Saarbrücken Ein studentisches Konzertwunder namens Unikult

Das Cover des Buches und der Ausstellung zeigt eine Litfaßsäule mit Unikult-Plakaten 1983.
Das Cover des Buches und der Ausstellung zeigt eine Litfaßsäule mit Unikult-Plakaten 1983.

An die Unikult-Ära erinnern sich viele, die in den 70er und 80er Jahren an der Saar-Uni studiert haben – wenn nicht: Ein Buch und eine Ausstellung helfen auf die Sprünge.

Studenten, die aus Freude an der Musik Konzerte organisieren und Weltstars nach Saarbrücken holen? Klingt irre. Und keinen Gewinn machen wollen? Klingt noch irrer. Genau deshalb war Unikult so einzigartig. Von 1976 bis 1990 gab es diese Konzertinitiative, wie man eigentlich sagen muss, des Asta. Sie war ein loser Zusammenschluss, mit einem nominellen Chef, dem (gewählten) Kulturreferenten des Asta, der eine bescheidenen Aufwandsentschädigung (unter dem Bafög-Höchstsatz) bekam, und einen Dutzend Helfern im Team. Sie holten international Stars wie Roger Chapman, Level 42, Carla Bley, R.E.M., das United Jazz und Rock Ensemble und auch nationale Größe wie Bap und die Ton Sterne Scherben in die Saarbrücker Uni-Aula, nicht selten, bevor sie überhaupt zu Stars wurden.

Der Name Unikult entstand in Anlehnung an Unifilm, das Filmreferat des Asta, das es schon viel länger gab. Wie dokumentiert man das Treiben einer solchen ungewöhnlichen Initiative? Es gibt Konzertmitschnitte, einige sind auf Youtube (mit QR-Codes im Buch) und viel Papier: Fotos, Plakate, Flugblätter, Eintrittskarten. Die Plakate und Eintrittskarten, oft selbstgestaltet mit eigenem Logo, sind heute Raritäten.

Was hinter den Kulissen geschah

Die Plakate sind in einer Ausstellung zu sehen, die am 6. März eröffnet wird, es ist schon die zweite Ausstellung, die erste im Januar fand in einem kleinen Raum im Saarbrücker Garellyhaus statt. Dabei kamen Unikulter und Unikultbesucher zusammen, die sich über 30 Jahre lang nicht mehr gesehen hatten – und Geschichten erzählten. Einige davon sind in dem Buch.

Dazu gehören Erlebnisse der Bühnenhelfer. So kam die Pat Metheny Group mit einem extrem schweren Trafo für den Gitarrensynthesizer an, der den Bühnenhelfern aus den Händen glitt, als sie in die Stufen hoch ins Audimax schleppten. Für ein paar Freikarten fanden sich vor dem Ausländerclub spielende Fußballer bereit, beim Tragen zu helfen, noch heute kann man deshalb im Treppenhaus zum Audimax eine ausgebesserte Stufe sehen. Und Marlene Schweigerer aus dem Unikult-Team ging mit dem Musiker der Band zum französischen Konsulat in Saarbrücken, weil die Einreisepapiere des Amerikaners zum nächsten Konzert in Paris nicht in Ordnung waren. Auch das Problem konnte gelöst werden.

Collage aus Unikult-Plakaten, das Logo ist meist unten rechts.
Collage aus Unikult-Plakaten, das Logo ist meist unten rechts.

Wenn man wissen will, welcher amerikanische Sänger ein Drogenproblem hatte, welche opulente Salatplatte Carla Bley bestellte, warum die Band Grobschnitt eine bestimme Schokoladensorte aus dem Reformhaus haben wollte und überhaupt die manchmal etwas seltsamen Cateringwünsche, die nicht einfach zu erfüllen waren – das kann man alles nachlesen. Ebenso etwas, was sonst nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt: die Abrechnungen der Konzerte nebst einem im Fall der Carly Bley Band (12.000 Mark Honorar) trotz Sondereinnahmen von 2500 Mark für den Rundfunkmitschnitt Defizit von 8000 Mark, weil nur 269 Besucher kamen. Man erfährt, dass Unikult das letzte Konzert von Ton Steine Scherben vor der Trennung organisierte, warum das Nina-Hagen-Konzert platzte und andere Dinge aus dem Hintergrund des Business’, in die man sonst keinen Einblick hat.

Persönliche Erlebnisse von Teammitgliedern, auch minuziöse Erinnerungen an einzelne Konzerte und auch Lesungen (in den Anfangsjahren waren immerhin Wolf Wondratschek, Walter Kempowski und Thomas Brasch bei Unikult zu Gast) machen das Buch zu einem Lesebuch, dazu kommen Konzertfotos, ein wunderbarer Plakatfehldruck (Garland Jeffreys in großen Buchstaben falsch geschrieben), Konzertlisten, nahezu alle Eintrittskarten und Plakate. Die besten Jahre hatte Unikult in der ersten Hälfte der 80er, am 21. April 1990 mit dem Auftritt der Kabaretttruppe Frankfurter Fronttheater war Schluss.

Die Eintrittskarten hatten ein unverwechselbares Design.
Die Eintrittskarten hatten ein unverwechselbares Design.

Das Buch erklärt auch, warum: Jürgen Thomas (1955 bis 2024), der das Amt 1979 von Werner Balzert übernahm, der Unikult gegründet und die ersten Veranstaltungen organisiert hatte, sah sich am Mitte der 80er Jahre mit einem neuen Zeitgeist im Asta konfrontiert: der politisch linke Asta wollte keine rein konsumorientierten Veranstaltungen mehr, die Besucher sollten sich aktiv einbringen, auch mit Diskussionen. Das hatte Balzert anfangs auch gewollt und war damit gescheitert – genauso wie die in diesem Sinne organisierten Veranstaltungen wie alternative Modenschau, Theaterworkshops, Veranstaltungen zum Spanischen Bürgerkrieg oder eine Südafrikawoche, die kaum Besucher anzog. Hinzu kam, dass die Plattenfirmen mit Aufkommen von Video weniger Interesse an Konzerttourneen hatten, erst recht in mittelgroßen Hallen wie die Uni-Aula (1500 bis 2000 Personen) und das Equipment der Bands für solche Hallen nun zu groß war. Hinzu kamen ein Defizit von 2000 Mark und eine gewisse Unlust im Team. Jürgen Thomas gab auf. Die Ära Unikult war vorbei. Was bleibt sind die Erinnerungen und das beste Buch über eine Konzertagentur, das man sich denken kann. Es beleuchtet nicht nur den Musikbetrieb so detailreich wie nie, sondern ist dank der vielen ungefilterten Stimmen ein wunderbares Zeitporträt.

Lesezeichen

Poprat Saarland (Herausgeber): Unikult proudly presents: Saarländische Popgeschichte(n), 198 Seiten, viele Abbildungen, Conte Verlag St. Ingbert 2025, 24 Euro.

Ausstellung

„Popkult made by Unikult“: VHS Saarbrücken, Altes Rathaus, Schlossplatz, 6. März bis 25. April, Vernissage: 6. März, 17.30 Uhr, im Beisein früherer Unikulter, es spielt das Duo Nelly’n Deddé. Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch 8-17 Uhr, Donnerstag 8-18 Uhr, Freitag 8-15 Uhr.

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