Zweibrücken
Rosa Engel erklärt, warum sie wütende Frauen fotografiert
Wie kam es dazu, dass Sie sich in Ihrer Fotografie ausschließlich auf Frauen konzentrieren?
Das war eigentlich ein Bauchgefühl, als ich mit der Porträtfotografie begonnen habe. Vorher habe ich lange gemeinsam mit meinem Mann fotografiert, vor allem Eventfotografie. Irgendwann hatte ich den inneren Impuls, Fotos zu machen, bei denen ich die volle gestalterische Kontrolle habe – eine Art Gesamtbild, das ich selbst definiere. Ich begann, Frauen zu fotografieren, und stellte fest, dass die Kommunikation mit Frauen eine ganz andere Dynamik hat als mit Männern. Es entsteht eine Verbindung auf Augenhöhe, die für mich in der Fotografie besonders ergiebig ist.
Wie finden Sie die Frauen für Ihre Aufnahmen, insbesondere für das Wut-Projekt?
Am Anfang habe ich Frauen direkt angeschrieben und gefragt, ob sie mitmachen möchten. Zwei Frauen haben damals den Mut gehabt, es auszuprobieren. Die ersten Bilder habe ich dann auf Social Media geteilt, und danach wurde ich selbst angeschrieben. Frauen aus meinem Umfeld fanden das Projekt spannend und wollten mitmachen, um es zu unterstützen.
Wie bringen Sie die Frauen dazu, vor der Kamera wütend zu sein? Das ist ja ein emotionaler Prozess.
Das Wichtigste ist Vertrauen. Es hilft, dass wir alle Schmerzpunkte in uns tragen, denn echte Wut kommt oft aus Schmerz. Ich konzentriere mich dabei nicht auf allgemeine Themen wie Politik, sondern wir gehen in den privaten Bereich: Was tut weh? Was wurde unausgesprochen gelassen? Ich stelle mich dann in die Rolle der Person, die etwas Verletzendes getan hat, und ermögliche der Frau, mir alles zu sagen, was sie auf dem Herzen hat. Dabei kommt sehr viel Wut zutage – das ist ein intensiver, aber auch befreiender Moment.
Wie läuft eine solche Fotosession ab? Wie lange dauert es, bis die Emotionen herauskommen?
Das dauert in der Regel nicht lange, maximal 45 Minuten. Manche Frauen kommen leichter an ihre Emotionen heran, andere brauchen etwas länger. Viele Frauen sagen zunächst, dass sie kein wütender Mensch seien, aber wenn wir an den Schmerzpunkt kommen, bricht die Wut oft schnell hervor. Ich schaffe dafür einen bewertungsfreien Raum, in dem sie wissen, dass sie so sein dürfen, wie sie sind. Das macht einen großen Unterschied – auch, weil ich als weibliche Fotografin diesen Raum frei von typischen Schönheitsidealen oder gesellschaftlichen Erwartungen halten kann.
Sie haben nur Frauen genommen, die sich gemeldet haben? Es fehlen zum Beispiel Teenager, es fehlen alte Frauen mit weißen Haaren ...
Das ist tatsächlich so. Wir sind ja alle auf Social Media in der Blase unterwegs, deshalb sind vor allem Frauen von Anfang 30 bis Mitte 60. Es waren auch Frauen mit Migrationshintergrund dabei, aber natürlich nicht die, die in ganz konservativen Familien leben. Ich weiß auch gar nicht, ob das halt überhaupt möglich wäre. Die Ausstellung ist für mich ein stehendes Konzept, jetzt, da sie wandert. Aber es finden noch Wut-Shootings statt. Ich werde immer wieder angeschrieben von Frauen, die das machen möchten, und inzwischen weitet sich das Projekt auf jüngere Frauen, die Anfang 20 sind in in den letzten Teenagerjahren.
Wie entstehen die Fotos genau? Fotografieren Sie in den häuslichen Umgebungen der Frauen?
Nein, ich wähle meist abgelegene Orte, an denen wir ungestört sind, zum Beispiel Gewerbegebiete am Sonntagmorgen. Die Kulisse ist dabei weniger wichtig als die Privatsphäre. So kann sich niemand beobachtet fühlen oder befürchten, dass jemand die Polizei ruft, weil eine Frau laut schreit.
Reisen Sie zu den Frauen und mit der Ausstellung durch ganz Deutschland oder auch ins Ausland?
Die Arbeiten der Ausstellung sind vor allem im Aachener Raum entstanden. Frauen, die weiter weg leben, reisen oft zu mir. Inzwischen fahre ich auch zu anderen Städten, wenn sich mehrere Frauen zusammenschließen. Vor einigen Wochen war ich zum Beispiel in Winterthur in der Schweiz, um dort mit mehreren Frauen zu arbeiten.
Wie wird die Ausstellung von den Besucherinnen angenommen?
Die Ausstellung gibt es seit 2022, und sie wurde bereits in zahlreichen Städten gezeigt. Es gibt zwei Versionen: eine große Ausstellung und eine kleinere Impulsausstellung, die sich für Vereine oder kleinere Räumlichkeiten eignet. Besonders an Tagen wie dem Internationalen Frauentag oder dem Tag gegen Gewalt an Frauen wird die Ausstellung häufig gezeigt. Ich würde mir wünschen, dass Frauenthemen auch abseits dieser Daten mehr Beachtung finden.
Gibt es zu der Ausstellung auch einen Katalog?
Ja, das Buch ist vor allem ein Bildband mit vielen Fotos – auch solchen, die nicht in der Ausstellung zu sehen sind. Hinzu kommen erklärende Texte, die ich im Laufe des Projekts geschrieben habe, sowie Beiträge von drei Expertinnen. Eine von ihnen arbeitet mit Frauen, die zum Beispiel Beschneidungen erlebt haben, eine andere ist Elterncoach und schreibt über mütterliche Wut. Die dritte ist Coachin für Männer und Frauen und beleuchtet die Wut als wichtige Triebfeder im Leben.
Haben Sie sich selbst schon einmal wütend fotografiert?
Nein, ich mache generell keine Selbstporträts. Die Frage, ob mein Mann mich wütend fotografieren könnte, kommt öfter, aber das ist etwas völlig anderes. Wut vor jemandem zu zeigen, mit dem man eine persönliche Verbindung hat, ist nicht dasselbe wie vor einer fremden Person.
Ausstellung
„Die Wut ist weiblich“, 24 Fotografien von Rosa Engel, Zweibrücken, Stadtmuseum, Herzogsaal, Herzogstraße 9, 8. bis 22. März, Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr, Dienstag 10-18 Uhr.
Vernissage: 8. März, 11.15 Uhr. Es sprechen Christina Rauch (Zweibrücker Kulturdezernentin), Astrid Gauf (stv. Gleichstellungsbeauftragte der Stadt), Birgit Kerner (Frauennotruf), Aline Maldener (Stadtmuseumsleiterin), Leah Eisenbath (Poetry Slammerin).
Zur Person
Rosa Engel, Jahrgang 1975, hat Design an der FH Aachen studiert. Mehr als sieben Jahre hat sie ihren Mann Patrick Engel bei der Hochzeitsfotografie begleitet und für ihre emotionalen Reportage-Bilder zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Ihre ersten Frauenporträts entstanden 2019. Seither macht sie Frauen in all ihren Facetten, mit ihrer Stärke und ihrer Verletzlichkeit sichtbar. Im Zentrum steht das Empowerment von Frauen und die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Ihre Foto-Ausstellung „Die Wut ist weiblich“ tourt seit 2022 als Wanderausstellung durch Deutschland. In der Pfalz ist Zweibrücken die erste Station. Rosa Engel lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Aachen.