Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Kinder-Notdienst: Homburger Arzt rügt Zweibrücker Stadtrat

Die Westpfalz hat keinen kinderärztlichen Notdienst, und das sei das Problem, sagt ein Homburger Kinderarzt.
Die Westpfalz hat keinen kinderärztlichen Notdienst, und das sei das Problem, sagt ein Homburger Kinderarzt.

Einem saarländischen Kinderarzt platzt die Hutschnur. Es geht um den kinderärztlichen Notdienst und eine Zweibrücker Resolution, die völlig falsch adressiert sei.

Der Zweibrücker Stadtrat protestiert in einer Resolution gegen eine Verlegung der Kinderklinik Kohlhof und der angeschlossenen kinderärztlichen Notdienstpraxis in Neunkirchen. Das sei vielleicht gut gemeint, treffe aber den Kern des Problems nicht, sagt dazu der Homburger Kinderarzt Hagen Reichert. Wurzel des Übels sei vielmehr, dass es in der Westpfalz keinen kinderärztlichen Notdienst gibt. In der Notdienstpraxis Kohlhof würden Kinder aus Rheinland-Pfalz aus Kulanz behandelt, sagt Reichert, und: „Die Westpfälzer sollen erst mal ihre eigene Landesregierung in die Pflicht nehmen.“

Der Homburger Kinderarzt holt aus: Laut Arztrecht müssten Kinderärzte prinzipiell rund um die Uhr für ihre Patienten erreichbar sein. Weil das nicht machbar und nicht zumutbar sei, habe das Saarland vor Jahrzehnten einen kinderärztlichen Notdienst eingerichtet, in Form von pädiatrischen Notdienstzentralen an Kinderkliniken wie dem Neunkircher Kohlhof. Saarländische Kinderärzte leisten dort an Wochenenden und Feiertagen Dienst, in gemieteten Räumen, mit eigenem Personal – mindestens zwei medizinischen Fachangestellten – und eigener, mitgebrachter Ausrüstung.

Im benachbarten Rheinland-Pfalz sei es dagegen bis heute nicht gelungen, einen kinderärztlichen Notdienst zu organisieren, so Reichert. Folglich müssen Kinder aus Zweibrücken, Landstuhl oder Kusel an Wochenenden und Feiertagen zum allgemeinen hausärztlichen Notdienst. Und wenn dort nicht gerade zufällig ein Kinderarzt Dienst hat, würden die jungen Patienten oft ins benachbarte Saarland weiter geschickt, in die Kinderklinik der Uniklinik Homburg oder eben zum Neunkircher Kohlhof. Insofern stimme es, dass der Neunkircher Kohlhof wichtig sei für Zweibrücker Kinder, wie der Stadtrat in seiner Resolution schreibt, so Reichert.

„Kriegen es nicht auf den Appel“

Die Hutschnur sei ihm geplatzt, „weil es die Kinderärzte in der Westpfalz seit Jahrzehnten nicht auf den Appel kriegen, einen eigenen Notdienst zu organisieren, und jetzt verweist der Zweibrücker Stadtrat auf den saarländischen Notdienst“, so Reichert. Vor 20 Jahren habe er sich intensiv bemüht, damals noch als Leiter des pädiatrischen Notdienstes in Homburg, die westpfälzischen Kinderärzte in einen länderübergreifenden Notdienst zu integrieren – „vergebens“. Gescheitert sei der Vorstoß am Widerstand der Pfälzer Kolleginnen und Kollegen und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz.

Wobei die KV Rheinland-Pfalz laut Reichert die Hauptschuld trifft. Diese habe damals erklärt, dass die Kinderärzte in der Westpfalz gerne bei einem länderübergreifenden kinderärztlichen Notdienst mitmachen könnten. Das entbinde sie aber nicht von ihren Pflichten beim allgemeinen hausärztlichen Notdienst in der Westpfalz. „Die Kolleginnen und Kollegen hätten also doppelt Notdienste schieben müssen“, so Reichert. Das sei nicht zumutbar.

Nach Reicherts Einschätzung fehlte damals der politische Wille für den länderübergreifenden kinderärztlichen Notdienst in der Grenzregion. Ein Machtwort des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums sei ausgeblieben. Das saarländische Gesundheitsministerium dagegen bestehe auf einem kinderärztlichen Notdienst.

KV Rheinland-Pfalz in der Kritik

„Enttäuschend“ sei das gewesen, so Reichert, der von einem „Versagen des Föderalismus“ spricht. Über die Gründe der KV Rheinland-Pfalz, die Kinderärzte nicht vom allgemeinen Notdienst zu befreien, könne er nur spekulieren. Die Hausarztlobby habe in Rheinland-Pfalz viel Gewicht, und diese sei froh um jeden Arzt im allgemeinen Notdienst. Je mehr Ärzte diesem angehörten, umso leichter sei es, Dienste auch mal abzutreten. Das könne ein Grund sein, mutmaßt Reichert.

Vom Zweibrücker Stadtrat hätte er erwartet, „dass dieser erst mal die eigene Landesregierung in die Pflicht nimmt, einen eigenen Kinderarzt-Notdienst aufzubauen“, so Reichert. Zumal es im Saarland immer weniger Kinderarztpraxen gebe. „Manche Familien nutzen deshalb in ihrer Not den kinderärztlichen Notdienst, damit sie ihr Kind überhaupt mal einem Facharzt vorstellen können.“ Dass Zweibrücker Kinder im Notfall im Saarland mitbehandelt werden, werde offenbar inzwischen als Selbstverständlichkeit angesehen, so Reichert.

Fragen der RHEINPFALZ an die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz zur Notdienst-Versorgung von Kindern in der Westpfalz wurden bislang nicht beantwortet. Eine KV-Sprecherin verwies darauf, dass derzeit viele Kolleginnen und Kollegen noch im Urlaub seien.

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