Zweibrücken Leben nach der Apokalypse

„Survivors – Jeder ist sich selbst der Nächste“. So heißt die fünfbändige Novellensammlung, in der die 33-jährige Zweibrücker Autorin Bianca Peiler ihre Leser in eine Welt führt, die der Vierte Weltkrieg in den Abgrund gestürzt hat.

In Russland begegnet der 16-jährige Nicolai der gleichaltrigen Katarina. Die beiden mögen sich. Doch Teenager-Romantik hat keine Chance. Katarina ist eine Menschenjägerin und Nikolai ein willkommener Fleischvorrat. In Frankreich ersticht Laurelie ihren Geliebten. Sie ist überzeugt, dass er das gemeinsame Kind töten will. Also muss sie ihm zuvorkommen. In den USA muss der Millionär Jimmy erkennen, dass er die eigene Ehefrau unterschätzt hat. Er verliebt sich neu in sie, als sie einen Vergewaltiger erschlägt. In England muss sich Teenager Bethany damit abfinden, dass das Leben, das sie kannte, von heute auf morgen unwiederbringlich verloren ist. In „Survivors“ ist die Welt vollkommen aus den Fugen geraten. Der Vierte Weltkrieg zwischen der russisch-chinesischen Allianz und den USA hat eine globale Katastrophe ausgelöst, die jede Form von Zivilisation ausgelöscht hat. Was bleibt, sind vereinzelte Überlebende die, in kleinen Gruppen oder ganz auf sich allein gestellt, durch ein postapokalyptisches Schreckensszenario irren. Was zählt, ist das nackte Überleben. Bianca Peiler führt in fünf Novellen durch ihre zerstörte Welt, quer über die Kontinente und durch die Zeiten. Mit Bethany, dem Mädchen aus gutem Hause, das aus Versehen in einem Besserungscamp landet, erlebt der Leser den unerwarteten Kriegsausbruch, den Beginn der Katastrophe. Mit Katarina und Nikolai streift er - zwölf Jahre danach – durch eine Welt, in der die Jüngeren keine Erinnerung an die Zivilisation mehr haben. Und je mehr der Schrecken zum gewohnten Alltag wird, desto mehr beginnen auch bei Peilers Protagonisten die alten gesellschaftlichen Konventionen, die Vorstellungen von Ethik und Moral, zu bröckeln. Im Überlebenskampf, in dem sich jeder selbst der nächste ist, entpuppt sich Menschlichkeit als fragiles Konstrukt, eine dünne zivilisatorische Hülle, die jederzeit zerplatzen kann, wenn der eigene Vorteil es verlangt. Die Leere der erzählten Welt wirft Peilers Figuren, die dem öden Außen nichts entgegen zu setzen haben als ihr Inneres, zurück auf ihre eigene Psychologie, ihren Charakter, der entscheidet, ob das Grauen das Beste oder das Schlechteste in ihnen weckt. Frei von Schuld bleibt dabei niemand. Es ist Bianca Peilers differenzierten Charakterisierungen zu verdanken, dass der Leser selbst für Katarina, die Kannibalin, Verständnis und in letzter Konsequenz sogar Sympathie entwickeln kann. In dieser entvölkerten Welt, in der sich Menschen nur vereinzelt begegnen, inszeniert Peiler die Konflikte zwischen ihren Figuren, die um ihr Weiterleben kämpfen und konkurrieren, ganz im Stil eines Kammerspiels. In einer Welt, in der eine Behausung Zuflucht und Gefängnis zugleich ist, können sie sich nicht ausweichen. Sie sind einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wie Laurelie und François, die sich lieben – bis eine ungeplante Schwangerschaft sie zu Todfeinden werden lässt. Sie sind sich uneinig, ob sie das Neugeborene, das sie kaum ernähren können, behalten oder töten. Deshalb beginnen sie sich misstrauisch zu belauern und zu umschleichen – wie Raubtiere in einem Käfig. Sie sind immer darauf bedacht, den andern nicht aus den Augen zu lassen. In der Schilderung der sich anbahnenden und zuspitzenden psychischen Konflikte liegt die erzählerische Stärke Peilers, die ihre Figuren immer wieder vor existenzielle Fragen stellt. Dabei erinnern ihre überwiegend jugendlichen Protagonisten auf den ersten Blick an altbekannte Stereotypen der Jugendunterhaltung, wie die gleichermaßen reiche und wohlerzogene Bethany, die sich in den kleinkriminellen Underdog Stephen verliebt, der in seiner Kindheit schwer misshandelt wurde. Dass Peilers Welt dennoch nicht in Gefahr gerät in Klischeehaftigkeit und Kitsch abzugleiten verdankt sie Figuren wie Nikolai, dem Misstrauischen, der selbst töten will um zu überleben, sich jedoch im letzten Moment von seiner Menschlichkeit und der Sehnsucht nach Nähe und Vertrauen leiten lässt, ein Entschluss, den er mit dem Leben bezahlt. „Survivors“ ist eine lesenswerte Endzeitutopie, die Fragen aufwirft, die auch das Hier und Jetzt betreffen. Denn wer kann mit Sicherheit von sich behaupten, dass er anders handeln würde als Peilers Überlebende?

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