Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel „Spiel mit dem Feuer“: Warum Speyerer Kinderärzte zur Masernimpfung raten

Schutz vor Ansteckung: Ein Kinderarzt impft ein einjähriges Kind mit dem Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln. Die M
Schutz vor Ansteckung: Ein Kinderarzt impft ein einjähriges Kind mit dem Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln. Die Masern gelten gemeinhin oft als »Kinderkrankheit«, können aber einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen.

Nach vielen Jahren ohne gemeldete Ansteckungen gab es im vergangenen Jahr gleich vier Masernfälle in Speyer. Kommt die Infektionskrankheit zurück? Was Kinderärzte nun raten.

Bernhard Hock ist besorgt. Nur zu gut kennt der 68-jährige Kinderarzt und Inhaber des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Fitz in St. Hedwig in Speyer-West die jüngsten Berichte um einen Masernausbruch in Karlsruhe. Dort hatten sich im Oktober 27 Mitglieder einer Freikirche mit dem Virus infiziert. Daraufhin wurden auch aus der Pfalz Erkrankungen gemeldet. Natürlich kennt Hock auch die amtlichen Statistiken. Jene des Robert-Koch-Instituts (RKI) etwa, welches bundesweit das Infektionsgeschehen überwacht und das im vergangenen Jahr 232 Masernfälle registrierte. Oder jene des Gesundheitsamtes des Rhein-Pfalz-Kreises, das auch für die Städte Frankenthal, Ludwigshafen und Speyer zuständig ist. Bis Mitte November 2025 zählte es vier Maserninfektionen – alle in Speyer.

Er selbst habe nie Masern zu Gesicht bekommen, räumt Hock ein – was der Mediziner aber nicht für einen Makel, sondern für einen Erfolg hält. Es zeige, dass die Impfkampagnen wirkten: „Das ist der beste Schutz vor Masern.“ Gleichwohl gebe es einen kleinen – und wachsenden – Anteil von Eltern, quer durch alle sozialen Schichten, die der Impfung skeptisch gegenüberstünden oder sie grundsätzlich ablehnten. Oder die sich auf den Herdenschutz verließen. Also darauf, dass die eigenen Sprösslinge schon nicht mit dem Masern-Virus in Berührung kommen werden, wenn alle anderen um sie herum geimpft sind.

Rät zur Impfung: Kinderarzt Bernhard Hock.
Rät zur Impfung: Kinderarzt Bernhard Hock.

Nicht auf Herdenschutz verlassen

Diese Einstellung sei fahrlässig, mahnt Hock. Denn für einen wirksamen Herdenschutz brauche es eine Impfquote von mindestens 95 Prozent. Die werde in Deutschland aber nicht überall und auch nicht in allen Altersstufen erreicht. Laut Kreisgesundheitsamt betrug sie beim zurückliegenden Einschulungsjahrgang 2024/25 nur etwa 94 Prozent – zu wenig, um die zu schützen, die beispielsweise wegen eines schwachen Immunsystems gar nicht geimpft werden können.

Überdies sei Deutschland kein abgeschottetes System, gibt Hock zu bedenken: „Die Menschen reisen.“ In anderen Ländern kursierten die Masern oft stärker als hierzulande. Das erhöhe die Ansteckungsgefahr. Die Masern würden sozusagen importiert. Auf den Herdenschutz zu spekulieren, sei aus diesen Gründen riskant, sagt Hock: „Das Virus zirkuliert in der Bevölkerung, und es ist hochansteckend. Es genügt, mit einer infizierten Person im selben Raum zu sein.“

„Lebensbedrohliche Erkrankung“

Hans-Jürgen Gausepohl wird noch deutlicher: Auf die Impfung mit dem abgeschwächten Masern-Virus im Lebendimpfstoff zu verzichten und seine Kinder stattdessen der Gefahr einer Begegnung mit dem „Wildtyp“ auszusetzen, sei „ein Spiel mit dem Feuer“, warnt der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus: „Masern sind eine sehr schwere und potenziell lebensbedrohliche Erkrankung.“ Viele Infektionen verliefen zwar harmlos, doch bei einem „beträchtlichen Anteil“ seien Komplikationen wie Lungenentzündungen oder Mittelohrentzündungen zu beobachten.

Warnt vor Spätfolgen einer Maserninfektion: Hans-Jürgen Gausepohl, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Diakonis
Warnt vor Spätfolgen einer Maserninfektion: Hans-Jürgen Gausepohl, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus.

Zudem komme es statistisch in einem von 1000 Fällen zu einer Enzephalitis, einer Gehirnentzündung. Diese ende für 15 Prozent der Erkrankten tödlich, bei einem Viertel hinterlasse sie bleibende Schäden, sagt Gausepohl. Noch bedrohlicher: Zum Teil erst nach fünf bis zehn Jahren könne in seltenen Fällen eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) auftreten. „Das ist eine virale Dauerinfektion des Gehirns, gegen die es kein Mittel gibt“, erläutert Gausepohl: „Sie führt zum Tod. Immer.“

Keine „Kinderkrankheit“

Angesichts dessen halte er nichts von dem „verharmlosenden Begriff Kinderkrankheit“, sagt Gausepohl: „Wir haben es hier mit dem ansteckendsten Virus überhaupt zu tun, und zwar schon Tage, bevor der typische Hautausschlag sichtbar ist.“ Obwohl er in seiner Laufbahn erst zwei Masernfälle gesehen habe, warne er davor, die Krankheit auf die leichte Schulter zu nehmen, betont der Mediziner. Auch er kenne Diskussionen mit Eltern um das Für und Wider von Impfungen. Keine sei hundertprozentig sicher, so der Chefarzt. Doch falle die Risiko-Abwägung im Vergleich zu den möglichen Folgen einer ausgewachsenen Maserninfektion „extrem günstig für die Impfung“ aus. Dabei ließe sich das Masern-Virus ausrotten, da es sich nur im Menschen vermehren und ausbreiten könne – gäbe es nicht die Lücken im Impfschutz.

Was es aber auch gibt, ist das Masernschutzgesetz. Das gilt seit 2020 und schreibt unter anderem vor, dass Kinder, die in Kitas, Horten, Schulen oder sonstigen Gemeinschaftseinrichtungen betreut werden, gegen Masern immunisiert sind. Insofern müsste spätestens zum Schuleintritt die überwiegende Mehrheit zumindest der Nachgeborenen geimpft und der Herdenschutz erreicht sein.

Überzeugungsarbeit nötig

Dass dies dennoch nicht immer gelingt, hat laut Naim Khabirpour von der Praxis Kinderärzte Speyer in der Diakonissenstraße mehrere Ursachen. „Oft wird die zweite Impfung vergessen oder zu spät verabreicht“, berichtet der Pädiater. Doch erst mit ihr erreiche man eine annähernd 99-prozentige Immunität. Dann gebe es Kinder, die aus medizinischer Sicht nicht geimpft werden könnten. Und schließlich solche, bei denen die Eltern die Impfung ihres Nachwuchses verweigern.

„Impfskepsis steigt“: Kinderarzt Naim Khabirpour.
»Impfskepsis steigt«: Kinderarzt Naim Khabirpour.

„Die Impfskepsis ist seit der Pandemie größer geworden“, hat Khabirpour beobachtet. Die allermeisten würden sich zwar an die amtlichen Empfehlungen halten, doch „die Gespräche mit den Eltern erfordern mehr Zeit“. Nicht alle ließen sich überzeugen oder seien rationalen Argumenten zugänglich. Die Nachweispflicht einer Immunität beim Schuleintritt helfe zwar, allerdings „zahlen manche Eltern wohl lieber das Bußgeld“. Den Schulbesuch verwehren kann man ungeimpften Kindern nicht: Die Schulpflicht hat Vorrang vor der Impfpflicht. Masernfälle sehe er gleichwohl „sehr selten“, sagt Khabirpour. Allerdings seien die jungen Patienten dann „schwer krank“. Und auch Ältere könnten sich jederzeit anstecken. „Masern sind nicht banal“, wirbt der Kinderarzt für die Impfung. Sie habe sich weltweit bewährt. „Ich behandle alle meine kleinen Patienten, als wären sie meine eigenen Kinder“, sagt der Mediziner. Und diese seien „durchgeimpft“.

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