Speyer
Streitfall Angeln am Berghäuser Altrhein: Beim Nachtfischen scheiden sich die Geister
Herr Pade, Herr Kirsch, was ist das Besondere am Berghäuser Altrhein?
Pade: Er ist ein äußerst interessantes Gewässer. Es kommen Angler von weit her, etwa aus Stuttgart. Es gibt selten einen Bereich wie hier, der so gesegnet mit Wasserflächen ist. Bei den pfälzischen fiskalischen Gewässern an der Rheinschiene (bei ihnen hat das Land das Fischereirecht; Anm. d. Red.) sind 69 Prozent der Angler nicht in Vereinen organisiert. Der Berghäuser Altrhein ist keine Ausnahme.
Kirsch: Das Gewässer gehört zu den ökologisch wertvollsten Gebieten in Speyer. Er ist nicht zuletzt ein bedeutender Rastplatz für Zugvögel.
Herr Pade, welche Probleme sehen Sie an den fiskalischen Gewässern, vor allem am Berghäuser Altrhein?
Pade: Speziell am Rhein, ob in Waldsee oder Speyer, stellen wir seit einigen Jahren fest, dass sehr viel Dreck in der Landschaft entsorgt wird. Das ist nicht nur Abfall von Anglern, sondern auch sehr viel Hausmüll. Deshalb haben wir die Arbeitsgemeinschaft Fischereiverbände Pfalz gegründet. Darin versuchen der Sporfischerverband Pfalz und der Landesfischereiverband Pfalz, gemeinsam Probleme zu lösen. Eine solche Lösung, über die wir schon im Gespräch sind und zu der es bereits Vorlagen bei der SGD Süd (Struktur- und Genehmigungsdirektion in Neustadt; Anm. d. Red.) gibt, wäre die Vermehrung der Fischereiaufseher. Deshalb sind entsprechende Ausbildungen notwendig. Konzepte dazu liegen der SGD Süd vor. Die Behörde hat die Hoheit über diese Gewässer und letztlich auch die Verantwortung. Wir Fischereiverbände sehen uns aber mit in der Verantwortung, dass wir das gemeinsam versuchen zu lösen.
Herr Kirsch, Sie kennen den Berghäuser Altrhein schon lange. Welche Probleme haben Sie hier festgestellt, zum Beispiel mit wildem Hausmüll?
Kirsch: Hausmüll gibt es hier, wo wir sitzen, nicht. Man kann mit dem Auto nicht herfahren. Ganz schlimm ist es an der Fähranlegestelle. Dort liegt immer Hausmüll herum.
Pade: Ja!
Kirsch: Hier ist es mehr oder weniger der Müll von irgendwelchen „Veranstaltungen“, die entlang des Berghäuser Altrheins stattfinden.
Herr Kirsch, welche Verursacher für dieses Umweltproblem haben Sie ausgemacht?
Kirsch: Der Berghäuser Altrhein ist mein „Revier“, hier bin ich oft. Der Müll ist teilweise von Anglern, teilweise von anderen, die private Feste gefeiert haben. Es ist sehr unterschiedlich. Auffällig ist hier, der Herr Pade hat es schon gesagt, dass sehr viele fremde Angler da sind. Hauptsächlich aus Baden-Württemberg. Hauptgrund ist der: In Rheinland-Pfalz ist das Nachtfischen erlaubt. Und die Leute kommen her, schlagen Zelte auf, obwohl das verboten ist. Sie machen auch Lagerfeuer.
Es gibt doch Verbotsschilder hier!
Kirsch: Ja, aber es kommt doch immer wieder vor. Selbst Motorbootfahren, was im hinteren Bereich des Berghäuser Altrheins nicht erlaubt ist. Ich spreche die Leute dann darauf an. Die sagen oft: „Ja, das wussten wir gar nicht.“ Die haben eine Angelkarte geholt – in irgendeinem Angelshop. Dann habe ich die Leute gefragt, ob sie denn keine Auflagen bekommen, was man machen darf am Berghäuser Altrhein, und was nicht. Dann heißt es: „Nein, das wissen wir nicht.“ Ich sage dann: „Da vorne steht ein Schild, lesen Sie es mal nach!“ Ich frage mich, warum man mit den Angelkarten keine Anordnungen herausgibt.
Pade: Das steht alles auf dem Erlaubnisschein, Herr Kirsch.
Kirsch: Dann lügen mich die Leute an. Gut, dass ich das jetzt weiß.
Sind auf einer Angelkarte die spezifischen Regeln für ein bestimmtes Gewässer enthalten?
Pade: Nein, das wird von der SGD Süd allgemein für alle fiskalischen Gewässer angegeben. Da wird auch abgedruckt, was im Bereich von Fanghilfen erlaubt und was verboten ist.
Kirsch: Es ist aber manches an einigen fiskalischen Gewässern erlaubt, was hier am Berghäuser Altrhein verboten ist, und umgekehrt. Deshalb müsste man die Vorgaben auf den Angelkarten differenzieren.
Das wäre also eine Aufgabe für die SGD Süd …
Kirsch: Ja.
Pade: Ja, das ist eine gute Anregung. Man sollte spezifisch für jedes Gewässer angeben, was erlaubt und was verboten ist.
Herr Kirsch, wie oft sind Sie als Naturschutzbeauftragter am Berghäuser Altrhein?
Kirsch: Einmal in der Woche. Es ist ganz schlimm. Am Wochenende kann man darauf gehen, dass es hier belegt ist. Auch mit Feuerstellen. Da ist es egal, ob es ein trockener Monat war oder nicht. Oft stehen hier auch Zelte. Viele Angler wollen nachts Welse fangen. Häufig fahren Leute mit dem Motorboot. Wenn man weiß, welche Bedeutung dieses Gebiet, gerade in den Herbst- und Wintermonaten mit den vielen Zugvögeln, für den Naturschutz hat, ist das eine Katastrophe.
Herr Pade, wie sieht es bei Verstößen von Anglerverein-Mitgliedern aus?
Pade: Wir weisen die Angler in solchen Fällen auf die Regeln und mögliche Sanktionen hin. Oft ist das schon ausreichend.
Was machen Angler für die Hege, also den Schutz und Erhalt, der Fische?
Pade: Das ist Aufgabe der SGD Süd. Ein Teil der Einnahmen, die aufgrund der Erlaubnisscheine erzielt werden, wird für Besatzmaßnahmen verwendet, auch bei fiskalischen Gewässern. Hier kann ich die SGD Süd loben. Sie versucht, das wissenschaftlich aufzubereiten. Es wird untersucht, welche Fischarten in welchen Gewässern unbedingt notwendig sind. Es geht also nicht darum, welcher Fisch von den Anglern am liebsten gefangen wird, sondern es geht danach, was das jeweilige Gewässer braucht. Um das herauszufinden, gibt es Wasser- und Fischuntersuchungen.
Wie sieht es mit Aalbesatz aus? Da ist die SGD Süd schon aktiv gewesen.
Pade: Richtig, und der Landesfischereiverband Pfalz. Wir sind jetzt wieder dabei, die Bestelllisten der Vereine dafür anzulegen. Das Problem dabei ist: Aalbesatz in geschlossenen Gewässern ist nicht ratsam. Es sollen Gewässer sein, die eine Anbindung an Flüsse haben.
Kirsch: Hier, beim Berghäuser Altrhein, finde ich es nicht sinnvoll, dass man irgendwelche Fische einsetzt. Das Gewässer ist mit dem Rhein verbunden. Es bildet sich ein Gleichgewicht heraus, von Fischen, die hier gut wachsen können, und solchen, die hier nicht so gut zurecht kommen.
Weshalb ist Nachtangeln wichtig?
Pade: Ich muss es in Schutz nehmen. Seit wir die dritte Klärstufe haben, hat der Rhein mit den meisten Nebenarmen fast Trinkwasserqualität. Das Wasser ist dermaßen klar, dass ich jedem abrate, unter Tag angeln zu gehen. Denn ein Fisch ist nicht dumm: Er sieht den Angler am Ufer und er sieht den Köder. Wenn man einen essbaren Fisch haben will, ist es vernünftig, im Trüben zu fischen. Entweder früh morgens oder abends, wenn es dunkelt – dazu gehört auch das Nachtangeln.
Kirsch: Da gibt es natürlich naturschutzfachlich Komplikationen. Denn hier überwintern viele Gänse und Enten. Wenn die nachts schlafen, wollen sie ihre Ruhe haben. Sie fliegen auf, wenn nachts geangelt wird, und sie suchen sich einen neuen Schlafplatz. Das ist eine starke Störung, bei der viel Energie verloren geht. Am störendsten für Vögel sind Bewegungen von Menschen.
Heißt das, Nachtangeln ist in Rheinland-Pfalz ganzjährig erlaubt?
Pade: Ja, aber unter Beachtung der Schonzeiten der Fischarten.
Kirsch: Seltene Arten sind auch ganzjährig geschont. Zumindest während der Vogel-Zugzeit von Oktober bis April sollte nachts nicht geangelt werden dürfen. In Baden-Württemberg ist Nachtangeln ganz verboten. Dort wird viel im Herbst geangelt, wenn es abends früh dunkel und morgens spät hell wird.
Pade: Fischereirecht ist föderatives Recht. Jedes Bundesland kann seine eigenen Entscheidungen treffen, ohne Rücksicht auf Nachbarn nehmen zu müssen. Es war sogar so, dass wir lange Jahre gebraucht haben, um mit Baden-Württemberg und Hessen die Schonzeiten im Rhein anzugleichen.
Herr Kirsch, Ihnen sind die Kormorane am Ufer aufgefallen…
Kirsch: Ja, das sitzen vier oder fünf von ihnen.
Der Vogel hat hier ein Lebensrecht wie andere Arten auch, heißt es von Naturschützern immer wieder…
Pade: Das wird von uns auch nicht bestritten. Der Kormoran ist ein Zugvogel. Wenn er in den nordischen Gegenden nicht ausreichend Futter erhält, dann zieht er zu uns, und dann kommt er zu Hunderten. Und wenn die Kormorane in einer solchen Anzahl in so ein Gewässer einfallen, dann muss man gegen diese Masse an Population sein. Nicht gegen den Kormoran an sich.
Kirsch: Eine so große Anzahl von Kormoranen haben wir am Berghäuser Altrhein noch nie gehabt. Ich mache immer die Wasservogelzählung. Da haben wir mal 20 oder 30 Kormorane. Sie gehen dorthin, wo sie leicht Beute machen. Das sind Fischteiche. Da machen sie wirklich Schäden. Aber nicht in diesen Gewässern. Forellenteiche, zum Beispiel, muss man schützen, etwa durch Zäune. Der Kormoran war schon immer da. Außerdem hat Rheinland-Pfalz im Gegensatz zu anderen Bundesländern im Jahr 2009 eine Abschussgenehmigung gegeben. Die Bundesregierung hat sich dagegen ausgesprochen. Wenn man einen Kormoran hier schießt, flüchten die anderen. Die brauchen mehr Energie und fressen anderswo noch mehr. Die Populationen sind trotzdem annähernd konstant.
Herr Pade, brauchen Sie den Kormoran-Abschuss wirklich?
Pade: Wenn Sie mal 300 Kormorane auf dem Wasser sehen, dann sieht es anders aus wie hier, wo bloß fünf oder sechs zu sehen sind. Es kommt daher, Herr Kirsch, dass wir durch die Klimaerwärmung viel mehr Kormorane haben wie früher. Vor Jahrzehnten hatten wir ganz kleine Bestände. Aber, weil der Rhein und seine Nebengewässer nicht mehr zufrieren, ist das ganz ideal für den Kormoran.
Aber, Herr Pade, sind denn die Gewässer hier auch naturnah, gibt es in ihnen genug Bewuchs, damit sich die Fische verstecken können?
Pade: Durch die Verbesserung der Wasserqualität gibt es überall genug Kraut. Die Fische haben also schon Schutz. Deshalb wird auch von den Anglern viel weniger gefangen. Hintergrund, Lokalseite 2
Zur Person
- Gustav Pade, 73, Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Pfalz, Fischereiberater der kreisfreien Stadt Speyer, 27 Jahre Vorsitzender des Sportfischervereins Petri Heil Speyer und jetzt Ehrenvorsitzender
- Roland Kirsch, 76, ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter der Stadt Speyer, mehr als zehn Jahre Regionalbeauftragter für die Pfalz des Bundes für Naturschutz Deutschland (BUND), derzeit beratend tätig