Osthofen KZ-Gedenkstätte stellt Biografien jüdischer Häftlinge vor

 Rund 3000 Männer waren allein von 1933 bis 1934 im KZ Osthofen inhaftiert. Etwa 1850 davon sind heute namentlich bekannt.
Rund 3000 Männer waren allein von 1933 bis 1934 im KZ Osthofen inhaftiert. Etwa 1850 davon sind heute namentlich bekannt.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – das soll bundesweit gefeiert werden. Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz hat dazu ein sechsmonatiges Programm erarbeitet. Dazu zählen monatlich veröffentlichte Biografien von jüdischen Bürgern, die im Dritten Reich im Konzentrationslager (KZ) Osthofen inhaftiert waren.

Bis Juni bietet die Landeszentrale Vorträge, Exkursionen, Führungen, Kochkurse und Kunst an sowie die Aktion „Meet a Jew“ des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei der an verschiedenen Orten Begegnungen mit jüdischen Mitbürgern ermöglicht werden sollen. In der Gedenkstätte KZ Osthofen werden die Lebenswege von zwölf jüdischen Häftlingen vorgestellt, die dort zwischen 1933 und 1934 gefangen gehalten wurden.

Von NSDAP-Schergen beschimpft

Den Anfang macht Ludwig Ebert: 1867 in Fürth geboren, zog er 1885 nach Osthofen, arbeitete dort als Prokurist in der Papier- und Pappdeckelfabrik, aus der später das KZ Osthofen werden sollte. Zusammen mit seinem Sohn Arthur betrieb er parallel das Papierwerk Ludwig Ebert und Sohn.

Ebert saß im Vorstand der Osthofener Synagoge und war Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP). 1937 beschimpften ihn NSDAP-Schergen als „einen, der es verstand, sich durch geldliche Untertützung ärmerer Leute Sympathien zu verschaffen“. Zudem wurde ihm vorgeworfen, Linksparteien unterstützt zu haben.

Deportation nach Auschwitz

Nach seiner Entlassung aus dem KZ Osthofen und dem Tod seiner Frau wohnte Ebert zunächst in Worms. 1938 verkaufte er sein Papierwerk erheblich unter Wert und versuchte, in die Schweiz zu fliehen. Er wurde dort von der Fremdenpolizei aufgegriffen und zurückgewiesen. Ab 1939 lebte er in den Niederlanden, das 1940 kapitulierte. 1944 wurde er verhaftet, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Das gleiche Schicksal ereilte seine Tochter Martha und deren Familie. Drei andere Kinder überlebten den Holocaust im Ausland.

Rund 3000 Männer waren im KZ Osthofen allein von 1933 bis 1934 inhaftiert. Etwa 1850 seien namentlich bekannt, mindestens 152 davon seien jüdischer oder halbjüdischer Abstammung gewesen, heißt es auf der Homepage der Gedenkstätte. Es könnten jedoch auch weit mehr Juden inhaftiert gewesen sein. Zitiert wird der ehemalige Häftling Hermann Hertz, der 1946 ausgesagt haben soll, dass allein im Mai 1934 aus Worms 200 jüdische Geschäftsleute ins KZ gebracht wurden.

Perfide Haftgründe

Einer der Hauptverantwortlichen war der hessische Polizeipräsident Werner Best. Er hatte im August 1933 dazu aufgerufen, Juden nach Osthofen zu bringen, „wenn sie die gebotene Zurückhaltung außer Acht ließen“. Meistgenannter Grund für die Inhaftierung war die sogenannte Schutzhaft, ein perfider Begriff. Weitere Gründe für eine Inhaftierung, die oft auch länger andauerte als bei nicht-jüdischen Gefangenen, waren dehnbare Begriffe wie „unsoziales Verhalten“. Was tatsächlich dahintersteckte, waren Denunzination, Neid, Missgunst oder ökonomische Interessen der Nationalsozialisten.

Wie Zeitzeugen berichten, sollen jüdische Häftlinge besonders brutal und erniedrigend behandelt worden sein. Sie mussten die Toilettengruben leeren und reinigen – mit dem eigenen Essgeschirr oder bloßen Händen. Von den 152 namentlich bekannten jüdischen Männern im KZ Osthofen gelang nach ihrer Entlassung nur 60 die Auswanderung. Sieben konnten sich verstecken oder blieben verschont, etwa weil sie mit einer Christin verheiratet waren. Alle anderen wurden ermordet.

Im Netz

Die Präsentation „Jüdische Häftlinge im KZ Osthofen“ kann auf der Homepage der Gedenkstätte angesehen werden. Das Programm der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz für das erste Halbjahr 2021 unter dem Schwerpunkt „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ kann auf der Internetseite der Landeszentrale für Politische Bildung Rheinland-Pfalz heruntergeladen werden.

Stichwort: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Im Jahr 321 erklärte sich der in Köln lebende Jude Isaac bereit, die Reparatur einer Brücke zu finanzieren. Doch dafür musste er dem Stadtrat angehören, was Juden verwehrt war. Zwar war ihre Religion anerkannt, von Pflichten gegenüber Kaiser und römischer Staatsreligion waren sie aber befreit. Diese Pflichten waren jedoch die Voraussetzung für ein öffentliches Amt. In diesem Dilemma wandten sich die Kölner an den römischen Kaiser Konstantin. Der beschloss ganz pragmatisch: „Allen Stadträten gestatten wir durch allgemeines Gesetz, Juden in die Kurie zu berufen.“ Dieses vor 1700 Jahren erlassene Gesetz bestätigt als ältestes schriftliches Dokument jüdisches Leben nördlich der Alpen. (Quelle: wikipedia)