Meinung
Ich sag’s mal so: Warum eine Telefonphobie irgendwie albern ist
„Niemand ist eine Insel.“ Irgendwie haben wir das alle schonmal gehört. Johannes Mario Simmel hat ein Buch gleichen Titels geschrieben. Das wiederum wurde unter ebendiesem Titel verfilmt. Aber ganz ursprünglich stammt es von John Donne. Der war englischer Schriftsteller, schon eine Weile her. 1572 bis 1631. Er hat diese wunderschönen Sätze geschrieben: „Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes (…) Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“ Aus diesem Teil des Zitats wiederum hat dann Ernest Hemingway seinen Buchtitel „Wem die Stunde schlägt“ gewählt. Ob John Donne damals geahnt hat, dass er gleich zweifach unvergessen bleiben würde?
Irgendwie scheint das mit der Insel aber mittlerweile andersrum wahr. Jeder ist eine Insel. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass wir immer mehr Angst voreinander haben. Fast jeder Fünfte hat Angst vor dem Telefonieren. Das Handelsblatt hat im Juli 2024 berichtet, dass sich vor allem bei jungen Menschen eine Telefonphobie breit macht. Das Schlimmste seien spontane Anrufe. Also Anrufe, zu denen man nicht verabredet war und die nicht per Sprachnachricht angekündigt wurden. Die Telefonphobie äußere sich durch Nervosität und schwitzende Hände bis hin zu Blackouts und Panik. Das Telefonieren sei mit der Angst assoziiert, eine Leistung erbringen zu müssen und ungünstig bewertet werden zu können. Wie verrückt ist das denn?
Wettrennen zum Festnetz-Telefon
Hat früher zuhause das Festnetz-Telefon geklingelt, haben mein Bruder und ich ein Wettrennen daraus gemacht, wer zuerst am Apparat war. Läutete das Telefon, war es quasi Gesetz, auf jeden Fall dranzugehen. Niemals hätte man es bewusst läuten lassen, bis der Anrufer frustriert aufgab. Obwohl man ja gar nicht wusste, wer da anrief. Und auch nicht zum Telefonieren verabredet war. Heute weiß man fast immer, wer anruft. Das Smartphone zeigt ja den Kontakt an. War das mobile Telefonieren nicht sowas wie ein Menschheitstraum? Waren die ersten Handys nicht Statussymbole? War das Telefonieren mit dem Mobiltelefon nicht mal sogar ein Akt der öffentlichen Selbstinszenierung? Jetzt haben alle ein Smartphone – und plötzlich haben wir Angst, miteinander zu sprechen? Dabei war das doch mal eine Verheißung: dass alle mit allen sprechen können, überall und zu jeder Zeit.
Ich will jetzt nicht in das redundante Jammern mit einstimmen, dass ja jeder nur noch auf sein Display glotzt. Geschenkt. Aber dass wir – nicht alle, aber doch viele – Panik bekommen, wenn das Gerät das tut, wofür man es ja unbedingt mal haben wollte – nämlich dass es versucht, eine Verbindung aufzubauen –, das ergibt doch irgendwie keinen Sinn. Wir wollen doch vernetzt sein, per Tiktok, per Instagram, per allem möglichen… aber wir wollen nicht mehr miteinander reden, zumindest nicht unvorbereitet und unangemeldet.
Klopf, klopf, hier ist dein Albtraum
Man stelle sich den Horror vor, wenn Leute auch noch auf die Idee kämen, unangemeldet an der Haustür zu klingeln. Einfach so. Auf einen Schwatz. Nur mal kurz vorbeischauen. Nur mal fragen, wie es der anderen so geht… Vielleicht einen Kaffee trinken… Was für ein Affront! Ich sehe vor meinem geistigen Auge Menschen in heller Panik mit weit aufgerissenen Augen, die Hände auf die Ohren gepresst und den Mund geöffnet zu einem stummen Schrei, an der Tür kraftlos nach unten auf den Boden rutschen… Oh Gott! Da ist jemand. Ein Mensch! Der will mit mir sprechen! Wieso denn bloß? Jeder ist eine Insel…