Saarbrücken
Kraftvolles Künstlerpaar: Marthe Donas und Alexander Archipenko
Von Alexander Archipenko (1887-1964) besitzt das Saarbrücker Saarlandmuseum die europaweit größte Sammlung, denn als es dem Künstler 1960 eine große Ausstellung widmete, war Archipenko so begeistert, dass er ihm seinen Nachlass vermachte. Die Objekte von Archipenko gehören natürlich zur Dauerausstellung, aber jetzt auch zu der ungewöhnlichen Ausstellung eines Künstlerpaares, das nur drei Jahre zusammen war – und dabei so erfolgreich war wie danach nie wieder.
Archipenko, Sohn eines Ingenieurs, befasste sich im Prinzip immer nur mit einem: dem menschlichen Körper. Mal gegenständlich, mal abstrakt, mal weibliche Figur, mal männliche, mal Einzelfigur, mal Paare, meistens in Objekten, gelegentlich in Reliefmalerei – und natürlich auch in Grafiken. Technisch war er ebenso vielseitig wie versiert. Gleich zu Beginn der Ausstellung fällt seine lebensgroße rote Tänzerin ins Auge. Sie ist nackt, die Formen klar, der Kopf nicht näher ausgeführt, die Tänzerin ist in voller Bewegung festgehalten.
Ganz in Schwarz ist sein „Boxkampf“ am Ende der Schau: Hier sind zwei Boxer in zackigen Formen so ineinander verschlungen, dass sie wie ein merkwürdiger Rahmen um eine Art Loch in der Mitte wirken, denn Archipenko denkt immer den Raum mit, in dem eine Figur steht, und den Raum, den sie selbst erzeugt.
Seine großformatigen kubistischen Plastiken sind die Hingucker in der Ausstellung, gefolgt von seinen Reliefbildern oder Skulpto-Malerei, wie es in der Ausstellung heißt: Da bringt er einzelne gemalte Figuren mit plastisch hervortretenden Wellen, Vorsprüngen und aufgesetzten, kleinen, geometrischen Formen wie Kegeln, Halbschalen und Dreiecken quasi in Bewegung, gut zu sehen in dem für seine Verhältnisse extrem farbenfrohen Werk „Zwei Frauen“ aus Holz und Blech von 1920.
Die Farben hat er sich sicherlich von seiner damaligen Freundin Marthe Donas (1885-1967) abgeguckt, die bewusst nicht nur mit den auch von ihr bevorzugten konstruktivistischen und kubistischen Formen umging, sondern auch mit eher hellen und pastelligen Farbtönen für die Flächenfüllungen. Archipenko und Donas ist gemeinsam, dass in Paris ihre künstlerische Karrieren in Schwung kommen.
Die Belgierin Donas, die gegen den Willen des Vaters an die Kunstakademie in Antwerpen geht und später Glasmalerei in Irland lernt, ist ein ähnlich rebellischer Geist wie Archipenko, den es nicht an den Akademien von Kiew und Moskau hält, weil sie ihm zu traditionell sind. Die Feministin Donas, die ihre Werke manchmal mit Männernamen signiert, geht 1916 nach Paris, mietet sich ein Atelier in Montparnasse und kommt mit den Kubisten in Kontakt. Wie Archipenko tritt sie der Künstlergruppe „Section d’Or“ bei.
Donas malt nicht nur konventionell, sondern auch asymmetrisch und füllt mit ihren Flächen und Figuren nicht immer den Bildrahmen voll aus. Wie abgeschnitten und aufgeklebt – also auch reliefhaft – wirken manche ihrer Gemälde. In anderen spielt sie mit geometrischen Formen wie Dreiecken, Halbkreisen und Rechtecken – etwa bei ihrer „Frau mit Hut“.
Wieder andere Arbeiten sehen aus wie Gemälde von Piet Mondrian – aber in Pastellfarben. Auch sie ist technisch versiert und experimentiert, so dass man sich nicht wundert, dass Donas und Archipenko zueinander gefunden haben. Doch richtig kennenlernt haben sie sich erst in Nizza, wohin beide nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs flüchten.
Im Schloss Valrose, wohin Archipenko Donas einlädt, passiert es dann: Er fängt mit seinen Skulpto-Malereien an, die von ihr beeinflusst sind, sie greift auch mal zu etwas kräftigeren Farben und versucht sich in Objekten, wie „Mutter und Kind“, einer kleineren Gipsskulptur mit dicken Beinen, markantem Hut, einem dicken, kammartigen Arm, der ein Baby hält, das gewickelt ist und eher wie ein Bienenkörper aussieht. Wer von wem mehr profitiert, lässt sich schwer sagen, aber es entstehen wunderbare Kunstwerke.
1920 trennt sich Archipenko von ihr, die verzweifelte Donas geht nach Paris, dann nach Belgien zurück, heiratet, malt weiter, aber weniger erfolgreich. Archipenko geht 1923 in die USA, wird aber nicht so erfolgreich wie früher in Europa.
Info
Marthe Donas & Alexander Archipenko: „Power-Paar der Avantgarde“, Saarbrücken, Moderne Galerie des Saarlandmuseums, Bismarckstraße 11-15, bis 17. Mai, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr, Katalog (englisch, 253 Seiten): 59 Euro.