Neunkirchen Mahbuba Maqsoodis farbenfrohen Gemälde und Kirchenfenster
2018 gewinnt Mahbuba Maqsoodi den international und anonym ausgeschriebenen Wettbewerb um die Gestaltung der Kirchenfenster im saarländischen Tholey, Deutschlands ältester Klosterkirche. Die 1957 in Afghanistan geborene Künstlerin, die in München lebt, ist seit ihrer Schulzeit von gotischen Kirchenbauten fasziniert, von der elegante Verbindung von Himmel und Erde. Und von Symbolen, Geschichten und ihrer spirituellen Bedeutung. Und von Licht. Das kann man in Entwürfen zu den Kirchenfenstern und ihren monumentalen anderen Werken sehen, die in der Städtischen Galerie in Neunkirchen zu sehen sind.
Es klingt etwas seltsam, wenn man erfährt, dass sie in der Heimat mit Miniaturmalerei begann, mit dem Bemalen von Parfümfläschchen, also durchaus schon mit Glas wie bei Kirchenfenstern. „Das Arbeiten im kleinen Format verlangt Geduld und eine sehr bewusste Wahrnehmung jeder einzelnen Linie“, meint Maqsoodi, die später an der St. Petersburger Akademie für Künste und Industrie studierte – und 1992 auch promovierte.
Ihre Arbeiten muten mitunter abstrakt an, sind es aber nicht, denn meistens geht es ihr um den Menschen. So sind die dynamisch aufsteigenden blauen Farbflächen in dem großformatigen Gemälde „Verweilen“ nicht um blaue lodernden Flammen, sondern um Menschen in Bewegung. Ein Aspekt, der auf viele ihrer Arbeiten zutrifft. Dabei geht es oft um die Frage, ob man bleiben soll oder nicht, denn unterschwellig ist ihre eigene Geschichte eingebaut.
Mahbuba Maqsoodi wurde in einem Dorf in der Nähe von Herat in Afghanistan geboren, sie arbeitete als Gymnasiallehrerin und war schon früh politisch aktiv. Als ihre Schwester von einem islamistischen Terroristen erschossen wird, kommt alles ins Wanken, und Mahbuba verlässt Afghanistan. Dank eines Kunststipendiums kommen sie ihr Mann, der Künstler Fazl Maqsoodi, nach Leningrad. Doch nach dem Studienabschluss verhinderte der Bürgerkrieg in Afghanistan die Rückkehr. 1994 erhielt die Familie in Deutschland politisches Asyl. „Menschen waren zu allen Zeiten unterwegs auf der Suche nach Sicherheit, nach besseren Lebensbedingungen oder nach einer neuen Heimat“, so Maqsoodi.
Sie malt Menschen, einzelne Menschen, die Teil einer Masse sind – ohne an Eigenständigkeit zu verlieren, Menschen die sich bewegen. Manchmal lösen sie sich in der Umwelt auf und verändern sich wie in dem ebenfalls blaudominanten großformatigen Acrylgemälde „Welle“. Migration als ständiger Prozess in unser aller Leben. Auffällig oft streben ihre menschlichen Figuren dabei nach oben, zum Licht. Am eindrucksvollsten ist daher das von hinten beleuchtete runde Gemälde auf Glas: „Licht“ von 2015: Von Ferne betrachtet sieht man nur ein großes Auge, mit ungewöhnlichen Farbflächen. Beim Näherkommen spiegeln sich in dem Augen eine Fülle von menschlichen Figuren, die sich in verschiedenen körperlichen und seelischen Zuständen befinden, je nachdem in welcher Farbfläche sie sich befinden.
Ähnlich verhält es sich mit den meterhohen schmalen Gemälden, die entweder Blau oder Rot gemalt sind. Zwischen den Linien und Strukturen werden Menschen sichtbar, nun sogar ihre sorgsam ausgestalteten Gesichter, die merkwürdig geschlechtslos sind, oft ernst wirken, aber selten verzweifelt. Umso mehr überrascht, dass ihre Motive für Kirchenfenster mit den kraftvollen großen Strichen, den schwarzen Konturen und den vorwärts treibenden Bewegungen mehr wie emotional aufregende Comic-Bilder wirken denn wie meditative religiöse Szenen.
Eine andere Facette von Maqsoodis Arbeit bilden die Grafiken und die in Weiß gehaltenen auf der oberen Galerie: in den Graphitzeichnungen, Skizzen und Studien zeichnet sie durchaus leidende Menschen, die angesichts von Gefahr entsetzt aussehen, aber auch Menschen im Todeskampf und solche, die vollständig zur Ruhe gekommen sind.
Je mehr man sich auf die Bilder von Mahbuba Maqsoodi einlässt, umso mehr fängt man ganz unwillkürlich an, über das nachzudenken, was das Leben ausmacht – und das unabhängig von Religion. Das ist ungewöhnlich, denn die Künstlerin ist Muslima und gestaltet aber vorwiegend katholische Orte. Dazu braucht es eine große Portion Universalität, die dazu noch an die Gefühle und die Spiritualität der Betrachter appelliert. Das gelingt ihr, vielleicht wurde sie deshalb zu einer der gefragtesten Kirchenfenstergestalterinnen in Europa.
Wie sie bei ihren Entwürfen für Kirchenfenster vorgeht, kann man in einem Video des Saarländischen Rundfunks in der Ausstellung sehen, indem sie - ganz Pädagogin, genau erklärt, was sie macht. Man erfährt auch, dass sie ihre Bilder auf Papier und Leinwand malt und diese von auf Glasmalerei spezialisierten Betrieben dann sorgsam nach ihren Entwürfen millimetergenau auf spezielles Glas übertragen werden, wobei das Schwierige nicht die Figuren, sondern die Erhaltung der Farbnuancen ist, die Maqsoodi vorgibt. Zurzeit arbeitet Mahbuba Maqsoodi an Fenstern für das Kloster Reute, kommt aber noch zweimal nach Neunkirchen.
Info
Mahbuba Maqsoodi: „Glaubhaft“, Malerei, Grafik, bis 31. Mai, Neunkirchen, Städtische Galerie, Marienstraße 2, Mittwoch bis Freitag 10-18 Uhr, Samstag 10-17 Uhr, Sonn- und Feiertage 14-18 Uhr, Eintritt frei, Katalog (48 Seiten): neun Euro.
Lesung: Mahbuba Maqsoodi liest ihrer Biografie „Der Tropfen weiß nichts vom Meer: Eine Geschichte von Liebe, Kraft und Freiheit. Mein afghanisches Herz“ (Heyne Verlag 2017, 368 Seiten, 22 Euro) am Donnerstag, 23. April, 18 Uhr. Karten: ticket-regional.de.
Führung mit Exkursion zu den Fenstern von Mahbuba Maqsoodi in der Abtei Tholey am Donnerstag, 21. Mai, 11 Uhr. Anmeldung bis 30. April unter Telefon 06821 202480 oder E-Mail an info@staedtische-galerie-neunkirchen.de
Künstlergespräch: mit Mahbuba Maqsoodi zur Finissage am Sonntag, 31. Mai, 15 Uhr.