Speyer
Speyerer Unternehmer in Corona-Selbsthilfegruppe
Gar nichts ist gut an Corona. Jedenfalls bringt das Virus nichts, was das Geschäft ankurbelt, das Business in Schwung bringt oder wenigstens am Laufen hält. Und das seit mittlerweile neun Monaten. Der Lockdown ist eine brutale Vollbremsung aus heiterem Himmel. Danach wieder in Fahrt zu kommen oder gar richtig Geschwindigkeit aufzunehmen, ist verdammt schwer. Einige werden es wohl gar nicht mehr schaffen.
Dessen sind sich alle 75 Unternehmer bewusst, als sie sich am Montagabend – endlich wieder einmal – als Tischrunde Speyer der Industrie- und Handelskammer (IHK) treffen. Die Location ist spannend, für viele ganz neu und vor allem absolut Corona-gerecht gewählt: der Hangar der Firma Airside GmbH am Flugplatz Speyer. Die weite und hohe Halle bietet Raum für den notwendigen Abstand. Mit Maske muss jeder kommen, Desinfektionsmittel ist genügend da, Abstände sind markiert, die offenen hallenhohen Hangar-Tore lassen die Aerosole raus und frische, herbstkalte Luft herein. Das ist die „neue Wirklichkeit“, die Tischrunden-Vorsitzender Till Meßmer (Vereinigte VR-Bank Kur- und Rheinpfalz) meint, als er begrüßt. Weil alle darin längst angekommen sind und damit kämpfen, hat die Runde trotz Wiedersehensfreude was von Selbsthilfegruppe.
Alle singen das gleiche Lied
Meßmer trägt eine Corona-Chronologie seit dem verheißungsvollen Start ins Jahr 2020 vor, Airside-Geschäftsführer Mitch Mitländer und Nathalie Dres, verantwortlich für Event/Marketing, die Geschäftsfelder des gastgebenden Unternehmens. Es verfolgt drei Aktivitäten: Flugzeugreinigung, Fahrevents (auch elektrisch), Veranstaltungen. Das dritte Standbein hat Corona weggehauen. Die anderen zwei müssen es – vorerst – richten.
Jürgen Vogel (stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK) ist mit einem Impulsvortrag angekündigt. Sein Impuls lautet: „Krisenzeit ist IHK-Zeit.“ Beratung und Unterstützung sind gefragt, werden geboten – aber wie bezahlt im nächsten Jahr?
Auf dem Podium stehen dann Stefan Walch, Gewölbekeller-Catering & Events sowie Sprecher der Gastronomie und Hotellerie der Region, Peter Bödeker, Schuhhändler von Rang und Sprecher der LG „Herz Speyers“, sowie Hermann Withake, Geschäftsführer des Speyerer Zerlegebetriebs Vitalfleisch. Alle singen das gleiche Lied von Corona, jeder in seiner eigenen Tonlage. Walch beschreibt den Wegfall von jeglichem Geschäft – von einem auf den anderen Tag. Kein Bett mehr belegt, keine Feier mehr ausgerichtet. „Der Boden ist dir unter den Füßen weggezogen.“ Er fordert – im Nachhinein und für die Zukunft – einfachere, „gleichere“ Regelungen bei Anträgen und Hilfsprogrammen, eine größere Rolle des Finanzamtes bei Abwicklung und Klärung der Fragen.
Internet hat Nachteile
Peter Bödeker bestätigt vieles davon, spricht von einer „Achterbahnfahrt der Gefühle“ aufgrund bestellter, zu bezahlender, aber nicht mehr brauchbarer, weil unmodischer Ware – Schuhe wie Textil. Er fragt dann nach dem Sinn des Internets: „Pakete gepackt, 10.000 Paar Schuhe verschickt, 6000 Paar kommen zurück, Warum also das Ganze?“
Withake ist zunächst froh, dass der Einzelhandel stark läuft, merkt aber schnell, dass der doch nicht abfedern kann, was zum Beispiel geschlossene Gastronomie, fehlende Events und leere Stadien anrichten. „Wo nicht gespielt wird, wird auch keine Frikadelle und keine Curry-Wurst gegessen“, bilanziert er. Debatten um Tönnies oder geschlossene Grenzen verschärfen das Absatzproblem. Darunter leiden alle, auch der Bauer, bei dem der Preis verfällt für das Schwein.
Keine höheren Steuern
Das wiederum ist das Stichwort für Walch & Co. Das Trio auf dem Podium ist sich schnell einig, dass das Virus Zeit gebracht hat, alle Abläufe zu hinterfragen. Es muss neu strukturiert werden, wird bereits. Deutlich ist allen, dass alles zusammen- und jeder vom anderen (der anderen Branche) abhängt – „miteinander verwoben ist“, wie es der Gastronom ausdrückt. Und Bödeker findet als Erster – und unwidersprochen – auf die Frage von Moderator Meßmer etwas Positives an Corona: „Es gibt mehr Miteinander und mehr Entgegenkommen.“
Die (Corona-)Zukunft kennt keiner auf dem Podium und im Hangar. Dafür machen sie sich und allen Kollegen Mut für die Zukunft. „Wir sind Unternehmer, nicht Unterlasser.“ Zuversicht besteht. Pläne gibt es.
Und es gibt eine Forderung an die Politik. Bürgermeisterin Monika Kabs und Landtagsmitglied Michael Wagner (beide CDU) hören, wie Jennifer Reckow (Geschäftsführerin Processline) sie formuliert. Es bleibt die einzige Wortmeldung des Abends aus dem Publikum: „Der Mittelstand finanziert die Folgen der Krise aus seinen Rücklagen. Er muss die Substanz wieder aufbauen. Wir alle können keine höheren Steuern gebrauchen.“ Widerspruch? Keiner. Applaus: stark. Die Sitzung in Speyer hat etwas Mut gemacht. Aber immer noch ist erst ganz, ganz wenig gut an Corona.