Zweibrücken Der späte Wurm überlebt den frühen Vogel

Seit Samstag darf in St. Ingbert wieder gelacht werden. Bei der 30. St. Ingberter Pfanne, dem renommierten Kleinkunstfestival, wetteifern auch in diesem Jahr zwölf Künstler − darunter drei Künstlerduos − an vier Abenden um die Gunst von Publikum und Fachjury. Für einen höchst amüsanten Wettbewerbsauftakt sorgten am Samstagabend die Soloprogramme von David Werker, Gewinner des Deutschen Comedy-Preises „Bester Newcomer 2012“, des Schweizers Michael Elsener und des Bayern Michi Marchner.

Bereits zum 30. Mal dreht sich in St. Ingbert eine Woche lang alles um Humor und Kabarett. Noch bis Mittwoch kämpfen in der Stadthalle zwölf Künstler und Künstlerduos mit ihren Programmen um die Stimmen von Fachjury und Publikum und somit um drei mit jeweils 4000 Euro dotierten „Kochgeschirre“, die sich als bedeutende Kleinkunstauszeichnung im deutschsprachigen Raum etabliert haben. Philipp Scharri, Gewinner der St. Ingberter Pfanne 2012, moderiert auch in diesem Jahr mit viel Humor und noch mehr Reimen den Kabarettwettbewerb, den David Werker mit seinem Soloprogramm „Es kommt anders, wenn man denkt“ am Samstagabend eröffnete. „Nun steh’ ich vor dem Unitor und hau’ mich noch mal schnell aufs Ohr“ kündigte Scharri frei nach Goethe den ewigen Studenten Werker an, dem es mit 28 Jahren trotz gelebter Weisheiten wie „Der späte Wurm überlebt den frühen Vogel“, „Steh auf an einem anderen Tag“ oder „Wer feiern kann, kann auch ausschlafen“ wider Erwarten gelungen ist, sein Germanistikstudium mit dem Bachelorabschluss („Früher hieß das abgebrochen“) zu beenden. Nun stellt sich die Frage „Aufstehen oder liegenbleiben?“, und so beschäftigt sich Werker mit existenziellen Lebensfragen wie „Was passiert, wenn ich mir morgens die Zähne mit Elmex und abends mit Aronal putze?“, den erschreckenden Zeichen des Älterwerdens („Mir schmeckt Rotwein. Selbst wenn ich die Cola weglasse“) und Freunden, die gerade Nachwuchs („Kinder mit defizitären Verhaltensmustern im Bereich der sozialen Kompetenz, sprich Drecksblagen“) bekommen. Er muss feststellen, dass „Kevin kein Name, sondern eine Diagnose“ ist und pummelige, taubenjagende „Nutella-Orks, die auf den Namen Dennis hören“ eine echte Bedrohung darstellen. Doch Werker unterhielt das Publikum in der ausverkauften Stadthalle nicht nur mit Betrachtungen über den Nachwuchs. Auch die Erkenntnisse über die Eltern, die sich mitten in der „technischen Pubertät“ befinden und gerne mal mitten in der Nacht anrufen, weil sie „schon wieder das Internet gelöscht haben, was internationalen Terroristen trotz großer Anstrengungen immer noch nicht gelungen ist“, begeisterten das Publikum. Einen tiefen Einblick in die eidgenössische Seele vermittelte der Schweizer Michael Elsener, ausgezeichnet mit dem kleinen und großen Prix Walo und Finalist des Swiss Comedy Award, mit seinem ersten auf Deutschland ausgerichteten Soloprogramm „Schlaraffenland − Da kann ja jeder kommen“. Das bekannteste Nachwuchstalent des Schweizer Kabaretts erläuterte die Besonderheiten der Schweizer Mentalität, die es den Eidgenossen in Deutschland vor allem im Gefühlsbereich schwer mache: „Wenn ein Deutscher etwas toll findet, dann sagt er ,super’, ,unfassbar’, ,unglaublich’. Ein Schweizer, dem etwas extrem gut gefällt, der sagt dann ,ui’.“ Er berichtete von der deprimierenden Wirkung, die deutsche Landschaftsbezeichnungen wie Schwarzwald („Warum schwarz, der ist doch eigentlich grün“) auf einen durchreisenden Schweizer haben können und vom durch das deutsche Privatfernsehen geprägte Deutschlandbild seines Großvaters: „Fahr nicht zu den Knödelfressern. Die tauschen ihre Frauen, leben alle im Dschungel und fressen Insekten.“ Doch auch vor den großen politischen und wirtschaftlichen Eigenheiten seines Heimatlandes schreckte Elsener nicht zurück. So konnte der amüsierte Zuschauer erfahren, dass die berühmte Schweizer Neutralität bedeutet, dass „wir keine Kriege führen. Wir finanzieren sie bloß, und weil wir neutral sind, verkaufen wir die Waffen nur an beide“. Das Schweizer Bankgeheimnis beziehe sich eigentlich darauf, dass „der deutsche Steuersünder nie erfahren wird, wer genau seine Daten verkauft und ihn verpfiffen hat“. Michi Marchner, „Multi-Instrumentalist“, „Ganzkörperkabarettist“ und nicht zuletzt echter Bayer, beendete mit seinem musikalischen Soloprogramm „Die Besten sterben jung − Neues vom Überleben“ den Kabarettabend. Dabei vermittelte der 1966 geborene „letzte echte Schwabinger“ als Publikumsliebling des ersten Wettbewerbstages den Zuhörern die eigentliche Bedeutung der Midlife-Crisis: „Das Haar ist dünn und wird auch weiß, hurra ich bin ein Midlife-Greis!“ Er erklärte „Besser lebendiger Durchschnitt als Bester und tot!“ zu seinem Motto und schwadronierte über die Tücken der Technik, die ihn dazu zwingen, dem Nachbarsjungen den Rasen zu mähen, damit dieser ihm das Handy auf den neusten Stand bringt. Er prangerte die Ungerechtigkeiten des rationalen Denkens an, die dazu führen, dass Männer keine Parkplätze mehr finden, weil die Frauen sie schon beim Universum bestellt haben. Und: Er sang in bester Liedermachermanier über die Tücken des Nacktbadens in der Isar.

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