Zweibrücken / Tschernobyl
Tschernobyl 1986: Zweibrücken misst, Soldaten helfen und Demag-Krane bauen den Sarkophag
26. April 1986 – 1:23:40 Uhr Moskauer Zeit. Dieses Datum und diese Uhrzeit markieren den Beginn der schwersten Havarie in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Der leitende Reaktorsteueringenieur Leonid Toptunow drückte damals im Kontrollraum des Reaktorblocks 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl den AZ-5-Knopf zur Schnellabschaltung. Es kam zum Super-Gau.
„Vergiftete“ Milch und die „Todeswolke“
Die Nuklearkatastrophe führte zusätzlich zu einem Informations-Gau. Von heute auf morgen schossen viele Strahlenexperten aus dem Boden. Sie überboten sich mit ihren Kenntnissen über Jod, Cäsium, Strontium, Ruthenium und Plutonium. Begriffe wie Röntgen, Gray, Becquerel, rem und Sievert gingen leicht über die Lippen. Heftig diskutiert wurde über „atomverseuchte“ Spielplätze, „vergiftete“ Milch, „missgebildete“ Kinder im Mutterleib und die „Todeswolke“. Dabei hatte die Bundesregierung zu beschwichtigen versucht. Etwa in einer Fernsehansprache von Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) vom 29. April: „Eine Gefährdung besteht nur in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometer um den Reaktor herum. Dort ist sie hoch. Wir sind 2000 Kilometer weg.“
Die Luftlinie Tschernobyl – Zweibrücken beträgt 1650 Kilometer. Wie verunsichert die Zweibrücker Bevölkerung war, kommt in Berichten der beiden Lokalzeitungen deutlich zutage. Laut RHEINPFALZ ersuchte der damalige Oberbürgermeister Werner von Blon über das Verteidigungskreiskommando die ABC-Abwehrtruppe in der Niederauerbach-Kaserne um Hilfe. Dort waren zwei ABC-Abwehr-Bataillone beheimatet: das Bataillon 310, das dem Dritten Korps unterstand, und das Bataillon 900, das der Bundesregierung zugeordnet war. „Einzigartig war unsere Ausrüstung mit Spürpanzern“, erinnert sich der Zweibrücker Ralf Kaumann, von 1985 bis 1989 Kommandeur der 310er, im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Ausgerüstet sei man nur für das Aufspüren des radioaktiven Niederschlags nach einer Atombombendetonation gewesen. Der Ex-Oberstleutnant: „Unsere Messgeräte waren für die geringen Mengen an Radionukliden, die bei uns abregneten, nicht geeignet.“
Mit einem Dosisleistungsmessgerät habe sein Bataillon keine Erhöhung der natürlichen Strahlungsmenge festgestellt, gibt die RHEINPFALZ am 9. Mai 1986 den Strahlenschutzbeauftragten Bertram Bastian wieder. Der Kommandeur der 900er, Oberstleutnant Herbert Hames, war als Standortältester für Hilfeleistungen im Katastrophenfall zuständig. Die Messungen seien im Westpfalzstadion, auf den Sportanlagen am „Kleinen Exe“, am Kindergarten in Rimschweiler und auf dem Kinderspielplatz in der Wolfslochstraße in Bubenhausen durchgeführt worden. Ex-Kompaniechef Hauptmann Bastian erinnert sich, dass er mit einem speziellen Messgerät für radioaktive Strahlung, einem Endfensterzählrohr, verschiedene Sandkästen in den Kindergärten untersucht und einige Abnormalitäten festgestellt habe. Er habe deshalb weiterführende Messungen vorgeschlagen.
Auch die Chemie- und Strahlenschutzgruppe der städtischen Feuerwehr war im Einsatz. Unter der Leitung von Harald Schmieg, zuletzt Stadtfeuerwehrinspekteur, wurden Messungen an der Kläranlage, auf dem Galgenberg und im Bereich des Freibades vorgenommen. Mit dem normalen Dosisleistungsmessgerät habe die Gruppe keine erhöhte Strahlenmenge ermitteln können, schrieb die RHEINPFALZ.
Kleingärtner können die Strahlung messen lassen
Das Ordnungsamt hatte in seinem Hinterhof eine Strahlenschutzmessstelle eingerichtet. Ab 5.30 Uhr konnten dort die Marktbeschicker und Händler ihre Waren überprüfen lassen und auf Wunsch auch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung erhalten. Von 8 bis 12 Uhr wurden die Erzeugnisse von Kleingärtnern und Normalverbrauchern gemessen. Die Landesregierung in Mainz hatte einen Milch-Verkaufsstopp ausgesprochen und den Verkauf von Freilandgemüse untersagt.
Ganz anders war die Situation in Belarus. Dort ging der größte Teil des radioaktiven Niederschlags aus Tschernobyl nieder. Insbesondere wurden die Regionen Gomel und Mogilew kontaminiert. Iryna Steinmetz, die Ehefrau des RHEINPFALZ-Fotografen und Bildjournalisten Jo Steinmetz, stammt aus Weißrussland. Zur Zeit der Havarie besuchte die damals 15-Jährige zusammen mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester in einem Dorf bei Njaswisch die Schule. Die Stadt mit etwa 15.000 Einwohnern liegt 120 Kilometer südwestlich von Minsk und ist 380 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt. Bekannt ist sie für das Schloss der Familie Radziwiłł, das 2005 Unesco-Welterbe wurde. Nach ihrem Medizinstudium an der Staatlichen Medizinischen Universität Grodno arbeitete Steinmetz als Ärztin 15 Jahre lang an der Uniklinik. 2012 kam sie nach Deutschland.
„Die radioaktive Wolke hat unser Gebiet nur gestreift“, berichtet die heutige Hornbacherin. „Daher wurde es lediglich als Region mit periodischer radiologischer Kontrolle eingestuft.“ Durch lokale Regenfälle konnte es punktuell zu höheren Werten an Cäsium kommen. Ende April und Anfang Mai sei es sonnig gewesen, erzählt sie. Die Kinder hätten daher viel draußen gespielt. Am Wochenende habe man im ganzen Land den 1. Mai mit Großdemonstrationen gefeiert. Viele Familien seien am Wochenende in die Natur gefahren. Wegen der restriktiven Informationspolitik der Regierenden sei die Bevölkerung nicht über die Gefahr informiert gewesen. Ähnlich war es in der DDR, und auch Frankreich ließ seine Bürger im Unklaren, behauptete gar, die radioaktive Wolke habe an der französischen Grenze Halt gemacht. 20 Jahre später musste sich der damalige Chef der Strahlenschutzbehörde vor Gericht verantworten.
In der Schule Verhalten bei Atomkrieg trainiert
Ihr Vater habe öfters „Oh weh, oh weh“ gesagt, erinnert sich Iryna Steinmetz. „Für mich als Kind war die Situation klar und gleichzeitig nicht klar. Ich konnte die Gefahr nicht richtig wahrnehmen“, schildert die Medizinerin über ihre Jugendzeit. Es habe ärztliche Untersuchungen gegeben, aber Schilddrüsentumore zeigten sich ja erst später. Die Katastrophe sei zu plötzlich hereingebrochen. In der Schule habe man das Verhalten bei einem Atomkrieg trainiert. Auf dem Lehrplan hätten Übungen mit ABC-Masken, das Verhalten bei Sirenen und Ähnliches gestanden. Die Inhalte in den Schulbüchern seien auf den Krieg mit den USA und der Nato ausgerichtet gewesen.
Die sowjetischen Medien berichteten mehrheitlich heroisch über die „Schlacht von Tschernobyl“. Der Raum um den havarierten Reaktorblock 4 wurde zum Kriegsschauplatz erklärt. Ein Teil der Liquidatoren, die den Kampf gegen den unsichtbaren Feind Radioaktivität führten, nannte man Partisanen wegen ihres paramilitärischen Erscheinungsbildes. Die berüchtigten Pripyat-Sümpfe und -Wälder in der Umgebung waren im Zweiten Weltkrieg ein bedeutendes Rückzugsgebiet der ukrainischen und belorussischen Partisanen.
Technik „made in Zweibrücken“ ermöglichte es, nach der Kernschmelze, der Dampfexplosion und dem Graphitbrand den Kampf zu gewinnen. Durch den Einsatz von drei Demag-Kranen war nach 206 Tagen und Nächten die radioaktive Strahlung mit einem Riesensarg, Sarkophag genannt, eingedämmt. Aus Angst vor der Strahlung lehnte die Zweibrücker Firma aber die Aufsicht bei der Montage vor Ort ab. In dem 2012 in Moskau erschienenen Buch „Erfahrungen bei der Bewältigung von Strahlenunfällen (Tscheljabinsk – Tschernobyl)“ schildert ein Beteiligter, dass wichtige Schaltzeichnungen gefehlt hätten, was zu Schwierigkeiten bei der Inbetriebnahme geführt habe. Dennoch habe man in 26 Tagen drei Krane zusammengebaut. Laut den Demag-Unterlagen sollte die Montage eines Krans drei Monate dauern.
Für einen Kran brauchte man 32 Eisenbahnwagen
Mitte Juni waren die drei je 1440 Tonnen schweren Krane CC 4000 (englisch Crawler Crane) auf Flachwagen am Bahnhof Teterev eingetroffen. Für einen Kran brauchte man 32 Eisenbahnwagen. Aus den Seriennummern 41016, 41020 und 41021 wurden die Kampfnummern 16, 20 und 21. Im russischen Militär ist der Gebrauch von Kampf- oder Gefechtsnummern üblich. Mit kurzen Nummern statt Namen geht die Befehlsausgabe schneller.
Die Montage erfolgte rund um die Uhr und wegen der hohen Strahlung etwa einen Kilometer entfernt von der Havariestelle. Eingesetzt wurden dazu unter anderen zwei 80-Tonnen-Liebherr-Krane und ein Liebherr-Kran LT 1300. Am 21. Juli fuhr die Nummer 16, die eine Tragfähigkeit von 500 Tonnen besaß, als erster Kran zum Einsatzort. Nummer 20 und 21 besaßen einen 480-Tonnen-Superlift, das heißt, sie hatten eine Gitterstrebe mit Gegengewichtswagen. Dadurch waren die beiden Krane aber unbeweglicher als die Nummer 16. Sie besaßen eine Tragfähigkeit von 650 Tonnen und einen 66 Meter langen Haupt- und Hilfsausleger.
Am Anfang sprach man bei den riesigen Kranen von „Monstern“, später von „Schönheiten“. Beim Bau des Sarkophags wurde in vier Schichten mit einer Gesamtstärke von 240 Personen gearbeitet. Die Krane mussten teilweise modifiziert werden. So wurden Bleikabinen auf die Krane gesetzt und Videokameras im Arbeitsbereich angebracht. Es gab zahlreiche Probleme zu bewältigen. Es kam zu Verkantungen, weil der Untergrund lediglich geschottert war und noch Trümmerteile dort lagen. Wegen der hohen Strahlung waren die Akkus nach vier bis sechs Stunden leer. Die Kameras fielen mindestens zweimal am Tag aus und mussten ersetzt werden. Die Bordcomputer streikten öfters, sodass man auf manuellen Betrieb umstellen musste.
„Nicht immer waren alle Demag-Kräne im Einsatz“, berichtet Alexander Molev der RHEINPFALZ. Er kam am 13. September nach Tschernobyl. Eine seiner Aufgaben bestand darin, Fernsehkameras auf den Demag-Kranen und am zerstörten Reaktorblock zur Beobachtung der Montage des sogenannten Mammut-Balkens anzubringen. Einmal konnte sich ein Kran nicht mehr drehen. „Die bewegliche Kabine hatte sich verkantet. Durch die Ionisierung der Luft war das Material ermüdet“, erinnert sich der Ingenieur. Drei Stunden war er mit der Reparatur beschäftigt. Am 14. August verließ Molev wieder die Baustelle, nachdem er „genug Strahlung“, wie er es formulierte, abbekommen hatte. Insgesamt waren am Bau des vorläufigen Schutzmantels, der 30 Jahre halten sollte, 90.000 Personen beteiligt. Am 30. November war er in Rekordzeit fertiggestellt.
Wo die Demag-Krane heute sind
Wo die stark kontaminierten und später gereinigten Demag-Krane heute sind, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Auf Nachfrage antwortet Anne Steeb, Sprecherin der Demag-Nachfolgefirma Tadano: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zu konkreten Standorten einzelner Krane grundsätzlich keine Auskunft geben können.“ Nach RHEINPFALZ-Informationen ging ein Kran über Sosnowy Bor bei Leningrad nach Baku (Aserbaidschan) und die beiden anderen Krane nach Europa. Laut dem englischen Kranverleiher Baldwins war einer davon 1999 in Spanien im Einsatz. Die Krane sollen von Zweibrücken aus fernbetreut werden.
Nochmals kam ein Demag-Kran zum Einsatz. Mit dem Raupenkran CC 8800-1, bereitgestellt vom belgischen Kranspezialisten Sarens, erfolgte 2013 der Abbau des markanten weiß-roten Abluftschachts zwischen den Reaktorblöcken 3 und 4, der Teil der Druckentlastungssysteme war. Der Turm ragte 75 Meter in die Höhe, wog 330 Tonnen, hatte einen Durchmesser von neun Metern und bestand aus sieben Abschnitten. Der oberste Teil wurde am 31. Oktober mittels Plasmaschneidverfahren entfernt und nach Teilzerlegung in der Turbinenhalle von Block 3 vorübergehend aufbewahrt. Wegen der ionisierenden Strahlung stand der Kran in 120 Metern Entfernung. Nur mit einem Kran mit enormer Auslegelänge und Hubkraft war die Demontage möglich.
Die Vereinten Nationen haben den 26. April offiziell als Internationalen Tag der Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl festgelegt. Am Tschernobyl-Tag werden in vielen Städten und Dörfern der Ukraine, Russlands und Belarus Kränze und Blumen an den Mahnmalen niedergelegt und Veranstaltungen organisiert. Wie am Heldengedenktag. Nach offizieller sowjetischer Angabe starben aufgrund der Katastrophe 31 Personen. Der offizielle UN-Bericht spricht von weniger als 60 unmittelbaren Todesfällen. Dazu zählen in erster Linie Feuerwehrleute und Kraftwerksmitarbeiter sowie auch Leonid Toptunow, der im Moskauer Krankenhaus Klinik Nr. 6 am 14. Mai an akuter Strahlenkrankheit verstarb. Wie viele Menschen an den Langzeitfolgen starben, ist unklar. Die Angaben schwanken zwischen wenigen tausend und mehreren zehntausend.
Die Havarie überlagert ein Verbrechen der Nazis
Im Jahr 1941 starben in Tschernobyl deutlich mehr Menschen auf einen Schlag. Die Geschichte der Havarie überlagert die Ermordung der Bewohner des einstigen bedeutsamen jüdischen Schtetls. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges lebten in der Kleinstadt etwa 1780 Juden, ein Fünftel der Bevölkerung. Deutsche Soldaten besetzten am 14. August 1941 die Stadt. Ein Teil der Juden wurde deportiert und in der Schlucht Babij Jar bei Kiew ermordet. Am 19. November trieb die ukrainische Schutzpolizei die fast 500 Juden des kurz zuvor eingerichteten Ghettos zum Friedhof am westlichen Stadtrand. Dort wurden sie von deutschen Soldaten erschossen. Ein Denkmal erinnert an die Hinrichtungen. Zum Zeitpunkt der Nuklearkatastrophe wohnten wieder etwa 150 Juden in der Stadt.
Stichwort
Der Name Tschernobyl (ukrainisch: Tschornobyl) steht für:
1. die sehr alte Kleinstadt mit einst 10.000 Einwohnern an der Mündung des Usch in den Pripyat in der Region Polissja. Die Entfernung zum Kernkraftwerk Tschernobyl beträgt etwa 15 Kilometer. Für die chassidischen Juden ist sie eine heilige Stadt. Alljährlich wird sie von ihnen zum Todestag des Rabbiners Menachem Nachum, Gründer der Twerski-Dynastie, besucht.
2. den sowjetischen Kraftwerkskomplex mit vier Blöcken „Tschernobyler Atom-Elektro-Station AES benannt nach W. I. Lenin“, im Nordosten der heutigen Ukraine, 110 Kilometer Luftlinie von Kiew und vier Kilometer von Pripyat entfernt.
3. Tschernobyl-2: die kleine autarke Militärstadt mit 1000 Menschen zehn Kilometer südlich des KKW Tschernobyl. Dort stand die Duga-1-Überhorizont-Radaranlage zur Früherkennung von Interkontinentalraketen. Herzstück war das Rechenzentrum mit einem Supercomputer. Den Strom lieferte das Kernkraftwerk. Der dazugehörige Sender stand im 60 Kilometer entfernten Ljubetsch-1.
Der Autor
Der Zweibrücker RHEINPFALZ-Mitarbeiter Artur Dressler besuchte im Jahr 1991 auf Einladung des Ministerium für Atomenergie und -industrie der UdSSR in Moskau Tschernobyl, Pripyat und Slawutytisch, um Forschungsprojekte vor Ort zu besprechen.
Transparenzhinweis: Wir haben in der Einleitung zum Artikel den Ausdruck „Schutzhülle um das Kernkraftwerk“ geändert in „Schutzhülle um den zerstörten Block 4“.