Zweibrücken Ernsthaft, aber aussichtslos

Der Großvater war Ölringer. Der Vater kam in den 60ern als Gastarbeiter nach Deutschland. Die Wurzeln der Familie ziehen sich durch das Steinkohle-Revier bei Kozlu, an der türkischen Schwarzmeerküste. „Vielleicht haben mir die Vorfahren doch mehr vererbt, als ich dachte. Ich würde sagen, ich kann zupacken, hart arbeiten. Und nehm’ das Leben sportlich“, sagt Atilla Eren.

Letzterem ist seine Kandidatur für den Landtag geschuldet. Als die Linke erwog, aus Mangel an Interesse im Wahlkreis 46 keinen Kandidaten aufzustellen, stand einer auf. „Dann fragt halt mich“, sagte Eren. Denn es gehe doch nicht, dass man als kommunal vertretene Partei kein Angebot mache, findet der 48 Jahre alte Gerüstbaumeister. Ob ihm klar war, worauf er sich einlässt? „Überhaupt nicht. Aber ich kann sagen: Bis jetzt ist es interessant, und ich zieh`s durch. Wie ich das mit allem Begonnenen mache.“ Seine Kandidatur fürs Landesparlament sei ernsthaft, „aber aussichtslos“, sagt Eren schmunzelnd. 1967 in der Türkei geboren, erst seit 2008 deutscher Staatsbürger, setzt sich der nicht praktizierende Moslem seit der Kommunalwahl 2014 für die Linke ein. Das Parteibuch hat er erst seitdem. Programmpunkte wie die Rückkehr zur Rente mit 65 (Eren: „Ich arbeite am Bau, ich kenne die Kollegen mit den kaputten Knochen“) und der Mindestlohn („Muss sein“) waren für den nach der Mittleren Reife zum Schweißer Ausgebildeten ausschlaggebend. Aber auch mitbestimmen zu wollen, „wie das läuft, da wo ich lebe“. Und jetzt das, was das Land zu regeln hat. Dass Kinder durch die Schullaufbahn früh getrennt werden, sich in „Elite“ und „Rest“ spalten, gefällt Eren nicht. Die Linke schlägt eine Gemeinschaftsschule bis zur Klassenstufe 10 vor. Und der lange nebenberuflich als Türsteher arbeitende Ex-Ringer würde der inneren Sicherheit mehr Gewicht verleihen. „Der Polizei würde ich viel mehr Befugnisse geben. Ich erleb’s täglich. Vor ihr hat doch keiner Respekt mehr.“ Was dem Vater von vier Kindern, selbst in einer Familie mit zwei Schwestern und einem großen Bruder aufgewachsen, in der Politik fehlt, „sind Typen, die das, was sie so palavern, belegen können“. Der Bau, wo Eren mit seiner eigenen, abgesehen von den Wintermonaten vier, fünf Mitarbeiter beschäftigenden Firma unterwegs ist, sei eine gute Schule. Menschen unterschiedlichen sozialen Status – Akademiker, Bauherren, Handwerker, Hilfsarbeiter – wirkten zusammen. „Da siehst du einiges, darum sollte sich die Politik kümmern.“ Seine Schule waren die Jugendjahre in Contwig. Zweijährig zog er mit Mutter und Geschwistern dem Gastarbeiter-Vater hinterher. Mutter Sevinc gab die Kinder in den katholischen Kindergarten. „Damit gehörten wir dazu. Von den heute zu uns Kommenden, Flüchtlinge oder andere, verlange ich, dass sie sich anpassen, an Recht und Gesetz, und ihren Platz hier suchen“, sagt Eren. Integration gelinge, wenn man die „Neuen“ so aufnehme, wie es ihm damals im Athletenclub Dellfeld ging. Dem ölringenden Großvater folgend, brachte es Eren zu einem gefürchteten Freistil-Experten. Einmal, als ein Auswahltrainer ihm wegen seiner Herkunft dumm kam, habe ein Vereinskamerad ein unvergessliches Zeugnis abgelegt. „Er hat wortlos seine Sachen gepackt und ist mit mir raus. Das hat den Trainer beeindruckt, der hat sich geschämt. Jedenfalls hat er mich nie mehr angemacht.“ Er, Atilla Eren, wisse seitdem, was Einstehen für Schwächere, was Solidarität ist.

x