Homburg Die Dietrich und das makabre Monokel: Claudia Michelsen erinnert an eine Ikone

Claudia Michelsen, die auch schon mehrfach Gast in der Pfalz war – 2021 wurde sie beim Festival des deutschen Films in Ludwigsha
Claudia Michelsen, die auch schon mehrfach Gast in der Pfalz war – 2021 wurde sie beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen mit dem Preis für Schauspielkunst ausgezeichnet – hat sich bei ihrer Lesung in Homburg nicht aus der Nähe fotografieren lassen wollen.

Sie ist eine Ikone: Marlene Dietrich. Doch wer war sie? Antworten lieferte Schauspielerin Claudia Michelsen beim Lesefestival HomBuch im Gymnasium Johanneum.

Die HomBuch-Organisatoren haben Claudia Michelsen von Berlin ins Saarland eingeflogen. Es ist klar, dass die rund 320 Zuhörer in der ausverkauften Aula des Johanneums vor allem die Schauspielerin sehen und hören wollen. Denn Michelsen ist etwa aus der „Ku’damm“-Reihe oder diversen „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Folgen – seit 2013 verkörpert sie hier die Magdeburger Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch – bekannt.

Die 56-Jährige spricht in Homburg aber nicht über sich, sondern eine Ikone der deutschen Kulturgeschichte. Marlene Dietrich habe „mit einer Konsequenz ihr Leben gelebt, die fast schon am Ende an Brutalität grenzt“, schickt Michelsen voraus. Die „Reise durch ihr Leben“ unternimmt Michelsen, indem sie aus Tagebucheinträgen, Büchern oder Erinnerungen von Dietrichs Tochter Maria Riva liest. „Die letzten Scheinwerfer sind erloschen“, liest sie. „Als die Welt noch jung war“ – da nimmt der Abend seinen Anfang.

Auch aus den Erinnerungen von Marlene Dietrichs Tochter Maria Riva – hier im Jahr 1930 mit ihrer Mutter und ihrem Vater, Rudolf
Auch aus den Erinnerungen von Marlene Dietrichs Tochter Maria Riva – hier im Jahr 1930 mit ihrer Mutter und ihrem Vater, Rudolf Sieber, – las Michelsen in Homburg.

Marlene Dietrich (1901-1992) wird in Berlin geboren. Vom Tod der Mutter ist die Rede. „Wie unserem Schicksal entgehen, unserem Leid, unserer Vergänglichkeit?“ Es dauert ein bisschen, bis man begreift, dass da gerade nicht vom Tod von Marlenes Mutter die Rede ist – sondern, dass Michelsen aus dem Buch ihrer Tochter Maria Riva liest, die über den Tod von Marlene Dietrich schreibt.

Sich zu orientieren, ist nicht einfach

Nun kann man sich darüber streiten, ob es nicht andere Personen gibt, die Marlene Dietrichs Leben mithilfe von Fremdtexten besser hätten umreißen können. Claudia Michelsen liest zweifelsohne atmosphärisch, verleiht den Szenen ihre eigene Handschrift, und erweckt so verschiedene Stationen der Dietrich zum Leben. Michelsen sagt zu Anfang, nicht sie selbst, sondern jemand anders habe ihr die Auswahl an Texten zusammengestellt, den Abend also für sie konzipiert. Was sie lediglich macht, ist das Wiedergeben der Texte, die dieser Jemand für sie aufbereitet hat. Wer das ist, verrät sie nicht. Auch, welche Biografie oder aus welcher Sicht sie einem vorliest, erschließt sich einem nicht immer direkt. Zur Orientierung bleibt einem lediglich die Chronologie von Dietrichs Leben, durch das Michelsen reist.

Manchmal wabern die Worte schwer durch die Aula, in deren Eingang eine große weiße Kerze flackert. Vom Ersten Weltkrieg liest Michelsen. Ihre Stimme ist manchmal nur ein Flüstern, ein Hauch, der von Schmerz erzählt. Dietrich verehrte ihre Mutter, sie hätte einen „natürlichen Adel“ besessen. Dietrich zog sich eine Sehnenentzündung zu – weil sie Bach acht Stunden täglich auf der Geige üben musste. Mit der Musik wird’s nichts – also ging sie zum Theater, dem einzigen Ort, an dem sie „die Schönheit der Sprache zur Geltung bringen konnte“.

Schauspielerin, Sängerin, Liebhaberin, Stil-Ikone, Mutter und emanzipierte Frau: Marlene Dietrich.
Schauspielerin, Sängerin, Liebhaberin, Stil-Ikone, Mutter und emanzipierte Frau: Marlene Dietrich.

Aufnahmeleiter Rudolf Sieber, der über 50 Jahre ihr Ehemann sein sollte, wollte, dass sie bei Aufnahmen zu einem Film ein Monokel tragen sollte, „um noch verdorbener auszusehen“. Denn: „Ein Monokel war zu dieser Zeit der Gipfel des Makabren.“ Und wieder bleibt man etwas ratlos zurück, aus wessen Feder diese Infos stammen. Marlene, Sieber, ein Dritter? Es wirkt, als habe sich Michelsen zwar technisch vorbereitet, aber inhaltlich nicht sonderlich gründlich.

„Plötzlich ist das Weltall wie verwandelt“

Fast schon magische Momente erschafft die Vorleserin jedoch, als sie liest, was Dietrich fühlt, als ihre Tochter geboren wird. „Plötzlich ist das Weltall wie verwandelt. Alles stellt sich auf diesen Punkt ein.“ 1930 kommt Marlenes Durchbruch mit dem Film „Der blaue Engel“. Es folgt ein Vertrag in Hollywood. Um das Idealbild einer Femme fatale nicht zu gefährden, sollte sie vom Filmstudio aus ihre Mutterschaft nicht erwähnen. Sie kämpft dafür, sagen zu dürfen, dass sie ein Kind hat. „Mutterschaft war ein völlig unbekanntes PR-Konzept für Glamour-Stars in Hollywood.“

Während des Zweiten Weltkriegs half sie den Menschen von der USA aus. Nach dem Krieg war sie eine andere Frau: „Älter, glanzloser, ordinärer“. Einsamkeit und Sehnsucht umgeben sie. „Es gibt keine Schönheit, keine Freude mehr“, soll sie gesagt haben. Mit ihrer Show soll sie 130.000 Dollar pro Woche verdient haben. Sie reist damit um die Welt. Zu einem Journalisten sagte sie: „Was soll ich denn tun – daheim sitzen und stricken? Außerdem brauche ich das Geld, Schätzchen.“

Die Wunden der Zeit

Als sich die Welt in den 60ern um sie herum langsam auflöst, als gute Freunde und ihr Mann sterben, wird ihre Existenz schwer. Vor den Wunden der Zeit könne man sich höchstens schützen, indem man einen Kokon um sein Herz wachsen lasse oder sich alle Gedanken an die Vergangenheit verbiete, sagt sie, laut Michelsen.

Vor ihrem Tod denkt sie, sie wäre nach zwei Tagen vergessen. Aber ihr Mythos überdauert bis heute. Sicher ist auch dies ein Grund dafür, weshalb so viele Leute zur Lesung kamen. Teilweise toll vorgetragen von Claudia Michelsen – aber etwas Feinschliff hätte der ganzen Sache gut getan.

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