Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn der Traum von der Priesterweihe im Dom platzt: Ein Fall hallt nach

Priesterweihe im Speyerer Dom: Kandidaten legen sich vor den Altar und bekennen ihre Hingabe zu Gott.
Priesterweihe im Speyerer Dom: Kandidaten legen sich vor den Altar und bekennen ihre Hingabe zu Gott.

Das Speyerer Priesterseminar ist längst nicht mehr so stark belegt wie früher. Das heißt aber nicht, dass alle Bewerber erfolgreich sind. Schmerzhafte Abschiede sind denkbar.

Er habe total den Boden unter den Füßen verloren, als die Ablehnung erhalten hatte, sagt Christian Maria Magin. Der katholische Theologe aus Rödersheim-Gronau wollte Priester im Bistum Speyer werden. 1999 war er ins Priesterseminar eingetreten, und kurz nach Neujahr 2006 hatte er mitgeteilt bekommen, „dass er nicht weiter Priesterkandidat sein könne“, wie es in einem kirchenrechtlichen Urteil heißt. Der Fall hatte nämlich ein juristisches Nachspiel – und beschäftigt ihn heute noch, wie Magin gesteht. „Schlimmer als mit Dreck“ sei man mit ihm umgegangen, meint der 50-Jährige.

Aber der Reihe nach: Der junge Rödersheimer, zeitweise auch Schüler des Nikolaus-von-Weis-Gymnasiums in Speyer, wollte schon Priester werden, seit er Messdiener war. „Am Altar habe ich mich immer so geborgen gefühlt“, sagt er. Es ist – in der Schule wie auch im Studium – kein geradliniger Weg für ihn. Es gibt Höhen und viele Tiefen. Magin berichtet, dass er in schweren Zeiten auch dem Alkohol zu stark zugesprochen habe. Eine überzeugende Antwort, warum er das Seminar verlassen musste, habe er dennoch nicht erhalten.

Ins Taumeln geraten

Als der Boden unter den Füßen weg war, kam Magin ins Taumeln. Der Alkohol nahm ihn erneut in Beschlag, und der Theologe geriet mit dem Gesetz ins Konflikt. Fünf Jahre lang habe er danach sein Trauma mit psychotherapeutischer Hilfe aufgearbeitet. Beruflich habe er keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. „Schwer vermittelbar“, habe die Arbeitsagentur beschieden. Phasen als Hausmeister-Gehilfe und im Callcenter waren nicht von Erfolg gekrönt. Seit vielen Jahren kümmert sich Magin überwiegend um seine schwerkranken Eltern, 88 und 90 Jahre alt. Als Organist und Trauerredner verdient er sich etwas dazu.

Christian Maria Magin: Der Theologe hadert damit, dass er im Bistum Speyer nicht zur Priesterweihe zugelassen wurde.
Christian Maria Magin: Der Theologe hadert damit, dass er im Bistum Speyer nicht zur Priesterweihe zugelassen wurde.

Sein Scheitern am Priesterseminar ließ ihn nie los. Magin suchte – auch aufdringlich – Antworten bei der Speyerer Bistumsspitze, schrieb an Papst Franziskus und bekam irgendwann einen Termin beim seit 2007 amtierenden Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Er hätte sich auch ohne Priesterweihe an vielen Stellen im Bistum segensreich einbringen können, ist Magin überzeugt. „Ich kann nichts für Sie tun“, habe ihm Wiesemann jedoch beschieden.

„Ich will mich nicht als vollkommen unschuldiges Opfer darstellen“, betont Magin. Der tiefgläubige Katholik, der trotz seines Frusts nicht aus der Kirche ausgetreten ist, empfindet indes Genugtuung über ein kirchenrechtliches Urteil, das er 2020 – 14 Jahre nach seinem Aus am Seminar – am Bischöflichen Offizialat Speyer erstritten hat. Es ging um Rechtsverletzungen zum Nachteil des einstigen Priesterkandidaten, für die die Kirchenseite Verantwortung trage. Eine der Feststellungen: Die legitimen Interessen des Klägers seien „zwar nicht durch den Ausschluss an sich vom Priestertum, wohl aber durch den späten Ausschluss schwer verletzt worden“.

Urteil gegen Regens

Konkret falsch verhalten hat sich dem Urteil zufolge Regens Otto Schüßler (1938-2015), der als langjähriger Leiter des Speyerer Priesterseminars auch in Magins Zeit am Germansberg und an der Uni Eichstätt-Ingolstadt Verantwortung trug. „Es hätte für den Regens innerhalb der sechs Jahre Studium zahlreiche Anlässe gegeben, dem Kläger mitzuteilen, dass er ihn nicht für geeignet hält für das Priestertum“, steht darin. Das sei jedoch viel zu spät erfolgt. Magin sei damit die Möglichkeit verbaut worden, „die entscheidenden Jahre seines Lebens für eine Lehre oder ein anderes Studium“ nutzen zu können.

Eine weitere Facette im Gerichtsverfahren war Magins „Begutachtung“, die Schüßler 2005 durch einen Geistlichen des Erzbistums München veranlasst hatte. Er habe jedoch den Probanden zuvor darüber im Unklaren gelassen, dass ein negativer Ausgang des Gutachtens sein Ende am Seminar auslösen könnte. Und er habe vorab rechtswidrig persönliche Informationen an den Münchener Experten weitergegeben, ohne Magins Zustimmung dazu eingeholt zu haben. Unter Andreas Sturm, dem Generalvikar des Bistums, der 2022 die katholische Kirche verlassen sollte, gab es für all das im Herbst 2020 auch eine „Zahlung in Anerkennung des erlittenen Leids“: 10.000 Euro an Magin – „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“.

Dicke Akte

Franz Vogelgesang hebt die Augenbrauen, wenn er auf Magins Fall angesprochen wird. Vogelgesang leitet seit 2024 als Regens das Priesterseminar St. German. Die Akten aus den Seminarjahren anderer Priesterkandidaten seien dünn, das Dossier über Christian Maria Magin präsentiere sich jedoch prallgefüllt. Er habe den Rödersheimer nur bei kurzen Begegnungen kennengelernt, wisse aber um die Aussage des Bischofs, dass Magins Anstellung als pastoraler Mitarbeiter im Bistum Speyer nicht mehr in Frage komme. Aus der Akte wisse er auch: „Es sind sicher Fehler unterlaufen im Umgang mit ihm.“

Vogelgesang kann und will nicht tiefer in den konkreten Fall einsteigen. Er kann jedoch einordnen, dass die sechsjährige Ungewissheit des Priesterkandidaten und die 10.000-Euro-Zahlung keine Normalfälle darstellen. Dass ein Seminarist nicht an das bestenfalls nach sieben Jahren zu erreichende Ziel der Priesterweihe gelangt, sei jedoch alles andere als unüblich. Nur rund die Hälfte der Anwärter komme letztlich durch. Diese Quote habe sich über die Jahrzehnte nicht grundsätzlich verändert. „Wir können da auch nicht großzügiger sein, nur weil es heute an Priestern mangelt“, betont Vogelgesang.

Priesterseminar St. German: Franz Vogelgesang und Tatjana Blumenstein leiten die Bistumseinrichtung.
Priesterseminar St. German: Franz Vogelgesang und Tatjana Blumenstein leiten die Bistumseinrichtung.

Jahrgänge schrumpfen

Ansonsten hat sich viel getan in der Speyerer Ausbildungsstätte, vor allem in der Größe der Jahrgänge. Der 64-jährige Vogelgesang gehört einem „Boomer“-Jahrgang an und ist in den 1980er-Jahren zusammen mit 24 weiteren Männern ins Seminar eingetreten. Zwölf davon wurden 1989 im Dom zu Priestern geweiht. Über die ganzen Jahrgänge hinweg seien es in seiner Zeit an die 100 Priesterkandidaten gewesen. Heute seien es sieben. Die letzte Priesterweihe eines jungen Mannes im Dom fand 2024 statt, am 20. Juni 2026 wird die nächste folgen mit dem Kandidaten Markus Breuer aus Speyer.

Er habe als Seminarchef noch keine harte Trennung wie im Fall Magin moderieren müssen, betont Vogelgesang. Es habe aber drei Kandidaten gegeben, die er „in gutem Klima entlassen“ habe. Meist gehe die Trennung von den Anwärtern aus, in der Regel weil sie merkten, dass sie dem auf sie Zukommenden nicht gewachsen seien oder dass der Zölibat nicht die richtige Lebensform für sie sei. Sie haderten auch mal mit den jeweiligen Bischöfen oder dem Papst. Klare Ansprüche seien dabei transparenter Umgang miteinander sowie Hilfsangebote bei Bedarf – auch damit es künftig keine Überraschungen nach sechs Jahren mehr gibt, wie Vogelgesang betont. Die Eignung eines Priesters bemesse sich an vier Dimensionen: menschlich, geistlich, intellektuell sowie pastoral-missionarisch. „Und da wird heute eher genauer hingeschaut als früher.“

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