Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Nach 30 Jahren: Rita Graushaar übergibt Bioladen an ihre Nachfolger

Sagt Tschüss: Rita Graushaar, Inhaberin des Bio-Ladens, geht nach 30 Jahren in den Ruhestand.
Sagt Tschüss: Rita Graushaar, Inhaberin des Bio-Ladens, geht nach 30 Jahren in den Ruhestand.

1991, als Rita Graushaar den Bioladen in Zweibrücken übernahm, war Bio noch eher etwas für Exoten. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert, das Geschäft wurde zu einer Marke in der Stadt. Jetzt übergibt die Zweibrückerin ihren Markt und erzählt, auf was sie sich im Ruhestand besonders freut.

Rita Graushaar freut sich. Über ihr viertes Enkelkind, ein Mädchen, das in der Nacht zum Donnerstag auf die Welt gekommen ist, und sie freut sich auf viel Freiheit. Zum 30. Juni übergibt sie den Bioladen in der Rosengartenstraße an ihre Nachfolger. 30 Jahre hat die 67-Jährige für das Geschäft gelebt, jetzt winkt der Ruhestand. „Ich gehe mit einem sehr guten Gefühl. Ich habe in den ganzen Jahren mein Bestes gegeben“, sagt die Geschäftsfrau mit viel Stolz. Dass sie sich mit gutem Gefühl zurückziehen kann, liege auch an den Nachfolgern: Heike Bischoff und ihre Tochter Ve aus Dellfeld arbeiten schon länger bei ihr, Andreas Bischoff steigt nun mit ein. „Sie kennen Kunden und Geschäft“, sagt Graushaar.

Bevor die Zweibrückerin das Geschäft mit 37 Jahren übernahm, gab es den Bioladen bereits seit neun Jahren. Er wurde in der Schlossplatzstraße, die parallel zur Fußgängerzone verläuft, von zwei Herren aus dem Saarland geführt. Rita Graushaar machte damals bei dem Kurs „Neuer Start ab 35“ mit. „Das war ein Pilotprojekt mit der Frauenbeauftragten und wurde vom Land gefördert“, erinnert sich die bald Ruheständlerin. Es folgte ein Praktikum in dem Geschäft und eine Arbeit als Aushilfe. „Niemals hätte ich gedacht, dass ich den Laden einmal übernehme“, sagt Graushaar und lacht.

Es kam anders. Und heute, 30 Jahre später, kommen immer noch Stammkunden der ersten Stunde bei ihr einkaufen. Das hat sich auch mit dem Umzug 2002 in den größeren Markt in der Rosengartenstraße nicht geändert. Vorgänger dort waren der Aldi-Markt, ein Baumarkt und die Buchhandlung Piemonte als letzte Mieter vor Graushaar. „Wir waren schon früh unter denen, die in größere Läden gingen“, sagt die Noch-Inhaberin. Wo zuvor zwei Aushilfen reichten, ließen die Festangestellten nicht lange auf sich warten. Heute arbeiten elf Menschen im Laden, darunter zwei Lehrlinge. „Die Mitarbeiter bleiben auch weiterhin“, so Graushaar.

Schon 1991 Bio-Nagellack verkauft

Verändert habe sich in den vergangenen Jahren im Biobereich einiges. Und einiges dann doch nicht so sehr. „Wir hatten schon immer einen Bio-Bäcker. Und bereits 1991 biologischen Nagellack. Auch Bio-Putzmittel gab es schon, wenn auch nicht in der Tiefe wie heute“, berichtet die Geschäftsfrau. Das Bio-Brot sei heute immer noch einer der Verkaufsschlager – auch, wenn es mit dem Brot von vor 30 Jahren nicht vergleichbar sei. „Da hat sich mittlerweile vieles verfeinert.“

Gut verkaufen lassen sich aktuell auch Antipasti, Käse, das Trockensortiment und vor allem Bier, Wein und Wasser. Vom Wasser benötige sie jede Woche eine Lieferung. Weil viele Menschen bei herkömmlicher Kosmetik eine Allergie entwickelt hätten, sei die Bio-Kosmetik im Laufe der Jahre immer stärker nachgefragt worden.

Leere Regale nach Hamsterkäufen

Viel erlebt habe sie in ihren Berufsjahren, aber ganz besonders in Erinnerung geblieben sind ihr die Hamsterkäufe im Frühjahr 2020 als es mit Corona losging. „Da waren die Regale so leer wie noch nie. Wir wurden richtig überrannt“, erzählt die Zweibrückerin, die an ihrem Beruf den Umgang „mit so vielen lieben Menschen und den besten Produkten der Welt“ liebt. „Außerdem unterstütze ich so die ökologische Landwirtschaft. Das war mir immer ein Anliegen.“

Ein Anliegen, für das Graushaar auch gern auf die Straßen zum Demonstrieren ging. „Weil ich will, dass es weitergeht. Die Kinder und Enkel sollen eine lebenswerte Welt vorfinden.“ Auch die Besuche von Tagungen, Messen und Fortbildungen seien etwas, was sie an ihrem Beruf geschätzt habe. „Die Wissbegier war immer da und bleibt auch. Ich habe viele Hersteller persönlich besucht und mir die Produkte angeschaut. Ich wollte wissen, was ich verkaufe, und ich kann bei jedem Produkt im Laden sagen, warum es da steht und ein anderes nicht.“

Neue Ziele: Lesen, Reisen und mehr Sport

Dieses Engagement hatte aber auch seinen Preis. Eine 60-Stunden-Woche sei normal gewesen. „Und dann ging’s zu Hause weiter mit Fachliteratur“, beschreibt Graushaar ihren Arbeitsalltag. Deshalb freue sie sich sehr auf die Freiheit, die sie sich vom Ruhestand verspricht. Vor allem darauf, Bücher zu lesen und ihr Italienisch aufzufrischen. „Und zwar wenn möglich morgens und nichts abends“, sagt sie lachend. Außerdem will sie wieder mehr Sport treiben und auf Reisen gehen. Vor allem nach Italien.

Zuvor steht aber noch eine Inventur auf dem Programm. Diese ist für die Übergabe notwendig und wird am Mittwochnachmittag gemacht, weshalb das Geschäft ab 12.30 Uhr geschlossen ist. Auch ein Essen mit der gesamten Belegschaft ist geplant – und dann ist Schluss. Etliche Kunden haben sich bereits bei ihr verabschiedet. „Viele können sich gar nicht vorstellen, dass ich nicht mehr hier bin.“

Sagen Hallo: Andreas und Heike Bischoff (Bild) aus Dellfeld übernehmen ab 1. Juli zusammen mit Tochter Ve das Geschäft.
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