Speyer
Wo der Sarg noch per Kutsche zum Friedhof kommt
„Das hier ist Kulturgut“, sagt Helmut Hanten und streicht mit der Hand über die Deichsel. Die dazugehörige Kutsche hat der Speyerer gerade mit seinem Freund Heinz Jester aus der alten Leichenhalle auf dem Dudenhofener Friedhof ins Tageslicht gezogen. Das tiefe Schwarz glänzt, beidseits des Kutschbocks blinkt das Chrom der Lampen. Vier nachgebildete vergoldete Feuerschalen zieren das Dach, auf dem ein Kreuz steht. Die fensterartig geöffneten Seitenwände sind mit schwarzen Vorhängen und Posamenten geschmückt. Eine stille Würde geht von dem filigranen Gefährt aus. Man fühlt sich versetzt in eine längst vergangene Zeit.
1913 ist ein turbulentes Jahr. Noch ahnt niemand, dass bald ein zerstörerischer Krieg toben wird. Das Tempo des Fortschritts ist atemberaubend. Die neue Zeit drängt mit Macht auch nach Dudenhofen, das eine moderne Wasserversorgung erhält, Stromleitungen, einen Anschluss an die Bahnlinie von Speyer nach Neustadt. Da beauftragt Johann Walter, erfolgreicher Fabrikant von Blechwaren am Ort, einen Stellmacher aus Gommersheim mit dem Bau einer besonderen Kutsche. Als der pferdebespannte Leichenwagen fertig ist, stiftet ihn Walter der Gemeinde.
„Bis zu diesem Zeitpunkt mussten die Verstorbenen oft noch zum Friedhof getragen werden“, berichtet Hanten: „Die Toten wurden drei Tage lang zu Hause aufgebahrt. Danach setzte sich der Trauerzug in Bewegung.“ Die neue Kutsche vereinfacht den Transport und leistet – trotz der aufkommenden Konkurrenz durch das Automobil – lange Jahre treue Dienste. „Bis in die 1960er-Jahre“, sagt Heinz Jester. Der heute 84-Jährige gehört zu den Wiederentdeckern des hölzernen Vehikels, das eines Tages doch dem Kraftfahrzeug weichen muss und auf dem Speicher des Bauhofs landet. Dort gerät die Kutsche in Vergessenheit – bis Jester im Jahr 2009 gleichsam über sie stolpert.
Aus Dornröschenschlaf geweckt
„Ich hatte damals selbst angefangen, Kutsche zu fahren“, berichtet der Dudenhofener. Über dieses Hobby lernte er Hanten kennen, der im Speyerer Norden bis heute Pferde hält und eine beachtliche Sammlung an Kutschen zusammengeführt hat. Beide beschlossen, den Leichenwagen aus dem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf zu wecken und wieder gebrauchsfertig zu machen. Ein Unterfangen, das der damalige Dudenhofener Bürgermeister und spätere Landrat Clemens Körner (CDU) anfangs skeptisch betrachtete, wie sich Jester und Hanten erinnern. Schließlich habe Körner sich vom hohen historischen Wert der Kutsche als Ausdruck traditioneller Bestattungskultur überzeugen lassen, berichtet Hanten: „Vielen andere Gemeinden hatten ihre Leichenwagen irgendwann abgeschafft und demontiert.“
Das Gemeindeoberhaupt gab der Sanierung seinen Segen – sofern die Kosten durch Spenden gedeckt würden. Also putzten Hanten und Jester fleißig Klinken, bis die Summe beisammen war. Restauriert wurde die Kutsche 2010 in Polen, „in Deutschland war das schon damals nicht zu bezahlen“, sagt Hanten. Die Holzreifen erhielten eine Gummierung, der Sicherheit wegen wurden Scheibenbremsen eingebaut. Im Jahr 2011 ging die Kutsche wieder offiziell in Betrieb.
Erhalt von Kulturgut
Rund 4200 Euro habe die Frischzellenkur des Leichenwagens gekostet, blickt Jester zurück. Einen Teil der Kosten habe man über die Jahre mit Hilfe des Unkostenbeitrags abgestottert, der bei Bestattungen fällig wird: Das sind 100 Euro Leihgebühr an die Gemeinde plus 300 Euro Aufwandsentschädigung für die beiden Kutscher. „Mittlerweile sind wir schuldenfrei“, sagt der 84-Jährige und lacht. Gebucht werden können sie für den Transport von Sarg oder Urne über Bestattungsunternehmen.
Ums Geld verdienen gehe es ihnen nicht, betonen Hanten und Jester gleichermaßen. Die Einnahmen dienten einzig dem Erhalt der Kutsche. Im Vordergrund stehe, ein Stück Brauchtum zu bewahren. „Wir tun das aus Liebhaberei und Nächstenliebe“, sagt der 77-jährige Pferdekenner Hanten. Gefragt sei ihr Service vor allem dann, wenn der Verstorbene einen Bezug zu Pferden gehabt habe. So seien sie schon für Beerdigungszeremonien von Reitern, Zirkusdirektoren oder auch Adligen angefragt worden. In Speyer und Umland, aber auch darüber hinaus. Auch die Volksgruppe der Sinti und Roma habe sie bereits für Trauerfeierlichkeiten gebucht.
Jüngere übernehmen
Unterwegs sind die Kutscher – anlassgemäß in Livree und mit Zylinder – stets mindestens zu zweit, schon aus Sicherheitsgründen, erläutert Jester: „Einer sitzt auf dem Bock und der andere läuft neben den Pferden her, um notfalls eingreifen zu können.“ Eingesetzt würden allein Tiere, die im Gespann erfahren und an Verkehrslärm und größere Menschengruppen gewohnt seien. Auch sei ein sogenannter Pferdeführerschein als Sachkundenachweis erforderlich.
Obwohl ihnen die Tätigkeit immer noch Freude bereite, sind Hanten und Jester dabei, die Bestattungsfahrten in jüngere Hände zu legen: in jene von Hantens Frau Barbara (62). Unterstützt wird sie jeweils von einem ihrer drei erwachsenen Kinder, die von klein auf im Umgang mit Pferden geschult sind. Wieder streicht Hanten über die Kutsche. Für ihn steht schon lange fest: „Wenn ich gestorben will, dann will auch in dem Wagen liegen.“ Aber das könne schon noch etwas warten.