Hornbach
Gernsheim-Duo in der Klosterkirche Hornbach: Außergewöhnlicher Liederabend
Das Gernsheim Duo mit Sopranistin Anna Gann und Naoko Christ-Kato am Flügel stellte Werke vergessener jüdischer Komponisten vor. Veranstalter waren die Protestantische Kirchengemeinde Hornbach-Brenschelbach und das Hotel Kloster Hornbach.
Zum Auftakt stellten die beiden Künstlerinnen die Lieder „Bitte“, „Ich schlage dich, mein Tamburin“ und „Komm, Mädchen, an dein Fenster“ von Friedrich Gernsheim vor, die in der Tradition des romantischen Liedschaffens stehen. Der jüdische Arztsohn Friedrich Gernsheim stammte aus Worms und studierte in Leipzig und Paris, seine erste Stelle trat er als Musikdirektor 1861 in Saarbrücken an. Aus dieser Zeit stammen seine Kompositionen „Allnächtlich im Traume seh’ ich dich“ nach einem Text von Heinrich Heine aus „Sechs Lieder op. 3“ und die Prélude cis-moll aus den Präludien für Pianoforte op. 2. Weitere Stationen seines künstlerischen Wirkens waren Köln, Rotterdam und Berlin, wo er zuletzt als Stellvertretender Direktor der Preußischen Akademie der Künste tätig war.
Harmonie- und Klangfülle
Auffallend waren seine Lieder nach Gedichten von Ricarda Huch, „Eine Melodie singt mein Herz“ und „Ein Todesengel, göttlich sanft und schön“. Spätromantische Harmonie- und Klangfülle, aber auch volkstümliche Einfachheit prägten den innig-weichen Ton des Klavierthemas in „Eine Melodie singt mein Herz“, die klare Stimme von Anna Gann, die neben ihrer Gesangstätigkeit auch katholische Theologin ist, fiel quasi mittendrin in diese Weise ein. Auch im „Todesengel“ blühte ihre Stimme immer wieder warm und voll auf, ihre Expressivität harmonierte wundervoll mit den markanten Klavierakkorden von Naoko Christ-Kato.
Zu den „vergessenen“ jüdischen Komponisten zählt auch Karl Goldmark, der mit seiner Oper „Die Königin von Saba“ einen großen Erfolg feiern konnte. Er wurde im ungarischen Keszthely geboren und wuchs als Sohn eines ungarischen jüdischen Kantors in ärmlichen Verhältnissen auf; seine Ausbildung erwarb er zum Teil autodidaktisch. Nach ersten Tätigkeiten als Orchestergeiger stellte er 1865 erste Kompositionen vor und wurde später Ehrenmitglied der Accademia Santa Cecilia in Rom und der k.k. Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Träumerische Versonnenheit
Aus „Zwölf Gesänge op. 19“ und „Vier Lieder op. 34“ stellten Anna Gann und Naoko Christ-Kato „Sonntagsruhe“, „Das kahle Grab“, „Schlage nicht die feuchten Augen nieder“ und „Die Nachtigall, als ich sie fragte“ vor. Stürmische Bewegung und träumerische Versonnenheit wechselten sich hier teilweise abrupt ab, die klare Stimme von Anna Gann fesselte immer wieder durch ihre Innigkeit, konnte durch ihr helles Timbre und ihre bisweilen sogar fahle Klangfarbe aber auch Kühle und Distanz herstellen, vor allem in dem Lied „Das kahle Grab“. Anna Ganns heller Sopran wurde bei der Klage um die verlorene Liebste immer voller und leidenschaftlicher, vor allem bei der Erinnerung an die Abwehr der Eltern durchschnitt sie geradezu die Klänge und zitterte zutiefst erregt voller Groll, der sich auch im Klavierpart widerspiegelte. Höchste Erregung verströmte sich dann in einem leisen Nachhall, die Interpretation des Gernsheim-Duos zeichnete sich dabei durch eine plastische Formgebung mit subtilen Nuancen aus und schuf ein lebendig gewordenes tönendes Relief, aus dem Anna Ganns helle Stimme wie aus einer anderen Welt zu kommen schien.
Robert Kahn aus Mannheim sah sich durch die nationalsozialistische Diktatur zur Emigration nach England gezwungen. Sein „Wiegenlied“ befremdete und fesselte zugleich durch das unruhige Drängen im Klavierpart und die fahlen Farben des Soprans; es war eigentlich ein Requiem. Die Aufforderung „schlaf ein“ wirkte wie eine Beschwörung, in den ewigen Schlaf hinüberzugleiten.
Impressionistisches Stimmungsbild
Ein impressionistisches Stimmungsbild, scheinbar ohne Anfang und ohne Ende, entwarf Naoko Christ-Kato in der „Abendlandschaft“ des in Amsterdam geborenen Daniel Belinfante, der unter ungeklärten Umständen wahrscheinlich am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz dort starb.
In einem jüdischen Komponisten gewidmeten Programm steuerte das Gernsheim Duo mit „Kaddisch“ aus „Deux Mélodies hébraiques“ von Maurice Ravel auch ein Werk eines Nicht-Juden bei, der eines der bekanntesten jüdischen Gebete vertonte. Glasklar schwebten die melismatischen Kantilenen durch den Raum, immer wieder flankiert von malerisch ausschattierenden Klavierakkorden, in einer ungemein expressiven Textausdeutung.
Mit dem „Abendlied“ von Friedrich Gernsheim nach dem Text des Barockdichters Matthias Claudius ließen Anna Gann und Naoko Christ-Kato einen bemerkenswerten Liederabend ausklingen.