Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel BAP-Frontmann Niedecken im Saalbau: Voller Facetten

Ehrlich, bodenständig und humorvoll: So erleben 650 Menschen im ausverkauften Homburger Saalbau BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken
Ehrlich, bodenständig und humorvoll: So erleben 650 Menschen im ausverkauften Homburger Saalbau BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken. Links ist Pianist Mike Herting.

Im Homburger Saalbau singt, liest und erzählt Wolfgang Niedecken dreieinhalb Stunden von seinem Leben – und verrät, wie lange er noch auf der Bühne stehen will.

Als Wolfgang Niedecken bei „Verdamp lang her“ verstummt und die rund 650 Besucher des Lesekonzerts alleine singen, sind das tolle Momente. Noch toller wird’s, als er wieder einstimmt. Denn seine tiefe, mit den Jahren um einiges rauer gewordene Stimmfarbe ist großartig und scheint einen ins Lied zu ziehen, das zu BAPs bekanntesten zählt.

Nur mit seiner Akustikgitarre sitzt er auf seinem Stuhl, vor ihm ein schmuckloser Holztisch, der ein bisschen an ein Schulpult erinnert. Lediglich Jazz-Pianist und Bandleader Mike Herting ist noch auf der Bühne, an dem großen, glänzenden Flügel. Seit März sind die beiden zusammen auf Tour. Das Ganze passt zu dem Abend, der den Titel „Zwischen Start und Ziel“ trägt.

Viel zu erzählen

Ursprünglich wollte Niedecken ihn „Lieder und Geschichten aus dem Leben“ nennen. „Das kam mir aber ein bisschen spießig vor“, erzählt er augenzwinkernd. Bis ihm aus seinem Lied „Noh all dänne Johre“ (das er gegen Ende auch singt) die „Ziel“-Textzeile einfiel. „Man weiß gar nicht, wie weit man vom Ziel entfernt ist“, gibt sich der 74-Jährige nachdenklich. Für ihn steht fest: „Ich will solange machen, wie ich mich konzentrieren kann und wie ich Spaß dran habe.“ Diesen Spaß merkt man ihm an. Es scheint, als könnte er die ganze Nacht durchspielen.

Als er nach einer anderthalb Stunde eine Pause ankündigt, sind einige Fans ganz aus dem Häuschen. Wer oben auf der Empore sitzt, hat allerdings mit der stickigen, heißen Luft zu kämpfen. Eine Reihe geht sogar, bevor das Konzert zu Ende ist. Dreieinhalb Stunden soll die Konzertlesung am Ende dauern. Kein Wunder, Niedecken hat viel zu erzählen. Davon, wie er seine Frau am Flughafen kennenlernte, als er mit seiner Kölschrock-Band BAP zu einem Gig nach München flog. Abends in einer Münchner Bar bestellte die Band einen Kasten Bier samt Öffner. „Das Irre ist, dass wir den tatsächlich gekriegt haben.“ Danach gibt’s die Songs „Zofall un e janz klei’ bessje Jlöck“ und „Zosamme alt“ – eine Liebeserklärung an seine Frau. Plötzlich weicht das Raue in seiner Stimme einem weichen, warmen Klang.

Ein toller Vorleser

Erst liest er aus einer seiner beiden Biografien, dann folgt das passende Lied. Der Musiker, der mit seiner Band mehr als sechs Millionen Platten verkauft hat und nächstes Jahr 50-jähriges Bandbestehen feiert, hat mit dem Format alles richtig gemacht: Einerseits, weil man ihm immer gerne zuhört, egal, ob er liest, erzählt oder singt. Er ist auch ein toller Vorleser. Andererseits, weil der Abend dadurch noch intimer wird. Am Ende hat man das Gefühl, man hätte mit ihm bei einem kleinen Plausch zusammengesessen. Er ist ein wahnsinniger Live-Sänger, dessen Stimme und gesamter Auftritt pur, handgemacht und manchmal rockig-röhrend wirken. Schon früh spielte er immer dieselben Akkorde von „House of the Rising Sun“, bis seine Eltern beschlossen, dass er seine eigene Gitarre bekam.

Bei „Alles relativ“ aus dem noch recht jungen Album „Lebenslänglich“ spielt er Mundharmonika. Niedecken arbeitet sich Stück für Stück weiter durch sein Leben vor, aber nicht chronologisch-ermüdend, sondern humorvoll, überraschend und ehrlich. Er wirkt geerdet, bodenständig, dankbar und lässig. Bodenständig war BAP auch, als sie sich in der Eifel als unbekannte Bands namens „Die Warm ups“ oder „Die sieben Gestalte“ ausgaben, um unerkannt neue Lieder anzutesten. Das Lied „Karl-Heinz Buhr“ erzählt die Geschichte nochmal auf Kölsch. Immer wieder schimmern ernste Themen durch, etwa, als er vom Tod seiner Mutter oder seines Vaters liest. Auch einen Brief, den er an seinen Vater geschrieben hat, liest er vor. Die emotionalen Geschichten kommen vor allem in der zweiten Hälfte. Eine Botschaft hat er nach der Demokratie-Hymne „Arsch huh, Zäng ussenander“ im Gepäck: „Übrigens ist die AfD ebenso wenig eine Alternative für Deutschland wie die DDR demokratisch war.“ Jubel brandet auf.

Geschichte aus dem Urlaub

Vor der Pause gibt’s die skurrile Geschichte von einem Wohnwagenurlaub in der Türkei, als er eine Gruppe Deutscher traf, die einen Kuhschädel an ihrem Wagen hatten und ihn Niedecken zum 70. Geburtstag in einem Paket schickten. Dann singt er „Maat et joot“ (ist das jetzt auf die tote Kuh gemünzt?).

Dass man Niedecken überhaupt nach Homburg holen konnte, liegt an den Organisatoren und Sponsoren des Lesefestivals HomBuch. Veranstalter Hans-Joachim Burgardt erzählt anfangs, dass die Veranstaltung nach drei Tagen ausverkauft war. Nur Köln sei schneller gewesen.

Man hätte ihm noch ewig zuhören können, dem Mann, der so viele Facetten gezeigt hat und herrlich ehrlich aus seinem Leben erzählt hat. Als er „Jraaduss“ und „Für ’ne Moment“ gespielt hat, gehen die beiden von der Bühne. Aber die Momente, die er kreiert hat, die bleiben. Auch, wenn man sie in seinen Liedern vielleicht nicht hundertprozentig verstanden hat.

Info

Die Lesungen am 7. Januar in Mannheim und am 13. Januar in Kaiserslautern sind ausverkauft.

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