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Dienstag, 15. Januar 2019 Drucken

Zweibrücken: Kultur Regional

Heimat ist ein Haus

Die Beiträge der Zweibrücker Autoren Wolfgang Ohler und Michael Dillinger in der neuen Pfälzer Literaturzeitschrift „Chaussee“

Von Andrea Dittgen

Die auf dem Cover abgebildete Deutschlandfahne wurde erstmals 1832 beim Hambacher Fest geschwenkt und ist in der Dauerausstellung des Hambacher Schlosses zu sehen.

Die auf dem Cover abgebildete Deutschlandfahne wurde erstmals 1832 beim Hambacher Fest geschwenkt und ist in der Dauerausstellung des Hambacher Schlosses zu sehen. ( Foto: Gabriele Schneider)

Die Heimat ist kein Land, keine Stadt, keine Region – sondern ein Haus. So sieht das der Zweibrücker Autor Wolfgang Ohler. Damit liefert er den wohl ungewöhnlichsten literarischen Denkanstoß im neuen Heft der Pfalz-Literatur-Zeitschrift „Chaussee“, das sich dem Thema Heimat widmet.

„Ich lebe, wohne, schreibe in einem hundertjährigen Haus. In einem Haus, das viele seiner Bewohner überlebt hat“, beginnt Ohler (1943 in Zweibrücken geboren) seine Kurzgeschichte. Folgerichtig trägt sie den Titel „Das Haus, das mich überleben wird“. Ein Foto vom Haus gibt es nicht, aber die Zweibrücker wissen, dass es sich um das Haus in der Landauer Straße 108 handelt. Das Haus ist die Hülle, das die Heimat abgrenzt, die immer auch eine Familiengeschichte ist.

Beim Blättern in Familienalben stieß Ohler auf die Fotos seiner Urgroßeltern, die schon in diesem Haus lebten. Urgroßmutter Anna, die am Schreibtisch sitzt und Zeitung liest, die Urgroßeltern mit Kindern und Enkeln beim Geburtstag auf dem gemütlichen Sessel mit den dicken Polstern am Fenster – und es gibt das Foto mit dem Soldaten in Uniform.

Ohlers Gedanken gehen zum Tod, zu den Familienmitgliedern, die im Haus gestorben sind. Er setzt sich in den Sessel, in dem der Großvater gestorben ist. Er sieht die Geschichten hinter den Familienfotos – und er kommt ins Grübeln, was er weiß. Von Großmutter Schwiegertochter, von dem Fliederbaum, der vor 90 Jahren schon im Garten stand. Oder doch nicht? Es dauert nicht lange, und der Leser überlegt, was er selbst für Fotos hat, was er vom Haus und dem Leben seiner Urgroßeltern weiß. Ohlers Geschichte berührt und ist ein wunderschöner Anstoß zum Nachdenken.

Doch dabei bleibt es nicht, er beschreibt noch ein Haus, ein Haus, in dem man versuchte, Leute am Sterben zu hindern. Das Haus in der Amsterdamer Prinsengracht 263, das Haus, in dem Anne Frank versteckt war.

Das führt ihn zurück zu dem Zweibrücker Haus, zu dem, was wirklich hinter den Familienfotos geschah. So kommt er zu einer neuen Geschichte, einer erfundenen Geschichte, die natürlich auch wahr sein könnte. „Er lächelt, mein Urgroßvater Hermann senior und zwiebelt seinen Schnurrbart. Nein, das Haus sei nie eine Zuflucht gewesen, sagt er, sondern Ausgangspunkt für Exkursionen in den Pfälzerwald.“

Allein dieser so komplexen Geschichte wegen lohnt sich die Lektüre der Zeitschrift. Ohler ist nicht der einzige Zweibrücker, der darin einen Beitrag veröffentlicht. Michel Dillinger (1950 in Heidelberg geboren und in Speyer aufgewachsen) steuert ein Gedicht bei, das gegensteuert, gegen die übliche Heimattümelei und der glücklichen Kindheit in der Provinz mit taufeuchten Wiesen, der Milch, die man in Kannen beim Bauern holt und anderen Klischees. „War heimatlos glücklich“ endet sein Gedicht mit dem Titel „bin habe war“, das allen in der Stadt Aufgewachsenen ein gutes Gefühl gibt.

Lesezeichen

—Bezirksverband Pfalz (Herausgeber): „Chaussee“, Heft 42/2018, 170 Seiten, 24 schwarz-weiße Abbildungen, 7,50 Euro, erhältlich im Buchhandel, Abos und Infos: chaussee@bv-pfalz.de.

—Lesung: Samstag, 2. Februar, 11 Uhr,

Kaiserslautern, Pfalzbibliothek,

Bismarckstraße 17.

Es lesen die „Chaussee“-Autoren Birgit Heid (Landau), Andreas Filibeck (Kaiserslautern), Helga Schneider (Kaiserslautern), „Chaussee“-Redakteurin Regina Reiser erläutert die Zeitschrift. Der Eintritt ist frei, parken kann man im Hof.

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