Althornbach Lydie Auvray erzählt, warum sie nach Deutschland kam

Lydie Auvray mit ihrem Knopfakkordeon.
Lydie Auvray mit ihrem Knopfakkordeon.

Seit 50 Jahren steht Lydie Auvray mit ihrem Akkordeon auf der Bühne , am 15. Mai im Bürgerhaus Althornbach. Was sie nach Deutschland führte, verriet sie Christian Hanelt.

Sie haben vor einigen Tagen in der Elbphilharmonie in Hamburg gespielt. Und jetzt kommen sie ins Bürgerhaus nach Althornbach. Das ist ja eigentlich kein klassischer Tourneestopp. Was reizt Sie an solchen Orten jenseits der großen Hallen?
Ich gehe eigentlich überall hin, wo man mich einlädt und mich gerne hören möchte. Also warum nicht?

Verändert ein kleiner Saal Ihre musikalische Sprache oder ist dann nur die Umgebung anders, in der Sie spielen?
Vorwegschicken muss ich, dass das Konzert in der Elphi ein Teil der Abschiedstour meines Trios war. Mein Pianist wohnt jetzt in Spanien, weshalb es nicht mehr zu organisieren ist, weiter gemeinsam aufzutreten. Solokonzerte zu geben, habe ich erst spät angefangen. Viele Jahre hatte ich mit den Auvrettes eine eigene Band. Dann haben wir vor ein paar Jahren mit dem Trio angefangen und erst später habe ich mich getraut, allein aufzutreten, denn das ist wirklich eine ganz andere Arbeit. Einerseits ist es toll, weil ich dabei total frei bin und auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Andererseits ist es auch wahnsinnig anstrengend, weil man wirklich 100 Prozent der Zeit im Fokus steht. Da kann man sich nicht mal ein bisschen zurückziehen und das Feld den Kumpels links und rechts überlassen. Solo ist man ganz auf sich und auf seine eigene Energie gestellt. Aber ich mache das mittlerweile auch sehr gern.

Solo in kleinen Räumen zu spielen, ist zwar intimer, aber letztendlich auch unbarmherziger.
Ja, ja, ja. Da kann man sich nicht verstecken. Manchmal sind die Leute in so kleinen Räumen so nah, dass ich deren Reaktionen wirklich hautnah spüre. Und zum Glück sind die meistens positiv.

Wie unterscheidet sich das Solo-Programm von dem des Trios?
Gerade die karibischen Stücke, die zu meinem Trio-Programm gehören, fehlen. Die klingen einfach nicht alleine. Ich kann sie spielen, ich habe es neulich auch mal gemacht, aber da war ich schon ein bisschen frustriert, denn ohne Percussion fehlt einfach etwas. Aber das Solo-Programm ist trotzdem sehr vielfältig.

Reagiert das Publikum anders in so einer ländlich geprägten Gegend als in Metropolen und Sälen wie der Elbphilharmonie?
Es ist ganz unterschiedlich. Es hängt ein bisschen davon ab, wie die Kulturarbeiter vor Ort sind. Es gibt kleine, ländliche Kulturvereine, die seit Jahren eine tolle kulturelle Arbeit leisten und sich ihr Publikum gezogen haben. Vor kurzem habe ich in der Lüneburger Heide bei Hodenhagen in der Nähe von Walsrode gespielt - und von wegen die kühlen Norddeutschen. Das war überhaupt kein Problem; das Publikum war euphorisch.

So ein Solo-Abend zwingt ja auch zur Reduktion. Ist das dann für Sie die künstlerische Essenz?
Manchmal, wenn ich moderne Stücke höre, denke ich mir, „boah, wenn man dieses ganze Drumherum weglässt, bleibt nur noch eine Kindermelodie übrig“. Also versuche ich auf jeden Fall, mit meinen Stücken harmonisch interessant zu sein.

Wie also wird das Programm in Althornbach konkret aussehen? Ist es eine Art Rückblick oder ein Best-of?
Nächstes Jahr feiere ich mein 50. Bühnenjubiläum, und so ist das Programm eine Art Best-of aus fünf Jahrzehnten mit meinen und, wie ich glaube, auch den Lieblingsstücken meines Publikums. Schließlich bekomme ich ja mit, worauf die Leute besonders positiv reagieren.

Haben Sie eigentlich noch einen Überblick über Ihr Repertoire?
Ja, schon. Ich habe jetzt aber auch eine Liste erstellt, die ich bei den Konzerten am Verkaufsstand auslege. Darauf kann man sehen, auf welcher CD welches Stück ist. Ich habe 23 Alben gemacht und so genau weiß ich es dann selbst nicht mehr, auf welcher welches Stück ist.

Hat sich Ihre Art zu spielen, im Laufe der Jahre verändert?
Ja - Gott sei Dank. Ich würde schon sagen, dass ich besser geworden bin. Das Akkordeon und ich sind ein Team, und ich kann ihm entlocken, was ich möchte. Wenn ich höre, wie ich früher gespielt habe und wie ich jetzt spiele - ich gestalte den Ton heute ganz anders. Es ist ein feineres, souveräneres Spiel. Manchmal sind die Leute aber auch von irgendwas beeindruckt, was ich spiele, was gar nicht so schwer ist. Und ein anderes Stück, was gar nicht so schwer aussieht, ist es viel mehr. Oder wie ich meinen Schülern immer sage, ein langsames Stück gut zu spielen, ist das Schwerste, was es gibt. Ich mache Musik, weil ich etwas ausdrücken möchte. Und das kann ich mit dem Akkordeon so wunderbar, weil man durch diesen Balg wirklich laut, leise, traurig oder lustig klingen kann. Es lässt sich dadurch wirklich ganz viel ausdrücken.

Wird das Akkordeon insoweit nicht oft unterschätzt?
Es wird oft nicht richtig gespielt, weil man seine Möglichkeiten nicht ausschöpft. Wenn ich einen Workshop gebe, ist der Einsatz des Balgs der erste Punkt in meinem Programm. Und wenn ich dessen Möglichkeiten dann vorführe, staunen meine Schüler oft. Dabei bin ich schon extrem, denn ich ziehe ihn sehr, sehr weit, denn nur so kann man auch Ausdruck in die Musik bringen. Es ist schade, dass diese Möglichkeiten oft nicht ausgeschöpft werden.

Was kann das Akkordeon, was kein anderes Instrument kann?
Das kann ich so nicht beantworten, aber ich habe immer wieder erlebt, wie der Klang des Akkordeons die Menschen in den Bauch trifft. Ich habe auf Beerdigungen gespielt, wo die Leute bis dahin nicht geweint haben, doch ab dem Moment, an dem ich angefangen habe zu spielen, haben sie geheult. Aber das kann sicherlich ein Cello auch. Man kann das Akkordeon perkussiv spielen, man kann ganz lange traurige Töne spielen, es kann fröhlich klingen, aber auch todtraurig, gerade weil dieser Balg unglaubliche Möglichkeiten an Dynamik und Geschwindigkeit eröffnet.

Wann haben Sie das Akkordeon für sich entdeckt?
Ich habe schon als Kind angefangen, Akkordeon zu spielen, wollte dann aber Sprachen und Literatur studieren. So bin ich mit 18 nach Berlin gezogen, um mein Deutsch zu verbessern. Mein Akkordeon habe ich mitgenommen. Und wenn ich darauf gespielt habe, ist das großartig eingeschlagen, denn man kannte in Berlin das Knopfakkordeon überhaupt nicht, und die Musette-Musik auch nur aus "Kommissar Maigret"-Filmen. Und so ist meine Musik schneeballmäßig schnell bekannt geworden. Jeder wollte mit mir spielen: 1979 war es Klaus Hoffmann, dann Hannes Wader, Reinhard Mey und, und, und. Ende der 70er, Anfang der 80er habe ich angefangen, eigene Stücke zu schreiben. Und als meine erste Platte so wunderbar eingeschlagen ist, habe ich plötzlich gemerkt, dass es genau das ist, was ich machen will. Mein Konzept war, auf jeden Fall nicht diese altbackene Musik zu spielen, wie es die anderen Akkordeonspieler machten. Ich wollte etwas Modernes spielen, und ich wollte zeigen, was man diesem Instrument alles entlocken kann. Südamerikanische und karibische Musik habe ich viel gespielt. Und obwohl ich keine Jazzerin bin, habe ich sogar in Jazz-Bands gespielt.

Gibt es für Sie keine stilistische Grenzen?
Nein, ich habe mir keine gesetzt. Obwohl: Ich habe noch nie Lagerfeuermusik gespielt. Das mag ich einfach nicht. Auch so richtig billigen Schlager habe ich nie gemacht.

Gibt es jemanden, der Sie stark geprägt hat?
Der Einzige, der mir da einfällt, aber das ist eher in meinem ersten Metier, der Liedbegleitung gewesen, das ist Marcel Azzola. Er war Franzose und der Akkordeonist von Jacques Brel. Wenn also überhaupt jemand, dann hat er mich beeinflusst.

Wenn man so lange Musik macht, besteht da nicht die Gefahr, sich musikalisch zu wiederholen?
Ja, da muss man aufpassen. Also manchmal fange ich ein Stück an und denke, "nö, das ist nichts Neues, das lasse ich mal". Da muss man wirklich selbstkritisch sein, und ich habe den Anspruch, immer irgendetwas Neues in meiner Musik zu haben–sonst würde ich mich auch selbst langweilen.

Hören Sie sich Ihre eigene Musik ab und zu mal an?
Ja, tatsächlich. Und das tut manchmal ganz gut.

Sind Sie dann gnädig mit sich, stolz oder kritisch?
Teils, teils. Es gibt natürlich Sachen, von denen ich denke, dass ich sie jetzt anders machen würde: Diese Minifehler zum Beispiel, die ich auf den Alben gelassen habe, weil keiner sie gehört hat, weder der Produzent noch der Toningenieur, die ich aber jedes Mal höre und mich ärgere, dass ich sie nicht korrigiert habe? Aber im Großen und Ganzen finde ich schon, dass viel Gutes auf meinen Alben ist. Also was mir gefallen sie.

Sie sind in Frankreich geboren, leben aber seit Jahrzehnten in Deutschland. Wo ist für Sie Heimat? Denken Sie deutsch oder denken Sie noch französisch?
Manchmal so, manchmal so. Ich bin Europäerin. Ich zähle zum Beispiel immer noch in Französisch. Da waren die ersten 18 Jahre meines Lebens doch sehr prägend. Aber ich lebe jetzt seit über 50 Jahren in Deutschland. Und ja, ich bin eine deutsche Französin oder eine französische Deutsche. Auf jeden Fall eine Kölschin, die Köln wirklich liebe.

Das Konzert

Lydie Auvray: Solo. Freitag, 15. Mai, 19 Uhr, Althornbach, Bürgerhaus. Karten: ticket-regional.de, Abendkasse.

Zur Person

Lydie Auvray, Deutschlands prominenteste Akkordeonspielerin, kommt aus der Normandie im Norden Frankreichs. Sie hat Liedermacher wie Klaus Hoffmann, Hannes Wader und Reinhard Mey begleitet, aber seit drei Jahrzehnten widmet sie sich überwiegend eigenen Projekten. In ihrer Wahlheimat hat sie nicht nur das Knopfakkordeon bekannt gemacht, sondern maßgeblich dazu beigetragen, das Instrument von seinem verstaubten Image zu befreien.

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