Speyer Sieg für „Lesen verboten“

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Die Idee einer Casting-Show kann auch bei Büchern funktionieren, dachte sich Corinna Fenchel, Leiterin der Mediathek Berghausen, und wendet eine Idee der Stadtbibliothek Bremen an: In einem Bücher-Casting wählen die Fünftklässler der Realschule plus als Jury ihren Favoriten. Das Prinzip ist das gleiche wie auf der großen Bühne: In jeder Runde fliegt ein Buch raus, bis am Ende der Gewinner feststeht.

Im Grunde macht Corinna Fenchel Marktforschung bei einem jungen Publikum. Das hat das Bücher-Casting mit den Fernsehshows, in denen mittels Jury und Publikum nach Sängern, Models oder Talenten jedweder Art gesucht wird, gemein. Direkt beim Konsumenten wird geprüft, was momentan gefragt ist. Fenchels „Kunden“ sind auch Kinder, die in die Bücherei nach Berghausen kommen und sie möchte wissen, was bei ihnen angesagt ist. Schließlich ist die Leiterin der Mediathek dafür verantwortlich, ein ansprechendes Angebot an Literatur auszuwählen, das nicht in den Regalen einstaubt, sondern bestenfalls, weil spannend und interessant, die meiste Zeit ausgeliehen ist. Zwei fünfte Klassen der Realschule plus Dudenhofen-Römerberg hat Fenchel für gestern Vormittag in die Mediathek eingeladen. Die Kinder sind ihre Testpersonen – oder besser: Jury – die in vier Kategorien durch ein mehrstufiges Auswahlverfahren ihre Buchfavoriten küren. Dazu hat sie in den Genres „Thriller/Abenteuer“, „Fantasy“, „For Boys“ und „For Girls“ eine bunte Mischung zusammengestellt aus Neuerscheinungen, Bestandsliteratur , unterhaltendem Lesestoff und anspruchsvolleren Bänden. Mit roten Karten signalisieren die Kinder, welches Buch sie in der jeweiligen Runde aus dem Wettbewerb wählen. Zunächst geht es nur um den Titel des Buches, in der zweiten Runde wird das Cover des Buches bewertet. Durch den Klappentext wird das nächste Werk eliminiert, eine Leseprobe kürt schließlich den Sieger. „Es darf nicht nur jeder seine eigene Meinung haben, es soll jeder seine eigene Meinung haben“, sagt Fenchel, „das ist der Sinn der Sache.“ Das ist leichter gesagt als zu beobachten. Denn natürlich orientieren sich die Kinder mit ihrer Stimme an den Freunden, tauschen sich aus, schließen sich zu Interessengruppen zusammen. Das Fantasy-Buch „Die Time Catcher“ von Richard Ungar, in dem es um Zeitreisen geht, sei doch nichts „für uns“, befinden die Mädchen, die in der Gruppe jedoch mit sieben zu 13 Stimmen in der Unterzahl sind. Es sei interessant zu beobachten, sagt Fenchel, nach welchen Kriterien Kinder ihre Bücher auswählen. Ein langweiliger Klappentext schrecke beispielsweise auch junge Lesebegeisterte ab. „Da kann das Cover noch so toll sein“, ist sich Fenchel sicher. Dass mit „Charlie Joe Jackson – Lesen verboten“ des Autors Tommy Greenwald bei den Jungs ausgerechnet ein Buch „gewonnen“ hat, dessen Protagonist ein konsequenter Nicht-Leser ist, der niemals freiwillig ein Buch in die Hand nehmen würde, bereitet Fenchel keine Sorge. Vielmehr will sie die Kinder schließlich genau dafür begeistern, was die Hauptperson Charlie so vehement ablehnt (und am Ende doch davon überzeugt wird?): Lesen. (svw)

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