Meinung
Kleiner Fehler, viele Anrufe: Kleinkinder müssen auf Mietfragebogen anworten
Manchmal sind es nicht die großen Skandale, sondern die kleinen Fehlerteufel, die eine Verwaltung ins Schwitzen bringen. Ein falsch gesetzter Klick, eine minimal verrutschte Sortierung – und schon läuft das Telefon im Rathaus heiß. Vor ein paar Wochen bekamen rund 2900 Eigentümer von Mietwohnungen oder Mieter Post. Absender: die Hamburger Firma Domus Consult Wirtschaftsberatungsgesellschaft. Inhalt: Fragen zur Wohnung, zur Miethöhe, zum Mietspiegel. Soweit, so normal. Weniger normal war allerdings die Zielgruppe mancher Briefe. Denn nicht nur Erwachsene hielten plötzlich amtliche Post in den Händen – sondern auch Kinder. Und ja, sogar Kleinkinder.
Man stelle sich das vor: Ein Vorschulkind, das gerade mühsam „Mama“ buchstabieren lernt, soll Angaben zur ortsüblichen Vergleichsmiete machen. Während andere Kinder Bauklötze stapeln, werden hier Quadratmeter gezählt. Früh übt sich, wer später einmal Nebenkostenabrechnungen verstehen will. Als Kleinkind freut man sich natürlich über jeden Brief. Post ist schließlich spannend. Vielleicht ein Gutschein? Vielleicht ein Rätselheft? Die Realität: Fragen zur Miethöhe. Willkommen im Leben.
Im Erwachsenenalter dreht sich das Verhältnis bekanntlich um. Da ist man froh, wenn der Briefkasten leer bleibt – meist steckt darin ohnehin nur eine Rechnung. Dass nun ausgerechnet Kleinkinder mit amtlicher Post bedacht wurden, entbehrt also nicht einer gewissen Ironie. Der Grund für die frühzeitige Konfrontation mit dem Mietmarkt liegt laut Rathaussprecher Jens John in einem kleinen, letztlich aber folgenreichen Sortierfehler. Die Stadt hatte eine große Liste aller infrage kommender Haushalte samt aller darin lebenden Personen erstellt – inklusive Geburtsdaten. Dann wurde alphabetisch sortiert − und nicht nach Geburtsdaten.
Heißt also: Wenn das Kind von Gerd und Giesela Schmidt Anna Schmidt heißt, steht Anna alphabetisch vor ihren Eltern – und bekam folgerichtig Post. Rein formal korrekt sortiert, praktisch etwas zu jung für die Beantwortung wohnungswirtschaftlicher Detailfragen. „Wir hatten viele Nachfragen, viele Anrufe“, sagt John. Man kann sich die Gespräche lebhaft vorstellen: „Guten Tag, unser zweijähriger Sohn soll Angaben zur Kaltmiete machen.“ Immerhin: In den Telefonaten ließ sich das Problem jeweils schnell klären. Für zusätzliche Arbeit sorgte der kleine Sortierausflug dennoch reichlich.
Die Lösung der Misere ist ebenso pragmatisch wie beruhigend: Nicht Anna, sondern Gerd oder Giesela – um im Beispiel zu bleiben – sollen den Fragebogen ausfüllen und zurückschicken. Das Kleinkind darf sich wieder wichtigeren Dingen widmen, etwa dem Bau einer Duplo-Wohnanlage mit garantiert mietfreiem Wohnraum. Und wer nun denkt, man könne den Fragebogen einfach beiseitelegen, bis das angeschriebene Kind volljährig ist, liegt falsch. Die Teilnahme an der Befragung ist verpflichtend. Wer Post bekommen hat, muss antworten – portofrei im Rückumschlag oder online. Immerhin: Bürokratie kennt kein Alter.