Fußball
Druck und Doping: FCK-Fußballgott Olaf Marschall über seine Jugend in der DDR
Die Mensa der Integrierten Gesamtschule Am Nanstein in Landstuhl ist um 8.45 Uhr schon proppenvoll. Es haben sich zwei besondere Gäste zum Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern des Leistungskurses Sport (Klassen 11 und 12), des Leistungskurses Geschichte (Klasse 12) und des Wahlpflichtfachs Sport (Klassen 10 und 11) angesagt: Heidi und Olaf Marschall. Die beiden 57-Jährigen haben sich auf Initiative von Lehrer Andreas Zimmermann bereiterklärt, an diesem Donnerstagvormittag über ihre Zeit als Sportler in der DDR, über die Wende und den „Neuanfang“ im Westen zu sprechen.
Olaf Marschall kennen natürlich alle, die an diesem Morgen da sind – das ist schon an den FCK-Trikots abzulesen, die viele tragen. Pokalsieger 1996 mit dem 1. FC Kaiserslautern, Sensationsmeister als Aufsteiger 1998, Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Frankreich 1998. Seine Frau Heidi ist hingegen nicht so bekannt. Darum läuft zu Beginn ein Film, der sie als Rhythmische Sportgymnastin in der DDR zeigt, gefolgt von einem Film über Olaf und den FCK.
Mit Zwölf ins Sportinternat
Und dann sind die Schüler dran. Sie können die Gäste mit Fragen bombardieren. Nach dem ersten Abtasten („Wen finden Sie besser: Messi oder Ronaldo?“ Antwort: „Ich mag den Kleinen (Messi) lieber.“ Oder: „Wie viel haben Sie beim FCK verdient?“ Antwort: „Dafür würde sich heute so mancher nicht mal die Schuhe anziehen: 16.000 D-Mark Grundgehalt, dazu gab es noch Prämien.“) geht es dann ans Eingemachte.
Es geht um den sportlichen Werdegang der beiden in der DDR. Und der war nicht immer ein Zuckerschlecken. Olaf Marschall wuchs in Torgau auf, spielte im dortigen Verein Fußball. „Es wurde ständig für Auswahlmannschaften gesichtet, mit elf, zwölf Jahren spielte ich in der Bezirksauswahl. Und dann wurde ich gefragt, ob ich nicht für einen Club in Leipzig spielen will.“ So kam er mit zwölf Jahren ins Sportinternat in Leipzig. Schule, siebenmal die Woche Training, sonntags spielen – „das war der Ablauf, bis ich 19 war“, sagt Marschall und fügt mit einem Grinsen an: „Glaubt mir: Jeden Tag trainieren, war nicht immer nur Spaß.“ Wobei auch die Schule wichtig war. „Mit ganz schlechten Noten wärst du rausgeflogen.“ Und einmal aus dem Sportfördersystem der DDR aussortiert, bedeutete: „Dann war’s vorbei.“
Ehefrau Heidi war Sportgymnastin
Ähnlich lief es bei Heidi, die mit fünf Jahren von ihren Eltern zum Sport geschickt wurde, „weil ich ein Zappelphilipp“ war, wie sie mit einem Lachen berichtet. Die Trainerin testete ihre Gelenkigkeit, „und mein Ehrgeiz war geweckt. Seitdem habe ich in der Küche jeden Tag Spagat trainiert“. Über Sichtungen kam sie so zur Rhythmischen Sportgymnastik. „Und mit zehn Jahren kam ich dann auf eine Sportschule. Aber im Gegensatz zu Olaf“, merkt sie an, „konnte ich zuhause schlafen, weil wir ja in Leipzig wohnten.“ Der Drill war aber hart. „Wir haben jeden Tag sechs Stunden trainiert.“ Bereut hat sie es nicht, „obwohl ich nicht das Glück hatte, mal zu einer EM oder WM zu fahren. Ich war ja stolz drauf, in dieser Schule zu sein, wo nicht alle hingehen dürfen.“
Es gibt aber auch andere Seiten, wenn man an den Sport in der DDR denkt: Doping. Und natürlich wird die Frage danach gestellt. Olaf Marschall geht damit offen um: „Ja, das wurde damals gemacht. Es wurde auch mir angeboten. Ich habe dann diese Tablette zwei Tage genommen – und dann wollte ich nicht mehr. Ich kam mir vor wie ein Bodybuilder. Vielleicht haben diese Tabletten bei mir besonders gut angeschlagen ...“ Ob er danach unwissentlich leistungssteigernde Mittel bekommen habe, kann er nicht sagen: „Ob was im Essen oder Trinken drin war – ich weiß es nicht. Aber ich glaube eher nicht, weil das im Fußball eher eine begrenzte Wirkung hat.“
DDR: Privilegien für Leistungssportler
Während Olaf in seiner Zeit bei Lok Leipzig durch Europapokalspiele immer mal in den Westen kam, blieb das Heidi verwehrt. „Nach dem Ende meiner aktiven Karriere mit 15 war ich in einer Gruppe mit Turnern, Akrobaten, Gymnastinnen, die eine Show einstudierte und damit – quasi als Aushängeschild der DDR – auch Auslandsauftritte hatte“, sagt sie. „Aber ich durfte zu den Auftritten im Westen nicht mit, da ich West-Verwandtschaft hatte. Das wusste die Stasi.“ Ihre Oma und ihr Onkel waren beim Mauerbau im Westen Berlins geblieben.
Auf der anderen Seite – auch das geben beide freimütig zu – hatten sie als Sportler gewisse Privilegien. Sei es eine größere Wohnung, ein Telefon, was damals in der DDR eher eine Seltenheit war, oder der Wartburg, den Olaf Marschall dann bekam. „Da haben andere sehr lange drauf gewartet, bei uns war spätestens nach einem halben Jahr alles da“, sagt er.
Und dann kam, erst schleichend mit der Flucht vieler DDR-Bürger über Ungarn in die damalige BRD, die Wende. „Das war ein großes Thema bei uns“, erzählt Heidi Marschall. „Bis auf ein Paar waren alle Freunde von uns verschwunden, auch ein Mitspieler von Olaf.“ Dann kam der Tag des Mauerfalls, „und ein halbes Jahr später waren wir dann in Wien“.
Der FCK-„Fußballgott“
Dort spielte Marschall bis 1993 für Admira Wacker. Was danach folgte, wissen alle FCK-Fans. Acht Jahre bei den Roten Teufeln, die dem Stürmer den Beinamen „Fußballgott“ bei den Fans einbrachten. Dort sind die beiden in Niederkirchen mit ihren beiden Kindern, Sohn und Tochter, in der Pfalz heimisch geworden, Heidi Marschall ist Fitnessfachwirtin, Olaf ist für den FCK als Chef-Scout tätig. „Ein Job, bei dem man viel unterwegs ist und viele Spiele sieht“, sagt er dazu. „Und viel in Datenbanken eintragen muss.“
Als nach gut zwei Stunden das Gespräch in der IGS Am Nanstein mit Applaus endet, sind die Schüler jedenfalls beeindruckt und begeistert: „Das war cool“, ist auf dem Flur immer wieder zu hören. Und natürlich holten sich etliche noch Autogramme vom „Fußballgott“ und machten Bilder mit ihren Handys. Auch den Marschalls hat der Vormittag sichtlich Spaß gemacht: „Das war sehr schön“, sagt Heidi Marschall, während Olaf nickt. „Wir haben sowas schon einmal gemacht. Es ist schön, dass da Interesse da ist. Wir sind ja sozusagen Zeitzeugen der DDR-Zeit und der Wende. Und es macht auch Spaß, über die Zeit zu erzählen. Es war ja auch nicht alles schlecht.“ Etwas zu erzählen hatten nach diesem Vormittag sicher auch die Schüler, die dabei waren.
