Motorsport
Ein ganz persönlicher Nachruf: So half mir Alex Zanardi auf meiner schwersten Reise
Samstag, 15. Mai 2004 – am Hockenheimring fährt die Tourenwagen-Europameisterschaft am nächsten Tag ihre Deutschlandrennen. Am Abend zuvor treffe ich einen Rennfahrer zum Interview, der eigentlich seit drei Jahren tot sein müsste. Der Italiener Alessandro „Alex“ Zanardi hatte 2001 bei einem Unfall auf dem Lausitzring beide Beine verloren. An einem Rennwochenende, das auch ohne diesen schrecklichen Unfall für mich keines war wie jemals eins zuvor. Denn hier fand vier Tage nach den Terroranschlägen am 11. September auf das World Trade Center die einzige amerikanische Sportveranstaltung statt. Ein Champ-Car-Rennen. Das Rennen wurde zur Gedenkveranstaltung.
Ein schrecklicher Unfall auf dem Lausitzring
Bis zu den Attentaten war ich voller Ungeduld auf das erste Ovalrennen der amerikanischen Formel 1 in Deutschland. Als ich mich nach dem Tag, der die Welt veränderte, auf den Weg machte, war es mir fast egal. Aber mein erstes Ovalrennen vor Ort war mitreißend. Man muss die Geschwindigkeit dieser Autos gesehen haben, um die Herausforderungen, denen sich nun auch Mick Schumacher stellt, wirklich verstehen zu können. Endlich konnte ich die schrecklichen Bilder der Tage zuvor ein wenig vergessen. Da meine Arbeit schon vor dem Start getan war, beschloss ich, kurz vor Rennende zu gehen. Es zog mich nach Hause. Zu meiner Frau und unseren Kindern.
Die Entscheidung schützte mich davor, später diesen fürchterlichen Unfall zu sehen: Alex Zanardi verlor nach einem Boxenstopp die Kontrolle über sein Auto. Der Kanadier Alex Tagliani durchbohrte auf der Strecke Zanardis Auto in der Mitte. Ein Radiosender vermeldete voreilig seinen Tod. Da hatte ich das Rennstreckengelände noch nicht einmal verlassen.
Alle scharen sich in der Boxengasse zusammen
Drei Jahre später brauche ich aus Hockenheim auch Fotos des damals Überlebenden. Ich drücke mich um die BMW-Box von Zanardi herum. Ohne Beine fährt er ein Auto, das er nur mithilfe des Lenkrades steuert. Gas, Schaltung, Bremsen, steuern; alles aus den Händen. Unfassbar, dass er das nach dem schweren Unfall tut.
Ich war 2003 erneut in der Lausitz, als Zanardi an die Stätte seines Unfalles zurückkehrte. Nicht nur, um dort seine unfassbare Rückkehr in den Motorsport zu verkünden. Am Steuer eines für ihn umgebauten Champ-Car-Autos fuhr er symbolisch das Rennen von 2001 zu Ende. Mit Schmackes. Die schnellste seiner Runden hätte für Startplatz sieben gereicht. Fahrer, Offizielle, Presseleute scharten sich in der Boxengasse, um Alex danach in Empfang zu nehmen. Während seiner Runden erklang David Bowies „Heroes“ über die Streckenanlage. Mir, wie einigen seiner Rennfahrerkollegen, stand das Wasser in den Augen. Wer hier nichts fühlte, ist ein Stein.
Zanardi: Andere hat es schlimmer erwischt
An all diese Szenen denke ich in Hockenheim wieder. Zanardis Training ist beendet, er läuft auf Krücken festen Schrittes durch die Boxengasse. Wie begegnet man einer solchen Legende? Zanardi kommt in der Hospitality an meinen Tisch, strahlt über das ganze Gesicht. Es ist eine großartige Begegnung, schnell schwindet die Nervosität. Mir sitzt ein Sportgigant gegenüber, der ein offenes Ohr für gute Gespräche hat und sich selbst keine übermäßige Bedeutung zumisst. Vorsichtig taste ich mich über das aktuelle Renngeschehen an das, was drei Jahre zuvor geschehen ist. Zanardi erzählt ernsthaft: „Die Leute gratulieren mir, weil ich im Training Platz 13 schaffe. Ich sage ,Danke’. Und bin eigentlich stinksauer, dass ich so langsam bin.“ Nur ein Jahr später wird er in Oschersleben erstmals siegen.
Irgendwann komme ich auf den Unfall zu sprechen. „Ist es nicht ermüdend, seitdem immer die gleichen Fragen zu beantworten?“ Zanardi verneint vehement, erzählt aber nicht von sich, sondern von anderen Unfallopfern. Er habe in den Krankenhäusern Menschen kennengelernt, denen es viel schlechter ergangen sei. Das sagt einer, dem zwar ein Leben, aber nur der Körperrumpf blieb. Aber andere hätten viel schlimmere Verletzungen erlitten. Und seien nicht so gut versichert gewesen. Weshalb er nun Zeit und Geld habe, sich mit der Technik von Gehhilfen zu beschäftigen. „Um sie zu verbessern.“
Ein bewegendes Interview
Mein Rennfahrer-Überheld merkt, wie sehr mich seine Worte bewegen. Und holt mich mit einem Satz auf den Boden, der zehn Jahre später von unfassbarer Bedeutung wird. „Thomas, wenn du glaubst, dass du das nicht auch schaffen würdest, dann unterschätzt du dich.“ Er klopft mir dabei mit seinen kräftigen Händen kumpelhaft auf die Schulter. Mein Kopf antwortet „Niemals“. Aber einem Zanardi widerspricht man nicht. Als wir uns verabschieden, kann ich nicht gehen, ohne seine Signatur in der Biografie. Darin steht seitdem „Danke Thomas, für deine Unterstützung.“
Danke, für was? Ich habe zu danken. Aus einem anderen, viel wichtigeren Grund. 2014 bin ich lebensgefährlich erkrankt. Lungenhochdruck in der Sonderform der Chronischen Thromboembolischen Pulmonalen Hypertonie. Mir steht eine Reise bevor, die ich meinem schlimmsten Feind nicht wünsche. Eine Operation, mit zweimal Kreislaufstillstand, bei 19 Grad Körpertemperatur. Ich habe damals viel Zeit nachzudenken, höre immer wieder Alex’ Worte: „Thomas, wenn du glaubst, dass du das nicht auch schaffen würdest, dann unterschätzt du dich.“ Dank der Unterstützung vieler habe ich es geschafft, diesen Weg zu gehen. Auch dank Alex Zanardi.
Unsere Wege haben sich nie wieder gekreuzt
Ich hatte immer wieder darauf gehofft, ihm das persönlich erzählen zu können. Er hätte es sicher gern gehört und dazu gelacht. Doch unsere Wege haben sich nie wieder gekreuzt. 2020 widerfuhr ihm sein schwerer Handbike-Unfall. Nachdem dieser unglaubliche Mensch 2012 in London noch Paralympics-Sieger geworden war. Schon das zu erfahren, war schmerzhaft. Am vergangenen Freitag ist Alex Zanardi nun gestorben. Mich hat diese Nachricht schwer erschüttert. Für mich ist es, als hätte ich einen guten Freund verloren. Danke für alles.
Einen weiteren Nachruf auf Alex Zanardi lesen Sie hier.