Meinung
Tiefengeothermie: Kommunalpolitik in der Zwickmühle
In Neuhofen wurde am Montagabend bei der Einwohnerversammlung mehrfach ein Bürgerentscheid gefordert. Viele Bürger in Neuhofen und Waldsee befürchten, sie trügen die Risiken: „Erdbeben, Wertverlust von Immobilien, Umweltschäden“. Neuhofens Ortsbürgermeister Ralf Marohn zielt hingegen auf den Anschluss an ein Wärmenetz mit langfristig stabilen Preisen ab.
Experten und Befürworter verweisen auf strenge Überwachung unter Tage, auf das Herunterfahren der Geothermie-Anlage bei seismischen Aktivitäten, auf Versicherungsschutz und die Beweislastumkehr: Betreiber müssen nachweisen, dass sie für Schäden nicht verantwortlich sind. Skeptiker überzeugt das nicht. Ihr Misstrauen nährt sich aus fehlendem Vertrauen in Kontrollen und Behörden, negativen Erfahrungen mit Projekten anderswo sowie der Sorge vor langwierigen juristischen Verfahren mit ungewissem Ausgang.
Zudem bleiben zentrale Fragen offen: Wie viel wird die Wärme aus der Tiefe eines Tages kosten? Wie entwickeln sich Preise für Öl und Gas? Und welche finanziellen Folgen bringen Klimawandel, Hitzeperioden, Starkregen und damit verbundene Schäden für Hausbesitzer in Neuhofen und Waldsee?
Kommunalpolitiker – die vom Volk gewählten Vertreter – stehen nun vor der Frage, ob sie eine Entscheidung zum Tiefengeothermie-Projekt in die Hände der Bürgerinnen und Bürger legen wollen. Trauen sie ihnen zu, auf Basis von Sachargumenten und Fakten zu entscheiden – und nicht auf Grundlage anonymer Stimmungsmache, Angst und Erfahrungen aus der Vergangenheit? Und wäre es vertretbar, nur die Neuhofener entscheiden zu lassen, obwohl es um die Wärmeversorgung einer ganzen Region geht, um Daseinsvorsorge, um eine weitere Möglichkeit auf Wärme aus erneuerbarer Energie und die Energie-Zukunft heutiger Fernwärmekunden? Es geht schließlich auch um die Frage, ob Menschen mit heute bereits bestehendem Fernwärmeanschluss eines Tages noch heizen können.
Das Dilemma bleibt: Risiken und Unsicherheiten treffen auf die Chance, die Wärmeversorgung zu sichern und Preise langfristig zu stabilisieren. Wie die Kommunalpolitik und die Bevölkerung damit umgehen, wird die Region prägen.
