Homburg
Die Geigerin Hilary Hahn spricht über ihre Karriere
Sie bringen ein recht ungewöhnliches Programm mit Werken unter anderem von Ravel, Debussy, Fauré, Boulanger und Ching Lam mit nach Homburg. Ist es das Programm, das Sie auch in der Wigmore Hall spielen?
Ja. Ich habe meine Einstellung zur Programmgestaltung für Konzerte in letzter Zeit etwas geändert. Früher hörte ich ständig, dass die Leute bestimmte Stücke von mir hören wollten, und ich wollte diesen Wünschen dann auch nachkommen und gleichzeitig ein vielseitiges Programm zusammenstellen. In letzter Zeit aber stelle ich bei meiner Arbeit fest, dass es mir großen Spaß macht, herauszufinden, was der jeweilige Kollege, mit dem ich gerade zusammenarbeite, gerne macht, und um dann zu sehen, wo sich unsere Interessen überschneiden. Und es ist wirklich spannend, mit jemandem zu arbeiten, der das ebenso genießt. So suchen wir gemeinsam nach Stücken, bei denen sich unsere Kräfte überlappen. Ich möchte meine Arbeit inzwischen also mehr auf einem projektbasierten Niveau betrachten – immer verbunden mit der Frage: Was können wir alles im Laufe unserer gemeinsamen Arbeit ausprobieren?
Sind Sie dabei eine Perfektionistin?
Nein. Ich versuche, die engste, direkteste Verbindung zum Publikum einzugehen und so tief wie möglich in das musikalische Werk einzudringen. Natürlich habe ich dabei hohe Standards, ich will, dass eine Aufführung so gut wie möglich ist und es keinerlei unnötige Ablenkung gibt. Aber auch wenn ich sehr viel und hart arbeite, bin ich definitiv keine Perfektionistin.
Und mit Tom Poster haben Sie einen gleichgesinnten Partner gefunden?
Ja. Zuerst hatte ich Toms Ehefrau, die Violinistin Elena Urioste, mit der ich gut befreundet bin, gefragt: ,Elena, ist es okay, wenn ich Tom frage, ob er mich begleitet, ohne dass das Auswirkungen auf Euer gemeinsames Duo hat?’ Und sie meinte nur: ,Nein, nein, nein, mach’ das ruhig.’ Also habe ich mit Tom gesprochen, dessen Spiel ich ja schon kannte und wusste, wie viel Erfahrung er in der Zusammenarbeit mit Geigern hat.
Haben Sie dann das Programm auch gemeinsam erstellt?
In unserem Gespräch erwähnte er, dass er, wie ich auch, die französische Musik liebt. Und so dachte ich, bevor wir das erste Mal über das Repertoire gesprochen haben, dass wir vielleicht eine französische Sonate spielen könnten. Dabei habe ich sofort an die Violinsonate g-Moll von Claude Debussy gedacht, die ich sehr liebe. Sie war das erste Stück französischer Musik, das ich zu spielen gelernt habe. Ich liebe seine Virtuosität. Es ist sehr impressionistisch und das Tempo verändert sich ständig. Deshalb habe ich nie aufgehört, diese Sonate, wenn immer es möglich war, zu spielen. Und auch Tom wollte diese Sonata spielen, was für einen Pianisten ziemlich ungewöhnlich ist.
Mir fällt auf, dass in Ihrem Programm diesmal kein einziger deutscher Komponist vertreten ist.
Ich weiß – aber ich denke, das geht in Ordnung. Ich habe ja auch schon mehrere Tourneen nur mit Werken von Johann Sebastian Bach gemacht. Und fast jedes Programm, das ich je gespielt habe, beinhaltete Werke deutscher Komponisten. Das deutsche Repertoire ist fest in mir verankert.
Tom Poster komponiert auch. Haben Sie jemals eines seiner Werke gespielt?
Nein, seine Kompositionen habe ich noch nicht gespielt, aber seine Arrangements. Und ich genieße es, mit ihm zu arbeiten, da er aus der Sicht eines Komponisten neue Arrangements schreibt, was sehr spannend ist.
Sie galten als musikalisches Wunderkind. Wie haben Sie die Veränderung vom Wunderkind zur renommierten Künstlerin erlebt?
Ich weiß nicht, ob ich sagen kann, wann da eine Veränderung eingetreten ist. War das, als ich von zu Hause ausgezogen bin? War das, als ich meinen ersten Job bekommen oder als ich meinen Abschluss gemacht habe? Es ist schwer zu sagen, wann dieser Übergang tatsächlich stattgefunden hat. Ein Grund, warum ich gern älter bin, ist, dass Leute mich nicht mehr das Wunderkind nennen. So wurde ich noch mit 29 oder 30 Jahren bezeichnet. Ich fand, dass ich doch schon etwas zu alt war für so einen Titel. Wenn man Musik ehrlich und leidenschaftlich spielen möchte, dann spielt das Alter keine Rolle. Kinder haben doch auch so starke Emotionen. Wenn man älter ist, hat man natürlich mehr Erfahrungen gesammelt, hat schon mehr Auftritte hinter sich, hat mit vielen anderen Musikern zusammengearbeitet und dadurch auch mehr Mittel, sich auszudrücken. Wenn man Stücke immer wieder anders interpretiert, stellt man irgendwann fest, dass das Publikum nicht nur Traditionelles mag, sondern auch sehr gern neue, frische Versionen hört. Was die Zuhörer nicht mögen, ist, wenn nichts rüberkommt. Wenn die Musik nicht zu ihnen spricht. Für mich ist es daher spannend, die Stücke jedes Mal wieder neu zu gestalten. Die Emotionen müssen dabei ehrlich sein. Das ist für mich das spannende und inspirierende Ziel. Die größte Veränderung weg vom Wunderkind für mich persönlich war wohl, zu lernen, wie man die Balance zwischen Privatleben und Arbeit bewahrt. Manche Leute müssen das sehr jung lernen, manche lernen es nie. Aber das gilt natürlich für alle Menschen. Einschneidend für mich war unter anderem die Erkenntnis, auf einmal keine Mentoren mehr zu haben und ich mich allein auf meine Fähigkeiten verlassen musste.
Haben Sie heute noch Lampenfieber?
Nein, nicht oft. Ich liebe es, aufzutreten. Das Adrenalin ist dann wie eine Freundin. Manchmal ist es zu viel Adrenalin und dann muss ich mit ihm sprechen. Ich denke also nicht an Lampenfieber, ich denke an eine hilfreiche Energie, die mir sogar einen klareren Kopf beschert.
Das Konzert
Hilary Hahn und Tom Poster: Freitag, 15. Mai, 19 Uhr. Homburg, Saalbau, Karten: ticket-regional.de.
Zur Person: Hilary Hahn
Ihre Vorfahren stammen aus Bad Dürkheim, geboren wurde sie 1979 in den USA. Ihre ersten Violinerfahrungen als Dreijährige sammelte sie erst über die russische, später über die französisch-belgische Schule: Hilary Hahn war erst zehn Jahre alt, als sie am Curtis Institute of Music studierte. Ihre Vielseitigkeit hat sich die dreifache Grammy-Preisträgerin bewahrt: Mit mehr als 150 Dirigenten arbeitete sie bereits zusammen und begibt sich auch des Öfteren auf klassikfremde Pfade. So arbeitete sie zweimal mit der Rockband „…And You Will Know Us by the Trail of Dead“ zusammen. Außerdem versetzte sie als Solistin des Soundtracks zum Mystery-Thriller „The Village“ Scharen von Kinobesucher in Angst und Schrecken. Hilary Hahn setzt sich für Neue Musik ein und hat bereits Dutzende Werke in Auftrag gegeben. Das Chicago Symphony Orchestra hat sie zu seinem ersten Artist in Residence ernannt.