Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Bio-Lebensmittel: Weniger Kaufkraft, aber mehr Kunden

Andreas Bischoff betreibt den Naturkostladen in der Zweibrücker Rosengartenstraße.
Andreas Bischoff betreibt den Naturkostladen in der Zweibrücker Rosengartenstraße.

Nachdem die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln über Jahre hinweg angezogen hatte, musste die Branche voriges Jahr erstmals einen Dämpfer hinnehmen. So sieht man die Sache in der Zweibrücker Bio-Szene.

In Deutschland ist bei den Bio-Produkten der Absatz bis Ende Oktober 2022 um 4,1 Prozent gesunken, heißt es im kürzlich veröffentlichten Marktbericht des Deutschen Bauernverbandes. Manfred Nafziger vom Biolandbetrieb Wahlbacherhof in Stambach stuft diese Entwicklung jedoch nicht als besorgniserregend ein. Seiner Einschätzung nach hat die Branche im Verlauf der Pandemie enorm profitiert, da mehr Lebensmittel zum Eigenbedarf benötigt worden seien: „Niemand fuhr in Urlaub, keiner hat in Kita, Schule, Kantine oder Restaurant gegessen. Daher wurden mehr Lebensmittel für den privaten Bedarf zu Hause benötigt.“ Es sei für ihn daher eine „ganz normale Entwicklung“, dass der Absatz 2022 – im erstmals wieder weitgehend von Corona verschonten Jahr – etwas abfiel, da wieder mehr gastronomische Angebote genutzt werden konnten und weniger zu Hause gekocht wurde.

Auch Andreas Bischoff, Inhaber des Naturkostladens in Zweibrücken, kann keine hohen Umsatzeinbußen bestätigen. Zwar habe die Kaufkraft von Einzelpersonen in seinem Geschäft zuletzt abgenommen, die Menschen würden oft nur noch wenige Dinge kaufen. „Wir gewinnen aber immer mehr Neukunden hinzu“, freut sich Bischoff, wodurch der Absatz wieder ausgeglichen werde. „Die Masse macht es also.“ Als Gründe für mehr Zulauf nennt er den hohen Stellenwert des Klimawandels im Bewusstsein der Gesellschaft. Die Leute würden regelrecht aufschrecken. Somit sei es für sie wichtiger geworden, Bio-Lebensmittel einzukaufen.

Labels genau anschauen

Der Markt in der Rosengartenstraße, der mit der höchsten Zertifizierung des Bundesverband Naturkost Naturwaren ausgezeichnet ist, führt Bio-Lebensmittel unterschiedlicher Klassen. Hier gibt es durchaus Differenzen innerhalb der Biowaren selbst. Seit 2001 weist die Europäische Gemeinschaft ein Siegel aus, erkennbar an einem Blatt mit EU-Sternen. Die deutsche Abwandlung ist ein sechseckiges Zeichen.

Der Bund stuft das Label als „wesentlich vertrauenswürdig“ ein. Richtlinien würden kontrolliert, empfohlen werden aber auch die Siegel der Anbauverbände, die „noch ökologischer“ seien. Hierzu zählen zum Beispiel Bioland, Naturland oder Demeter. Betriebe, die ein solches Logo auf ihrer Ware haben, müssen den Anforderungen der jeweiligen Bioverbände gerecht werden. Im Gegensatz zum EG-Siegel dürfen dabei einzelne Branchen von der ökologischen Arbeit nicht ausgelassen werden. Außerdem gibt es schärfere Auflagen zur Tierhaltung.

Bio-Waren im Discounter kaum billiger

Inzwischen gibt es auch in Discountern und großen Supermarktketten Bio-Lebensmittel. Die Logos „Edeka-Bio“, „Rewe-Bio“ oder „BioBio“ von Netto sind gleichzusetzen mit dem EG-Logo. Der Deutsche Bauernverband macht Discounter wie Marktführer Aldi oder Lidl sogar als Gewinner der aktuellen Inflation aus. Zahlen will auf RHEINPFALZ-Anfrage aber keiner der beiden Lebensmittelriesen nennen: „Das Bio-Sortiment erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit bei unseren Kunden und wir arbeiten daran, es sukzessive auszubauen“, wird die Pressestelle von Lidl wenig konkret für die Entwicklung für vor Ort und begründet. „Zur Umsatzentwicklung und zum Kundenverhalten machen wir grundsätzlich keine Angaben“, sagt Lidl-Sprecherin Gloria Funke.

Aldi Süd hat mit etwa 500 Bio-Produkten noch mal 200 Artikel mehr als Lidl im Angebot und bestätigt ebenso nur grundsätzlich eine gestiegene Nachfrage nach Bio-Waren. Sind Bio-Waren in Discountern also günstiger? Nicht unbedingt, analysiert der Deutsche Bauernverband: „Viele Öko-Produkte sind nur geringfügig preiswerter oder oder gleich teuer, aber das Preisimage lenkt den Konsum offenbar mehr als echte Preiskenntnis.“

Solidarische Landwirtschaft ist gefragt

Dass ausgerechnet Discounter von der Krise profitieren, sieht Manfred Nafziger vom Bioland-Hof nicht unbedingt kritisch: „Jeder kann selbst entscheiden, wo er gerne einkauft“, sagt er. „Man kann es auch so sehen wie die Firma Rapunzel: Es werden dadurch Menschen angesprochen, die wir bisher nicht erreicht haben und vielleicht auf den Geschmack kommen.“

Dennoch sieht Nafziger Potenzial in der heimischen solidarischen Landwirtschaft. „Hier sind die Teilnehmerlisten bei uns aktuell voll, viele stehen auf der Warteliste.“ Teilnehmer unterstützen bei diesem Konzept den landwirtschaftlichen Betrieb, dürfen auf dem Acker mitarbeiten und erhalten im Gegenzug Bio-Ernteerzeugnisse direkt vom Hof. Der solidarische Aspekt entfaltet sich, indem der Bauer von den Teilnehmern immer durch die gleiche Summe entlohnt wird. Unabhängig davon, ob seine Erntesaison gut oder schlecht war, etwa wegen des Wetters.

Der einzige Dämpfer, den Nafziger zuletzt spürte, waren gestiegene Kosten für Transport und Verpackungen. Dennoch stuft der Landwirt die Preissteigerungen durch Krieg und Inflation bei den konventionellen Lebensmitteln als deutlich höher ein als in der Bio-Branche.

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