Dillingen Ian Anderson bringt die Musik von Jethro Tull in die Gegenwart

Dramaturgische Bühnenshow: Jethro Tull im Dillinger Lokschuppen.
Dramaturgische Bühnenshow: Jethro Tull im Dillinger Lokschuppen.

Das Konzert von Jethro Tull am Donnerstag im mit über 1000 Besuchern ausverkauften Dillinger Lokschuppen endet als Zeitreise durch die halbe Rockgeschichte.

Als die Band die Bühne betritt, wirkt vieles vertraut und doch eigenartig entrückt: Der Bandname steht seit einigen Jahren stellvertretend für Ian Anderson – Flötist, Gitarrist, Sänger, Zeremonienmeister. Seine ikonische Einbein-Pose ist heute weniger akrobatisch als früher, dafür umso konzentrierter. Die Stimme ist brüchiger geworden, doch sie hat an Ausdruck gewonnen; getragen wird sie von einer Band, die nicht nostalgisch verwaltet, sondern aktiv gestaltet.

Die Setlist macht deutlich, wie bewusst Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt werden: Frühe Blues-Nummern stehen neben epischen Werken wie „Thick as a Brick“, Klassikern wie „Aqualung“ und Material wie „Curious Ruminant“ aus den jüngeren Veröffentlichungen. Es ist keine bloße Greatest-Hits-Show, sondern eine dramaturgisch durchdachte Werkschau.

Stilistisch unberechenbar

Was dabei sofort auffällt, ist die stilistische Unberechenbarkeit, die Jethro Tull seit jeher ausgezeichnet hat. Anders als viele ihrer Zeitgenossen waren sie nie eine klassische Progressive-Rock-Band im Sinne von Yes oder Genesis. Ihr Ansatz war erdiger, britischer, oft von Folk-Traditionen durchzogen und gleichzeitig von einer eigentümlichen intellektuellen Verspieltheit geprägt.

Die frühen Jahre zeigen noch deutliche Blues-Wurzeln, mit einer Nähe zu Bands wie Cream, während die großen Konzeptwerke der 1970er in ihrer Komplexität durchaus an King Crimson erinnern. Gleichzeitig integrierte die Band immer wieder Folk-Elemente, die Parallelen zu Fairport Convention oder Steeleye Span erkennen lassen, und verband diese mit klassischen Einflüssen, wobei insbesondere die Flöte als Leitinstrument ein Alleinstellungsmerkmal im Rock darstellt. Gerade diese Mischung wirkt 2026 keineswegs museal, sondern erstaunlich lebendig; die Arrangements sind oft gestrafft, transparenter, weniger auf Virtuosität um ihrer selbst willen ausgerichtet, sondern stärker auf Erzählfluss und Dynamik.

Der Klang ist luftiger

Die Besetzung des Jahres 2026 spiegelt diese Entwicklung wider: Im Kern ist die Band heute ein Projekt um Ian Anderson, flankiert von langjährigen Mitmusikern, die das Material präzise und stilistisch flexibel umsetzen. Der Einfluss früherer Schlüsselfiguren wie Martin Barre ist weiterhin spürbar, auch wenn er nicht mehr Teil der Formation ist. Dadurch hat sich der Klang verschoben: weniger gitarrenlastig, dafür luftiger, stärker auf Arrangements und feine Dynamik fokussiert.

Besonders aufschlussreich wird das Konzert jedoch im Vergleich – sowohl mit der eigenen Vergangenheit als auch mit anderen Bands früher und heute. In den 70er Jahren stand Jethro Tull in einer eigentümlichen Zwischenposition: zu verspielt für den Bluesrock, zu bodenständig für den reinen Prog, zu komplex für den Folk. Während Yes und Genesis auf Virtuosität und epische Konzepte setzten und Led Zeppelin die rohe Energie des Hardrock verkörperten, entwickelten Tull eine Form von Rockmusik, die näher an literarischem Erzählen als an klassischer Rockpose lag.

Brüche und Nuancen

Im Jahr 2026 zeigt sich nun, wie einzigartig diese Position geblieben ist. Im Vergleich zu Prog-Veteranen wie Yes oder den späten Inkarnationen von King Crimson wirken viele dieser Acts wie museale Bewahrer ihres eigenen Erbes, während Jethro Tull ihre Stücke umformt und neu interpretiert. Gegenüber klassischen Rockbands wie Deep Purple oder Uriah Heep, bei denen Energie und Soundwucht im Vordergrund stehen, setzt Jethro Tull auf Feinzeichnung, Brüche und erzählerische Nuancen.

So entsteht an diesem Abend kein Gefühl des Abschieds, sondern eines fortlaufenden künstlerischen Prozesses. Wenn am Ende „Aqualung“ erklingt, ist das Publikum zwar bei sich selbst angekommen, doch der Weg dorthin war kein bloßes Erinnern, sondern eine Neuvermessung eines außergewöhnlichen Werks.

Jethro Tull präsentiert sich 2026 nicht als Denkmal, sondern als lebendiges Archiv unter der Leitung eines Künstlers, der nie ganz irgendwo dazugehören wollte – und gerade deshalb bis heute eine singuläre Position in der Rockgeschichte einnimmt.

Mehr zum Thema
x