Zweibrücken Feministische Ausstellung „Die Wut ist weiblich“

Zwei große Fotowände mit wütenden Frauen, fotografiert von Rosa Engel, sollen die Besucher im Zweibrücker Stadtmuseum zum Nachde
Zwei große Fotowände mit wütenden Frauen, fotografiert von Rosa Engel, sollen die Besucher im Zweibrücker Stadtmuseum zum Nachdenken bringen.

Die Ausstellung mit den wütenden Frauen, die Rosa Engel inszeniert und fotografiert hat, wird gern rund um den internationalen Frauentag gezeigt – so auch in Zweibrücken.

Es sind vorwiegend jüngere Frauen, die die Besucher anschreien – natürlich stumm, es sind ja nur Fotos. Aber die Gesichter in der Schau „Die Wut ist weiblich“ sind schon ungewöhnlich. Vor allem die blonde Frau in Schwarz-weiß, die das Gesicht auf ihren Händen aufstützt und mit weit geöffnetem Mund und zusammengekniffenen Augen sich voll auf den Schrei konzentriert. Man fragt sich: Was hat sie erlebt, das sie so wütend ist? Sie hat eine unglaubliche Energie, es könnte ein Filmfoto sein, so intensiv wirkt es. Doch dem ist nicht der Fall.

Rosa Engel aus Aachen, die sich Fotografin für Frauen nennt, hat ihre Fotos sorgsam vorbereitet. Es geht ihr darum, dass Frauen sich nicht als liebe, immer lächelnde und alle Unbill ertragende Wesen präsentieren, sondern als Menschen, die es genauso zeigen, wenn ihnen etwas nicht gefällt, wie Männer.

Fotos an neutralem Ort

Die Frauen fand die Fotografin durch Anzeigen. Zum Fotoshooting ging sie jedoch nicht zu den Frauen nach Hause, sondern fotografierte sie in einem neutralen Umfeld, wo man so viel schreien kann, wie man will, ohne dass besorgte Nachbarn gleich die Polizei rufen: Sonntagmorgens in Gewerbegebieten. Das war 2022, aber seitdem hat sich nichts daran geändert, dass die Probleme von Frauen oft nicht ernst genommen werden und sich viele Frauen immer noch nicht trauen, aufzubegehren, wenn sie misshandelt, missbraucht oder einfach nicht beachtet werden. Darum kombiniert Engel die Fotos mit Texttafeln. „Zickst du mal wieder rum?“, „Bist du jetzt wütend? Das ist ja süß“ oder „Hast du deine Tage oder was?“ sind typische Sprüche, die sich Frauen anhören müssen, wenn sie einmal nicht lieb und nett gucken und den Männern (und auch den Kindern), sagen, was ihnen nicht passt - und eben auch mal wütend schreien, weil man sie ja sonst doch nicht hört.

Auch wenn die Fotos inszeniert sind, die Frauen bestimmten, wie sie sich darstellen wollen: Da gibt es ein Energiebündel mit wilden Haaren im Afrolook, das beim Schreien die Fäuste ballt. Eine andere Frau kauert am Boden in einer Ecke, öffnet den Mund, krampft die Hand an die angewinkelten Beine - und man ahnt dass sie gleich ausbrechen wird wie ein Vampir, so viel Wut liegt in ihren Augen und ihren Gesten.

24 Porträts

Eine dritte Frau hält schon einen großen Stein über dem Kopf, presst die Lippen aufeinander und bündelt all ihre Kräfte, um den Stein gleich zu Boden zu schmettern. Wieder eine andere Frau steht breitbeinig wie ein Mann auf einem Dach und schreit mit wehendem Mantel. Aber es gibt auch Frauen, die ihre Wut offenbar runterschlucken oder einfach nur aggressiv gucken. Doch egal, wie sie ihre Unzufriedenheit zeigen, den Fotos, meist Gesichtern in Großaufnahme, kann sich niemand entziehen, der die Ausstellung besucht.

An zwei gegenüberliegenden Wänden hat Museumsleiterin Aline Maldener die zweimal zwölf Fotografien im Format 50 mal 70 Zentimeter nebst den Texttafeln platziert. So hat man sie gut im Blick - und kann sie in Beziehung setzen zu den Männern und den Frauen, die permanent als Gemälde im Herzogsaal an den anderen beiden Wänden, den Stirnseiten, hängen: die Zweibrücker Herzöge und einige ihrer Gattinnen. Gerade die Frauen sehen sehr adrett und zurückhaltend aus, es ist, als würden sie ihr Licht unter den Scheffel stellen.

Karoline Henriette

Dabei hat vor allem eine Frau das politische und gesellschaftliche Leben im Herzogtum Zweibrücken mindestens so stark geprägt wie die Männer: Henriette Karoline von Pfalz-Zweibrücken (1721-1774), eine Wittelsbacherin. Sie war so klug und belesen, dass sie später ihren Mann, den Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt, langweilig fand – und sich mit Friedrich II., dem Großen, fröhlich jahrzehntelang Briefe schrieb über Philosophie und Literatur. Sogar Goethe kannte und lobte die Literaturkennerin und gewiefte Taktikerin, der es gelang, sechs ihrer acht Kinder in regierende Familien zu verheiraten, was sie zur Stammmutter fast aller heutigen europäischen Fürstenhäuser macht. Preußenkönig Friedrich II. stiftete ihr eine Urne: „Vom Geschlecht her eine Frau, vom Geist her ein Mann“ steht auf ihrem Grabstein im Schlossgarten von Darmstadt, informierte Aline Maldener.

Wie würde diese Prinzessin heute aussehen? fragte sich Maldener und sorgte für einen Gag bei der Vernissage: Per KI ließ sie aus der ernst dreinschauenden Frau auf dem Gemälde eine mit wütendem Gesicht machen. Nicht von ungefähr, denn Karoline Henriette riet ihrer Tochter, eben keine Gefühle zu zeigen: „Befolgen sie meinen Rat, Friederike, fangen Sie endlich an nachzudenken und Ihre Wutausbrüche und Launen zu zügeln, beleidigen Sie niemanden, vermeiden Sie die öffentlichen Szenen, in den Sie in Ihrer Lebhaftigkeit sensible Dinge sagen“, schrieb Henriette in einem Brief. So lädt die Ausstellung nicht nur dazu ein, sich mit den Frauen heute, sondern auch mit denen aus der Vergangenheit zu befassen – eine wunderbar konzipierte kleine, aber wirkungsvolle Schau.

Info

„Die Wut ist weiblich“, 24 Fotografien von Rosa Engel, Zweibrücken, Stadtmuseum, Herzogsaal, Herzogstraße 9, 8. bis 22. März, Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr, Dienstag 10-18 Uhr.

Gag bei der Vernissage: Henriette Karoline von Pfalz-Zweibrücken auf dem klassischen Porträt und mit KI wütend gemacht.
Gag bei der Vernissage: Henriette Karoline von Pfalz-Zweibrücken auf dem klassischen Porträt und mit KI wütend gemacht.
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