Homburg
Der Kaiserslauterer Autor Tijan Sila liest und erzählt
Jeanshose, Jeansjacke, Sweatshirt, Sneakers: So lässig wie Tijan Sila wohl auch vor seinen Berufsschülern steht, saß er am Dienstag bei der Homburger „Lesezeit“ im Saalbau. Von Starallüren keine Spur, dabei hat er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Martha-Saalfeld-Preis bedeutende Auszeichnungen vorzuweisen und liest in ganz Deutschland.
Natürlich las er aus „Radio Sarajewo“, dem Buch, das ihn 2023 bekannt machte, in dem er beschreibt, wie er als Zehnjähriger 1992 den Kriegsausbruch erlebte. Das ist so plastisch beschrieben, dass man mitfiebert. „Der Hunger breitet sich aus, und die Leute fangen an zu plündern. Jemand hatte das Gerücht verbreitet, im Kino sei hinter der Leinwand ein Lagerraum voller Essen. Kisten mit Schokoriegeln, Coca-Cola-Dosen, Kaffeebeuteln und Pulvermilch. Doch alles, was die Plünderer vorfanden, waren fünf Kartons mit Brausepulver-Tütchen, Geschmacksrichtung Orange.“ Der Krieg, das sind nicht nur die Granaten, sondern vor allem das Miteinander in der Familie, im Plattenbau von Sarajewo, in der Stadt.
Er wohnt am Betzenberg
Mit 13 kam Sila nach Deutschland, er wuchs in Landau auf und lernte so schnell Deutsch, dass er in Deutsch denkt, auf Deutsch träumt und seine Bücher auf Deutsch schreibt, wie er sagte. Denn: „Ich kann Bosnisch nicht genug.“ Er, der Wissenschaftlersohn, studierte Deutsch und Englisch, ist Gymnasiallehrer, unterrichtete in Heidelberg, heute an einer Berufsbildenden Schule in Kaiserslautern und lebt mit Frau und Tochter in einer Doppelhaushälfte am Betzenberg.
„Wir kamen in einem ramponierten Zustand 1994 nach Deutschland. Ich wollte schon immer Schriftsteller sein, in Jugoslawien war ich Teil einer Fördersektion für Lyrik und trug Gedichte im Kindertheater und auf kleinen Bühnen vor.“ „Radio Sarajewo“ ist sein vierter Roman, die anderen waren Flops, bekannte er. „Manchmal im Leben muss man dranbleiben.“ Er kommt auf Bundeskanzler Merz zu sprechen, der sich über Flüchtlinge empört, die hierher kämen, um sich die Zähne machen zu lassen. „Ich war einer davon! Mein Kiefer musste sofort nach der Ankunft operiert werden, weil ich eine Kieferentzündung hatte und die ganze Zeit den Eiter geschluckt habe.“
Das erste Wort: Scheiße
Ob Sila lieber liest oder erzählt, ist schwer auszumachen. Auf jeden Fall spricht er gerne – mit einem Akzent, der sich vor allem in den Vokalnuancen bemerkbar macht und bei den Wörtern, die er wählt. Scheiße war das erste deutsche Wort, das er lernte, an seinem ersten Schultag. Sila schreibt darüber in seinem nächsten Buch, aus dem er auch las. Im Sportunterricht sagen alle Kinder „Scheiße“, wenn sie beim Hochsprung die Latte reißen. Den Sportlehrer beschreibt er so: „Ein untersetzter, schnurrbärtige Mann, dessen Sportanzug so gemustert war wie der Sitz des Stadtbusses. Kommst du mal, was machst du das alleine? Komm doch zu uns, sagte er mit einem Lächeln, dem richtigen, das Falten warf.“ Das neue Buch erscheint 2027, der Arbeitstitel lautet „Schade, schade, Schokolade“, verrät er. Es handelt von seinem ersten Jahr in Deutschland.
Silas Beschreibungen zuzuhören, ist ein Genuss, der eingebettete Humor eine schöne Abwechslung zu den traurigen Dingen, die er erzählt, wenn die 60 Zuhörer nach dem Krieg fragen und dem Schreiben. „So seltsam es sich anhört: Schreiben ist nichts Emotionales, sondern eine totale Kontrollübung. Man ist total im Text drin, spürt ein bisschen vielleicht das, was die Figuren in dem Moment spüren, aber es zerreißt einen nicht.“
Lesezeichen
Tijan Sila: „Radio Sarajewo“, Roman, Verlag Nagel und Kimche, Taschenbuch, 208 Seiten, 14 Euro, Hörbuch: Audioline 19,90 Euro.