Zweibrücken Knastmusik mit Rockmonster
Die fetzige Musik der Gruppe Steep Drop verhallt zu Beginn noch ein wenig im zurückhaltenden Publikum. Das ist verständlich, wenn man weiß, wo sie zu hören ist. Nämlich hinter den Mauern der JVA Zweibrücken, vor 115 Inhaftierten. Möglich machen solche Veranstaltungen ein Verein aus Dortmund und der Pfälzische Verein für Soziale Rechtspflege.
Der Kunst- und Literaturverein für Gefangene (KLVG) in Dortmund stellt sich der Aufgabe, bei Gefangenen in Justizvollzugsanstalten (JVA) das Interesse für Bildung, Wissen, Ausbildung, Fort- und Weiterbildung, Kunst und Kultur zu wecken. Er ermöglicht auch eine kostenlose Buch- und Medienausleihe. 2009 startete er zudem das Projekt „Kultur hinter Mauern“. Dafür sucht der KLVG Künstler, die bereit sind, für ein geringes Honorar vor Inhaftierten aufzutreten. Zu diesen gehört die Band Steep Drop aus Heusweiler. Für 90 Minuten Musik erhält das Quintett 200 Euro, die der Pfälzische Verein für Soziale Rechtspflege bezahlt. Berührungsängste vor Inhaftierten haben die Musiker keine. Ingo Marx hat zuvor schon zweimal in der JVA Ottweiler Schlagzeug gespielt. Nur, was spielt man für ein Publikum hinter Gittern? Pünktlich um 19 Uhr betreten die Musiker die kleine Bühne, vor der 115 Frauen und Männer auf Stühlen sitzen. Streng getrennt nach Geschlecht. Werner Bier, Sänger, spricht seine Zuhörer direkt an und verspricht: „Wir rocken das Ding.“ Das tut Steep Drop dann auch von Anfang an. Schmutzig, dreckig und rotzig legt das Quintett mit Lenny Kravitz „Always on the Run“ los. Ein Rockmonster ist das gleich zu Beginn. Getrieben vom pointiert spielenden Bassisten Šrdan Milosh Šerbedzija. Fein ist hier auch das Saxophon von David Eddelston. So dynamisch enden Konzerte für gewöhnlich. Konzerte dieser Art, wenn vielleicht auch nicht immer ganz so laut, finden hinter den Mauern der JVA Zweibrücken schon seit vielen Jahren statt. Das Rockkonzert ist das erste des Jahres 2017, berichtet Norbert Schneider, Sozialarbeiter. Ein kleineres und ein großes Konzert im November werden noch folgen. 115 Inhaftierte sind da. Man kann davon ausgehen, dass bei den Folgeveranstaltungen wohl noch ein wenig mehr dazu kommen. Denn das, was Steep Drop serviert, ist klasse. Und es ist durchtrieben von einem Hauch gutem alten Rock`n`Roll. Bald legt sich die Schüchternheit bei den Zuhörern. Auch das Personal zur Bewachung und die anwesenden Sozialarbeiter entspannen sich. Bei „Use Somebody“ von den Kings of Leon findet das Mitsingen in der Sporthalle noch etwas leise statt. Bei den Sportfreunden Stiller brechen die Dämme dann aber. Für den Refrain zu „Ein Kompliment“ gelingt es, sowohl die Frauen als auch die Männer in einen Chor einzubinden. Danach entreißen die saarländischen Musiker Depeche Mode den New-Wave-Klassiker „I Just Can’t Get Enough“. Sie zaubern daraus ein hartes Stück Rock’n’Roll, das stellenweise in Rockabilly gipfelt. Stark. Das wäre auch etwas für das Zweibrücker Publikum außerhalb der Mauern.