag endete. Statt die Figur sterben zu lassen, schickte ich einen kleinen Cartoon an unsere Tageszeitung, die Offenbach Post. Es war ein Sechsteiler, und die Leser waren begeistert. Der Redakteur rief mich an und fragte, ob ich regelmäßig Cartoons machen könnte – so entstand die wöchentliche Cartoonreihe mit Ludwig. Seitdem zeichne ich jede Woche einen neuen Cartoon. Mittlerweile über 2000 Stück.
Der aktuell bekannteste Rattenmaler ist Banksy, seine Ratten sind anders, schwarz, rebellisch. Wie sehen Sie Ihre Ratten?
Meine Ratten sind liebenswert, sie spiegeln andere Menschen wider. Ich möchte keinem wehtun, deswegen habe ich wohl in Frankreich 2012 den Karikaturistenpreis für besonders zarten Humor bekommen.
Ihre ersten Rattengemälde sind dann nach einem Besuch der Villa Ludwigshöhe in der Pfalz, steht bei Wikipedia ...
Ja, fast. Die Hinweisschilder in Edenkoben haben mich zur Villa Ludwigshöhe geführt. Ich hab’ mir die Bilder angeguckt: lauter Wittelsbacher, logischerweise von König Ludwig I., die Verwandtschaft und Bekanntschaft, und diese Gemälde haben mich so sehr inspiriert, dass ich dachte: Du kannst nicht nur Comics und Cartoons, du kannst doch auch richtig malen. Vorher hatte ich schon König Ludwig mit Airbrush gemalt – wie die erste Ratte für den Harley-Fahrer – das hat mir auch viel Freude gemacht. Und dann kam die Ludwigshöhe. Alles zusammen hat mich animiert, auch Gemälde zu machen.
Sind es Ihre Lieblingsgemälde, die Sie, nun ja, verratten?
Ich habe ein große Achtung vor den alten Meistern, 1976 habe ich mir mein erstes Kunstbuch gekauft, als 18-Jährige, bin auch in Ausstellungen gegangen und habe angefangen, Kunstbücher zu sammeln. Mein Schrank ist voll. Ich bleibe immer immer wieder mal an einem Gemälde hängen. Es ist gar nicht so wichtig, wer es gemalt hat, aber es gibt schon wichtige: Dürer, Manet oder Degas.
Malen Sie lieber in Öl oder Acryl?
Es ist immer Acryl. Öl rieche ich nicht gerne. Ölfarbe geht doch sehr in die Nase – und sie trocknet so langsam.
Wissen Sie noch, was Ihr erstes Rattengemälde war?
Nein, aber „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ ist eines der ersten Gemälde, das ich auf diese Weise gemacht habe. Und ich habe auch immer schon nach einem Rahmen Ausschau gehalten. Neue wollte ich nicht und konnte ich mir auch nicht leisten, also habe ich in Antiquitätenläden nach Rahmen gestöbert. Wenn sie nicht teuer waren, habe ich das Bild herausgenommen, das drin war und habe den Rahmen benutzt. Inzwischen kommen Freunde und sagen: Ich hab hier einen Rahmen, willst Du den haben? Ich kann sie gar nicht alle füllen, manche sind auch zu groß, und so viel kann ich nicht malen, so dass ich inzwischen eine schöne Rahmensammlung habe.
Zeigen Sie in Zweibrücken nur Ihre Gemälde?
Es sind in erster Linie die Gemälde mit ihren Texten – und Comic-Hefte, darunter auch den „Struwwel Ludwig“, mit Ratte Ludwig. Vor 15 Jahre habe ich erstmals im Struwwelpeter Museum in Frankfurt ausgestellt. Die Direktorin regte mich an, eine Verbindung von der Ratte Ludwig zum Struwwelpeter zu schaffen. Entstanden ist ein ganzer Comicband. Ich hab’ genauso gezeichnet wie Heinrich Hoffmann, aber die Texte sind in der heutigen Zeit beheimatet, und auf den Bildern sieht man Ratten. Den Comic bring’ ich mit - und ich werde auch daraus vorlesen.
Ihre Webseite trägt den schönen Titel Museum of Modern Rat in Abwandlung von Museum of Modern Art ...
Das war eine Idee des Karikaturisten Klaus Puth, mit dem ich befreundet bin und der in der Nähe wohnt.
Auf der Einladungskarte zur Zweibrücker Ausstellung ist ein Gemälde mit Rättin Ophelia zu sehen ...
Das Gemälde hängt bei mir in der Nähe im Museum Wiesbaden. In der ersten Sequenz des Clips schlüpft Taylor Swift in die Rolle der tragischen Figur der Ophelia aus Shakespeares Stück Hamlet. Am Anfang des Musikvideos „Fate of Ophelia“ liegt Taylor Swift genauso da wie Ophelia auf diesem Gemälde, steigt dann aber auf und singt. Das hat einen regelrechten Hype ausgelöst, viele junge Mädels haben das Museum gestürmt. Es gab sogar im November einen Taylor-Swift-Abend im Museum, wo alle andächtig vor dem Gemälde sitzen und es bewundern konnten. Da dachte ich: Das kann meine Ratte auch! In Zweibrücken wird mein Gemälde zum ersten Mal gezeigt.
Ist „Ophelia“ mit 1,20 Meter Breite ihr bislang größtes Gemälde?
Nein, aber eines meiner Größten in der letzten Zeit. In meinem Schlafzimmer hängt eins, das viel größer ist und das nicht transportieren kann. Es ist fast nur schwarz mit zwei Ratten, einer großen und einer ganz kleinen mit einer Narrenkappe.
Gibt es schon Museen, die das Originalbild und Ihre Version gemeinsam ausstellen?
Nein, aber das wäre schön.
Info
Uschi Heusel: „Eine Welt, wie sie mir gefällt“, Malerei, Illustrationen, Karikaturen, Zweibrücken, Galerie Formart QHof, Höhenstraße 6, 28. März bis 26. April. Ausstellungsbesuche nach Vereinbarung unter Telefon 06337 921112.
Vernissage: Samstag, 28. März, 18.30 Uhr, die Künstlerin liest aus ihren Büchern vor. Finissage: Sonntag, 26. April, 11 Uhr, im Beisein der Künstlerin.
Zur Person
geboren 1956 in Dietzenbach (bei Frankfurt), ausgebildete Bürokauffrau, machte 1985 eine Fernstudium im Malen und Zeichnen und begann 1994 Kinderbücher, Sachbücher und Schulbücher zu illustrieren. Es folgten Cartoons, Coverillustrationen, Spiele und Postkarten. Seit 1998 zeichnet sie wöchentlich einen Cartoon mit der Hessisch sprechenden Ratte Ludwig für die Tageszeitung Offenbach-Post. Die ersten Acrylgemälde entstanden 2002. Darin malt sie Werke alter Meister mit Ratten statt Menschen nach. In Dietzenbach steht eine Rattenskulptur von ihr. Sie stellt ihre Werke in Europa und China aus und lebt in Dietzenbach.