Worms RHEINPFALZ Plus Artikel Hochschul-Studie zu schlechteren Noten für dicke Kinder

Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet Übergewicht als weltweite Epidemie. 1,4 Milliarden Erwachsene sind betroffen.
Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet Übergewicht als weltweite Epidemie. 1,4 Milliarden Erwachsene sind betroffen.

Vorurteile schleichen sich auch bei Beurteilungen ein. Unbewusst, sagt die Soziologin Mona Dian von der Hochschule Worms. Dicke Kinder werden schlechter benotet als normalgewichtige Klassenkameraden. Das hat sie in einer Studie nachgewiesen. Und Lösungsvorschläge gemacht.

Frau Dian, Sie lehren an der Hochschule Worms. Haben Sie sich selbst schon bei Vorurteilen gegenüber Studenten erwischt?
Ich habe seit einem Jahr meine Schüler nicht mehr persönlich gesehen, ich weiß gar nicht, wie sie aussehen. Aber mir ist aufgefallen, dass ich beim Online-Unterricht manche Namen noch nie gehört habe. Das lässt vermuten, dass diese Schüler nicht aktiv am Unterricht teilgenommen haben. Dennoch muss ich am Ende die Leistung bewerten, egal, ob jemand anwesend war oder nicht. Das erfordert schon Selbstkontrolle.

Sie haben sich in Ihrer Studie mit der Benachteiligung dicker Kinder befasst. Warum ausgerechnet dieses Thema?
Zum einen arbeite ich im internen Qualitätsmanagement der Hochschule Worms und beschäftige mich dort unter anderem auch mit der Notengebung durch Lehrende. Zum anderen ist es ja ein Teil meiner Arbeit, selbstständig zu forschen und mich auf eine mögliche Promotion vorzubereiten. Und es hat mich auch interessiert.

Haben Sie das Ergebnis erwartet?
Ich bin auf eine Studie aus den USA aufmerksam geworden, die Notenverzerrungen zum Nachteil von übergewichtigen Schülern nachgewiesen hatte. Moris Triventi, ein Kollege aus Trient, den ich während meines Auslandssemesters kennenlernte, hatte mir vorgeschlagen, diese Fragestellung gemeinsam für Deutschland zu untersuchen.

Hat Herr Triventi eine ähnliche Studie in Italien gemacht?
Nein, ich kenne auch keine vergleichbare Studie aus Italien. Auch in Deutschland wurde dieser Frage noch nicht nachgegangen.

Sie haben laut Pressemitteilung der Hochschule 3700 Datensätze, also Fragebögen von Siebtklässlern untersucht. Woher hatten Sie dieses Basismaterial?
Aus meiner Zeit als wissenschaftliche Hilfskraft in Mannheim kannte ich die anonymisierten Datensätze. Sie stammen aus dem Nationalen Bildungspanel. Das gibt es seit 2009 und wird heute vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe betrieben. Beim Start 2009 wurden 60.000 Menschen vom Kindergartenkind bis zum Erwachsenen ausgewählt und über mehrere Jahre befragt. Diese Daten sind aber nicht auf eine spezielle Forschungsfrage ausgerichtet, man kann sie für sehr viele verschiedene Fragestellungen nutzen. Für unsere Auswertung haben wir uns auf Daten des Jahres 2012 gestützt.

Wurden die Kinder damals gezielt nach Übergewicht gefragt?
Sie wurden nach Gewicht und Größe gefragt. Wir haben dann nachgesehen, was für dieses Alter normal ist. Nicht plausible Antworten, etwa, wenn ein Schüler 1000 Kilo notiert hatte, haben wir rausgenommen.

Hat nicht auch der Bildungsstand der Eltern Einfluss auf Leistung – und Gewicht?
Wir haben nur die Benotung von Kindern aus vergleichbaren Elternhäusern miteinander verglichen, sodass die Diskrepanz in der Beurteilung eindeutig war.

Sie haben die Fächer Mathematik und Deutsch untersucht. Gibt es da Unterschiede?
Ja, bei Mathematik ist es schwierig, etwas reinzuinterpretieren, also einen Punkt besser oder schlechter zu bewerten. Ich vermute, dass ein Lehrer bei manchem Schüler eher gewillt ist, einen Extrapunkt zu finden. Das ist in Deutsch leichter möglich. Es gibt allerdings auch Unterschiede beim Notenlevel. Je besser die Note, umso geringer der Unterschied zwischen normal- und übergewichtigen Schülern, je schlechter die Note, umso mehr Interpretationsmöglichkeiten gibt es, die Beurteilung noch mal runter- oder hochzusetzen.

Macht es einen Unterschied, wenn der Lehrer auch übergewichtig ist?
Über Lehrer gibt es weniger Daten.

Warum werden übergewichtige Schüler und auch Erwachsene schlechter beurteilt?
Viele denken, Übergewicht ist selbst verschuldet und ein Zeichen für mangelnde Disziplin. Man vermutet, dass der Schüler auch nicht diszipliniert lernt.

Es gibt aber immer mehr übergewichtige Menschen. Hat man sich daran nicht schon gewöhnt?
In den USA gibt es wesentlich mehr übergewichtige Menschen, in Deutschland vergleichsweise weniger. Trotzdem ist die Notenverzerrung auch in den USA zu sehen. Vorurteile ändern sich aber mit der Schönheitsnorm und bei Übergewicht eben auch mit dem Verständnis für Einflussfaktoren, die dazu führen.

Gibt die Studie auch Tipps, wie man Vorurteile unterdrücken und fair benoten kann?
Zunächst einmal: Lehrer sind auch nur Menschen, Vorurteile hat jeder. Es ist mehr ein unbewusster Vorgang denn unbedingt Absicht. Wir haben mehrere Ideen aufgelistet. Zum einen wären standardisierte Leistungstests hilfreich. Anonymisierte Tests wie hier an der Hochschule sind nicht immer praktikabel. Der Lehrer sollte jedoch definieren, welche Leistung er von den Kindern für sehr gute Noten sehen will und sein Bewertungsschema offenlegen.

Was wäre in Ihren Augen noch wichtig?
Sich als Lehrer immer wieder zu hinterfragen, ob vielleicht Vorurteile im Spiel sein könnten, sich zu fragen, bewerte ich richtig?

Zur Person

Die Bad Dürkheimerin Mona Dian ist 26 Jahre alt und lebt in Ludwigshafen. Sie hat an der Universität Mannheim ihr Soziologiestudium mit dem Master abgeschlossen. Für das Fach hat sie sich nach eigener Aussage entschieden, weil man „viel über das Verhalten von Menschen erfahren kann“. An der Hochschule Worms unterrichtet sie unter anderem Akademisches Schreiben und Forschen. Die Studie zur Schlechterbenotung übergewichtiger Kinder wurde im wissenschaftlichen Journal Plos One veröffentlicht.
 Für die Dozentin Mona Dian gilt: Gleiche Leistung, gleiche Note.
Für die Dozentin Mona Dian gilt: Gleiche Leistung, gleiche Note.
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