Saarbrücken
Brechts „Dreigroschenoper“ am Staatstheater
Diese „Dreigroschenoper“ ist alles andere als „braves Staatstheater“, das zeigten schon die lebhaften Diskussionen in der Pause und nach der Vorstellung am Premierenabend. In die ganz spezifische Welt von Bertolt Brecht und Kurt Weill führt gleich zu Beginn die stark perkussive Musik der Band unter Leitung von David Rimsky-Korsakow ein, die spontan an Bänkelsänger-Lieder und Moritaten-Songs erinnert, aber auch an den Rhythmus einer von Maschinen geprägten, hektisch-schnelllebigen Gesellschaft. Hier präsentiert in einem Vorspiel auf dem Jahrmarkt im Londoner Stadtteil Soho ein Sänger „Die Moritat von Mackie Messer“, die die Hauptfigur des Stückes, den Ganoven Macheath, auch Mackie Messer genannt, vorstellt.
Die offene Bühne von Stefano Di Buduo dominiert ein sich immer wieder drehendes, durchsichtiges Stahlgerüst-Haus mit der Aufschrift „Beautiful World“, mal Bordell, mal Gefängnis, in dem viele Ereignisse parallel ablaufen, immer vor den Augen des Publikums. Darin und davor spielen sich die einzelnen Episoden der „Dreigroschenoper“ um den Ganoven Macheath alias Mackie Messer (Jan Hutter) und seine junge Frau Polly Peachum (Louisa von Spies) ab, die Tochter des Chefs der Bettler-Mafia Jonathan Jeremiah Peachum (Bernd Geiling) und seiner Frau Celia Peachum (Gaby Pochert).
Mit der Liaison mit Polly hat sich Macheath den Ärger seines Lebens eingebrockt, denn seine Schwiegereltern tun alles, um diese Verbindung schnellstmöglich wieder zu lösen. Und als Polly dabei nicht mitmachen will, beschließen sie eben, Macheath zu denunzieren und an die Justiz auszuliefern.
Schwächen und Verrat
Doch so einfach ist das nicht, wie sie schnell feststellen, denn Macheath und der Londoner Polizeichef Tiger Brown sind alte Kriegskameraden. Nur durch massive Drohungen Peachums, mit seiner Bettlerfirma den Krönungszug der Königin zu stören, für dessen Sicherheit Brown verantwortlich ist, lässt sich der Polizeichef, ungemein facettenreich, aber auch mit funkelnden ironischen Spitzen gespielt von Christiane Motter, schließlich erpressen, seinen untergetauchten Freund festzunehmen. Das gelingt, weil Pollys Mutter Celia die Schwäche Mackies für das schöne Geschlecht erkannt hat, die sie in der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ treffend besingt, und seine Huren, allen voran die „Seeräuber Jenny“ (Nicolai Gonther) durch Bestechung dazu bringt, ihn zu verraten. Aber gerade seine verflossene Liebe, Tiger Browns Tochter Lucy (Jacky Smit), die sich mit Polly vor seinem Gefängnis ein rechtes Zickenduell liefert, befreit ihn das erste Mal. Mackie geht jedoch ein zweites Mal in die Falle und wird wieder von seinen Huren verraten. Doch „wenn die Not am höchsten, ist die Rettung am nächsten“: Kurz vor Mackie Messers Hinrichtung bringt ein reitender Bote wie der „Deus ex macchina“ der Barockoper die Nachricht von seiner Begnadigung, sogar seiner Erhebung in den Adelsstand – ein märchenhaftes Element, das die Musik vor Ironie geradezu triefen lässt.
Christoph Mehler realisiert in seiner Inszenierung stringent Brechts Konzept des Epischen Theaters, das gerade keine Identifizierung mit dem „Helden“ eines Stückes will, sondern durch distanzierende Brechungen, die Mehler durch gegengeschlechtliche Besetzungen wie bei Tiger Brown und der Seeräuber-Jenny noch unterstreicht, das Publikum zur Analyse und kritischen Auseinandersetzung mit Personen und Ereignissen auffordert. Entsprechend gibt es keine durchgehende Erzählung, sondern eine Story aus Episoden, die Mehler nacheinander ins Rampenlicht rückt, unterstützt von den bekannten Songs, die dabei wie akustische Schlaglichter wirken.
Korruption und Kumpanei
Doch nicht nur die Songs kamen dem Publikum dabei bekannt vor, sondern auch die Themen, die das Stück in schneller Folge und Interaktion abhandelt: Alles dreht sich um Korruption, Erpressung und Bestechung, Kumpanei, Vetternwirtschaft und Verrat; echte menschliche Gefühle wie Liebe ersticken darunter, denn für sie ist in einer Welt, in der alles käuflich ist, kein Platz. Jeder Charakter wird zu einer Karikatur seiner selbst, zu einem Prototypen, der nach den ungeschriebenen Gesetzen einer kapitalistischen Gesellschaft funktioniert.
Dabei kommt aber der Spaß nie zu kurz, denn die spielfreudigen Darsteller loten ihre Rollen bis in feinste Facetten aus und konfrontieren das Publikum in einer durch die Überzeichnung befreienden Komik mit den eigenen Schwächen.
Termine
6. April, 18 Uhr, 10. April, 19.30 Uhr, 25. April, 19.30 Uhr, 10. Mai, 18 Uhr, 14. Mai, 18 Uhr, 4. Juni, 18 Uhr, 10. Juni, 19.30 Uhr, 14. Juni, 14.30 Uhr, 20. Juni, 19.30 Uhr, 24. Juni, 19.30 Uhr; Karten unter https://www.staatstheater.saarland/karten.