Waldsee / VG Rheinauen
Tiefengeothermie bei Waldsee: Experte sieht geringes Erdbebenrisiko
Wie hoch ist die Erdbeben-Gefahr?
Das Risiko für durch Tiefengeothermie ausgelöste Erdbeben sei bei Waldsee gering, sagte Ulrich Lotz. Er ist seit mehr als 20 Jahren in der Branche tätig und als selbstständiger beratender Geologe in zahlreichen Geothermie-Projekten in Deutschland involviert. Der Fachmann begründete seine Aussage damit, dass sich in der Boden- und Gesteinsschicht, in der große Mengen Wasser sowie eine ausreichend hohe Temperatur vermutet werden, keine Spannung aufbaue, weil die Sedimente zu weich seien. Für ein Erdbeben braucht es Spannungen im Gestein, die sich dann in Beben entladen. In diesem Teil des Oberrheingrabens, grob gesagt in der Vorderpfalz, kommt es laut Lotz im Untergrund zu auseinandergleitenden Bewegungen. Also genau die gegenteiligen Bedingungen, die es für ein Erdbeben braucht.
Beim Geothermieprojekt in Landau, das 2009 mehrere kleine Erdbeben in der pfälzischen Stadt ausgelöst hat, zielte die Bohrung Lotz zufolge in eine andere Schicht des Untergrunds ab, in Granit und damit ins sogenannte Grundgebirge, in dem andere Spannungsverhältnisse herrschten. „Seismizität hängt immer davon ab, wo ich mich befinde und was ich im Untergrund tue. Wenn ich den Untergrund falsch behandele, kann es zu Erdbeben kommen“, sagte der Geologe.
Was passiert bei einem Erdbeben?
Ulrich Lotz betonte, dass es in den letzten 800 Jahren in der Region kein Erdbeben mit einer Magnitude über 4 gab. Laut Richterskala gelten Beben mit Magnituden von 4 bis 5 als leicht. Sie können Gegenstände bewegen und Geräusche verursachen, führen aber meist nicht zu Schäden. Beben unter Magnitude 4 werden als sehr leicht oder Mikro-Beben eingestuft.
Für Gebäudeschäden sei nicht die Magnitude entscheidend, sondern die Schwinggeschwindigkeit des Bodens. Liegt diese unter 3 Millimetern pro Sekunde, seien Schäden selbst an empfindlichen Gebäuden unwahrscheinlich. Überschreitet dieser Wert einen Grenzwert, greift das Ampel-System des Landesamts für Geologie und Bergbau (LGB). Bereits ab 0,2 Millimetern pro Sekunde werden Betreiber und Aufsichtsbehörde informiert. Alle Erschütterungen müssen dokumentiert werden, und Erdbebenereignisse sind online beim Landeserdbebendienst einsehbar.
Dank kontinuierlicher Überwachung kündigen sich Erdbeben an, sodass Betreiber und Landesamt laut Lotz oft Stunden oder Tage Zeit haben zu reagieren. Das Bergbauamt kann Maßnahmen wie die Reduzierung der Fließrate oder das Abschalten von Geothermie-Kraftwerken anordnen. Geothermie-Projekte bieten dem Geologen zufolge gegenüber anderen menschlichen Eingriffen in den Untergrund den Vorteil, dass sich die Stärke der Seismizität, also die Erdbebenaktivität, jederzeit durch Regulierung von Wassermenge und Druck steuern und kontrollieren lasse. Das Risiko liege vor allem beim Betreiber, da ein eingeschränkter Betrieb wirtschaftlich nachteilig wäre, so Lotz.
Wie kann die Wärmeversorgung gesichert werden, wenn die Tiefengeothermie-Bohrung ausfällt oder wegen seismischer Aktivitäten nur eingeschränkt laufen darf?
Geothermie-Projekte nutzen oft Zusatzsysteme wie Gas- oder Ölkessel, um Schwankungen, Wartungen oder Ausfälle zu kompensieren und eine durchgängige Energieversorgung sicherzustellen. Betreiber verpflichten sich vertraglich dazu, wie Thomas Giel, Professor für nachhaltige Gebäudeenergiesysteme an der Hochschule Mainz, in Waldsee berichtete.
In Pullach im Isartal fungiert ein 50.000-Liter-Öltank als Reserve. Die Tiefengeothermie deckt 93 Prozent des Fernwärmebedarfs mit erneuerbarer Energie, die restlichen 7 Prozent werden mit Gas und Öl ergänzt, so Ralph Baasch von der Betreiberfirma IEP.
Im schweizerischen Riehen dient das Fernwärmenetz der Stadt Basel als Rückfallebene, das wiederum über eine Verbrennungsanlage mit Holz und Gas verfüge. Im Kanton Basel-Stadt, zu dem Riehen zählt, hat eine Mehrheit der Bevölkerung allerdings beschlossen, dass das Gasnetz bis zum Jahr 2037 stillgelegt werden soll. Damit sollen CO2-Emissionen gesenkt und Klimaneutralität erreicht werden. Deshalb plant die Wärmeverbund Riehen AG laut Geschäftsführer Matthias Meier eine neue, erneuerbare Alternative.
In Waldsee sieht Geopfalz für das Geothermie-Projekt vier Bohrungen vor, wie Geschäftsführerin Claire Weihermüller auf RHEINPFALZ-Nachfrage sagte. Dazu zählen zwei Produktionsbohrungen und zwei Injektionsbohrungen, mit denen das Wasser wieder in die Tiefe gepumpt werde: „Die zwei Produktionsbohrungen fallen nicht gleichzeitig aus“, sagte Weihermüller und sprach, ohne es genauer konkretisieren zu wollen, als weitere Möglichkeit von einem Wärmeverbund, über den ein Ausfall einer Bohrung kompensiert werden könne.
Welche Erfahrungen haben andere Gemeinden mit Geothermie-Projekten gemacht?
In Pullach bei München versorgt ein Geothermie-Kraftwerk 1480 Gebäude mit Fernwärme – Tendenz steigend. „Seit Beginn des Ukraine-Kriegs stieg die Nachfrage enorm, da viele unabhängig von fossilen Energien aus dem Ausland sein wollen“, erklärte Ralph Baasch, Sprecher der gemeindeeigenen Tochterfirma IEP Pullach. Gegründet 2002, erschließt das Unternehmen geothermische Energie und verteilt diese über ein Fernwärmenetz. Bis 2027 soll jede Straße in Pullach eine Fernwärmeleitung haben, um allen Hauseigentümern den Anschluss zu ermöglichen. Das Kraftwerk befinde sich nur 100 Meter von einem Wohngebiet entfernt. In der Nachbarschaft liegen eine Schule, ein Hallenbad und Geschosswohnungsbauten – sichere Wärmeabnehmer. Baasch betonte, bei der Netzplanung müsse groß gedacht werden, da Wirtschaftlichkeit mit der Anzahl der Abnehmer steige.
Geothermie eigne sich ideal für die Grundlastversorgung, da sie konstant und wetterunabhängig Wärme und Strom liefere, so Baasch. Vorteile seien der ökologische Nutzen durch CO2-Einsparung sowie die Preisstabilität. Kunden seien unabhängig von den Schwankungen der Öl- und Gaspreise am Weltmarkt. Das wichtigste Argument für das Projekt sei jedoch, dass die Energiequelle lokal sei, die Wertschöpfung in der Region bleibe und kein Geld ins Ausland fließe.
Was sagt Geopfalz zum Geothermie-Standort?
Die kommunale Projektgesellschaft der Stadtwerke Speyer und der Stadt Schifferstadt war nicht Teil der Veranstaltung. Die Verbandsgemeinde wollte ein Format anbieten, bei dem Experten sprechen, die nichts mit dem Tiefengeothermie-Projekt bei Waldsee zu tun haben. Fragen nach dem künftigen Standort des Bohrplatzes konnten am Mittwochabend deswegen nicht beantwortet werden. Ein Bürger wollte von der Verbandsgemeindeverwaltung Rheinauen wissen, ob diese wirklich nicht wisse, wo gebohrt werden soll. Der Mann fürchtet: „Die Bürger werden vor vollendete Tatsachen gestellt.“ Rheinauens Bürgermeister Patrick Fassott (SPD) antwortete auf die Frage: „Sie überschätzen unsere Position und unser Verhältnis zur Geopfalz. Wir wissen nicht, mit wem die Geopfalz alles verhandelt“, sagte der Bürgermeister. Geopfalz-Geschäftsführerin Claire Weihermüller machte am Donnerstagvormittag auf RHEINPFALZ-Anfrage erneut deutlich, dass sie sich zum Standort nicht äußern werde und erst an die Öffentlichkeit gehe, wenn sich Geopfalz eine Fläche gesichert habe.
Im Netz
Vorträge sowie Fragen und Antworten bei der Informationsveranstaltung werden demnächst unter www.vg-rheinauen.de veröffentlicht.
