Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Nach der Deportation Zweibrücker Juden nach Gurs: Was aus Familie Moses wurde

Eugen und Bertha Moses (Mitte) mit den Kindern Fritz, Edith, Gretel und Ernst (von links).
Eugen und Bertha Moses (Mitte) mit den Kindern Fritz, Edith, Gretel und Ernst (von links).

22 Zweibrücker jüdischen Glaubens wurden am 22. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs im Südwesten Frankreichs deportiert. Dasselbe Schicksal traf rund 6500 weitere Menschen in der Pfalz, Baden und dem Saarland. Stolz meldete danach Gauleiter Bürckel seinen Gau als „judenfrei“. Unter den Deportierten waren Eugen Moses und seine Frau Bertha, geborene Kehr, sowie ihr Sohn Fritz. Was aus der Familie wurde, weiß Enkelin Brenda Stern-Roter.

Ihre Mutter Gretel war das jüngste der vier Kinder von Eugen und Bertha Moses. Als gelernter Kaufmann führte Eugen Moses die von seinem Vater Isidor betriebene Vieh- und Landesproduktenhandlung in der Hofenfelsstraße 70. Das Paar bekam in Zweibrücken zwischen 1912 und 1920 zwei Söhne und zwei Töchter: Fritz, Ernst, Edith und Gretel. Die Kinder wuchsen in harmonischer Gemeinschaft mit den nichtjüdischen Nachbars- und Schulkindern auf, was mehrere Fotos aus dieser Zeit zeigen. Edith findet sich selbst noch auf Fotos mit ihren Kameradinnen, als diese schon die Hakenkreuzfahne mit sich führten. Die Aufnahmen entstanden bei einer „Geschichtsfeier“ am 12. Juli 1933. An jenem Tag wurden die Richtlinien über die Einbeziehung des Rassegedankens und des Führertums im Geschichtsunterricht an deutschen Schulen veröffentlicht.

Stern-Roter, die die Fotos zur Verfügung stellte, ist überzeugt, dass ihre Tante Edith damals nicht unwissend um die veränderten Zeiten war und sich wahrscheinlich unter Gruppenzwang mit ablichten ließ. Als die antisemitischen Repressionen der Nazis zunahmen, wurden die drei jüngsten Moses-Kinder Ernst, Edith und Gretel von ihren Eltern in die USA geschickt. Die Eltern sowie ihr ältester Sohn Fritz blieben in Zweibrücken zurück.

So kam es, dass sie vor 80 Jahren mit 19 anderen Juden von Zweibrücken nach Gurs deportiert wurden. Sie überlebten den für viele tödlichen Transport und die katastrophalen Zustände im Lager, wo das Ehepaar Moses in getrennte Baracken kam. Nachdem sie einen Antrag auf Entlassung zwecks Emigration in die USA gestellt hatten, wurden Vater und Sohn am 31. März 1941 ins Lager Les Milles in Aix-en-Provence verlegt. Bertha Moses kam nach Marseille.

Bertha Moses starb auf der Überfahrt

Obwohl für September 1941 drei Plätze auf einem Schiff mit Ziel USA reserviert und bezahlt waren, dauerte es bis zum Juni 1942, ehe Eugen, Bertha und Fritz Moses in Marseille ihre Visa für die USA-Einreise erhielten. Enkelin Brenda schildert, ihre Großeltern und Onkel Fritz verließen mit einem der letzten Schiffe Europa. Das in Lissabon ablegende Schiff „Nyassa“ fuhr über Casablanca nach Baltimore.

Bertha Moses sollte ihr Ziel jedoch nie erreichen. Sie starb auf der Überfahrt an Typhus und wurde in der Nähe der Bermudainseln im Meer beigesetzt. Ihr Sohn Fritz litt den Rest seines Lebens unter posttraumatischen psychischen Störungen infolge der Lagererfahrungen. Sein Vater Eugen starb 1955, Fritz und Ernst in den 70er Jahren und Edith im Jahr 2000. Gretel, die jüngste Tochter, die in den USA Edgar Stern heiratete, starb vor 18 Jahren in Laguna Wood, Kalifornien. Das Haus in der Hofenfelsstraße 72, in dem sie aufwuchs, besuchte Gretel mit ihrer Tochter Brenda nur noch ein einziges Mal, um 1963. Die inzwischen in diesem Haus wohnende Familie habe Gretel gleich wiedererkannt und sie zum Kaffee in ihr Haus eingeladen. Die dort noch befindlichen Möbelstücke ihrer Eltern lösten schmerzliche Erinnerungen aus.

Eugen Moses’ Tante, Karolina Weis, geborene Moses, und ihre Tochter Irma waren am Tag der Deportation nach Gurs die einzigen Juden, die in Zweibrücken blieben. Dies lag daran, dass Karolina als junge Frau in die USA emigrierte und dort den zuvor ebenfalls eingewanderten und inzwischen eingebürgerten Isaak Weis aus Herschberg heiratete. Durch die Heirat zur US-Bürgerin geworden, hielt man sich bei der längst nach Deutschland zurückgekehrten und inzwischen hochbetagten Witwe und der sie pflegenden Tochter bei der Deportation zurück. Nachdem Karolina Weis bereits Anfang 1941 starb, ging ihre Tochter Irma zu einer Cousine nach Stuttgart. Von dort wurde sie Ende 1941 in das Konzentrationslager Riga deportiert, wo sie ermordet wurde. Somit waren die beiden Frauen die letzten in Zweibrücken verbliebenen Jüdinnen.

INFO

Am Donnerstag, 22. Oktober, wird der aus Zweibrücken deportierten Juden gedacht. Veranstalter: Stadt Zweibrücken, Ökumenischer Arbeitskreis (Ev. /Kath./Ev. Method. Kirche), Historischer Verein Zweibrücken, Bündnis buntes Zweibrücken.

  • 16 Uhr: Stadtführung durch das jüdische Zweibrücken mit Stadtmuseums- und Archiv-Leiterin Charlotte Glück, Treffpunkt Hallplatzbrunnen. Die Führung ist kostenlos, Anmeldungen unter Telefon 06332/871-380 oder per E-Mail an stadtarchiv@zweibruecken.de.
  • 17.30 Uhr: Gedenkveranstaltung auf dem Zweibrücker Bahnhofsvorplatz.
Edith Moses im Kreis ihrer Kameradinnen am 12. Juli 1933.
Edith Moses im Kreis ihrer Kameradinnen am 12. Juli 1933.
Das Gebäude der Hofenfelsstraße 70 Anfang 1934.
Das Gebäude der Hofenfelsstraße 70 Anfang 1934.
Eugen Moses mit Ehefrau Bertha geb. Kehr
Eugen Moses mit Ehefrau Bertha geb. Kehr
Karolina (Caroline) Weis, geborene Moses, Tante von Eugen Moses.
Karolina (Caroline) Weis, geborene Moses, Tante von Eugen Moses.
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