Speyer
Schulsozialarbeit im Speyerer Umland soll ausgeweitet werden
Die heile Welt, sie bröckelt auch auf dem Land. Oder vielleicht ist auch nur das Bewusstsein gestiegen dafür, dass es auch an den klassischen Dorfschulen Kinder gibt, die mit ihren Problemen nicht alleine gelassen werden sollten. Viele Schulen nehmen schon die Hilfe eines Sozialarbeiters in Anspruch. Im Speyerer Umland sollen weitere hinzukommen.
Trennung der Eltern, prekäre soziale Verhältnisse des Elternhauses, häusliche Gewalt – das sind nur einige Themen, die auch den Alltag in den Schulen beeinflussen. In weiterführenden Schulen sind deshalb Schulsozialarbeiter bereits eine feste Größe. An der Realschule plus in Dudenhofen gibt es dafür zum Beispiel eine halbe Stelle. Auch für die Realschule plus in Lingenfeld gibt es eine Schulsozialarbeiterin. Doch immer häufiger werden Schulsozialarbeiter auch an Grundschulen eingesetzt.
In Dudenhofen unterstützt eine Schulsozialarbeiterin das Kollegium der Grundschule seit 2015, für Lingenfeld gibt es ebenfalls eine solche Fachkraft. Die Schwegenheimer Grundschule teilt sich eine Sozialarbeiterin mit den Grundschulen in Westheim und Weingarten. In der Verbandsgemeinde Rheinauen gibt es Schulsozialarbeit derzeit in Altrip und Neuhofen, in Waldsee und Otterstadt hingegen noch nicht.
Mehr verhaltensauffällige Schüler
In Römerberg, wo es bislang kein entsprechendes Angebot gab, wünschen sich die Leiterinnen der drei Grundschulen, dass auch bei ihnen Schulsozialarbeiter eingesetzt werden. In den nächsten Haushalt sollen Mittel dafür eingestellt werden. Auch für die übrigen Grundschulen der Verbandsgemeinde ist entsprechendes Personal angedacht. Die Fachkräfte sollen sich um Probleme wie die genannten kümmern und Lehrkräfte dadurch entlasten, den Schülern als feste Ansprechpartner dienen, die Sozialkompetenz und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Schule stärken sowie nicht zuletzt Bindeglied zu Institutionen wie Jugendamt oder Kinderschutzbund sein.
„Wir sind keine Brennpunktschule“, sagt Martina Kopf, Leiterin der Berghausener Grundschule. Dennoch gebe es auch in ihrer Schule „verhaltensauffällige“ Kinder. Sie hat den Eindruck, dass soziale und emotionale Probleme in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Auch sei es schwerer geworden, Eltern zu überzeugen, Ratschläge der Schule umzusetzen. Hinzu käme im Falle der drei Römerberger Grundschulen: Aufgrund der zu kleinen Schülerzahl – in Berghausen sind es 165 – haben die Schulen keinen Konrektor. Kopf sieht daher in einem Schulsozialarbeiter auch eine Unterstützung bei Aufgaben, die bislang alle bei den Schulleiterinnen auflaufen. „Das fängt schon damit an, dass es manchmal schwierig ist, bis man jemand vom Jugendamt erreicht“, sagt sie.
Verständnis und Skepsis in Politik
In der Politik gibt es Verständnis für den Wunsch. Die Verantwortlichen wünschen sich aber auch mehr harte Fakten, die die Notwendigkeit von Schulsozialarbeit untermauern. Denn gratis, das ist klar, ist die Hilfe nicht zu haben. Knapp 100.000 Euro müsste die Ortsgemeinde Römerberg für drei halbe Stellen im kommenden Jahr ausgeben. Ob dieses Geld im Haushalt freigegeben wird, soll aber erst entschieden werden, wenn genauere Informationen vorliegen. „Das Thema kam ziemlich aus dem Nichts“, sagte CDU-Sprecher Mathias Müller jüngst im Hauptausschuss der Ortsgemeinde. Er habe keinen Zweifel, dass es auch in Römerberg Fälle gebe, bei denen Schulsozialarbeit nötig sei. „Wir sind aber irritiert über den Umfang des Bedarfs.“ Gemeint ist damit der Wunsch der drei Schulleiterinnen, eine halbe Stelle für jede der Grundschulen zu schaffen beziehungsweise die entsprechende Dienstleistung von einem externen Anbieter einzukaufen. Müller plädiert deshalb dafür, die Mittel zwar in den nächsten Haushalt einzustellen, aber sie mit einem Sperrvermerk zu versehen. Zunächst sollen die Schulleiterinnen angehört und dann noch einmal beraten werden. Denkbar sei auch, zunächst mit weniger als 1,5 Stellen einzusteigen.
Ähnlich sieht es auch Jürgen Schall (Grüne). Er habe beruflich selbst mit dem Thema zu tun. Seine Beobachtung: „In Ganztagsschulen gibt es einen erhöhten sonderpädagogischen Beratungsbedarf.“ Sein Vorschlag lautet deshalb, in der Ganztags-Grundschule in Berghausen mit einem Sozialarbeiter auf einer halben Stelle, der bei Bedarf auch die anderen beiden Ortsteile mitbetreut, beginnen. Die Frage, ob der Bedarf an Sozialarbeit gestiegen ist, beantwortet Herbert Martin Kälberer (SPD), klar mit Ja: „Wir haben immer weniger einen dörflichen und immer mehr einen städtischen Charakter und bekommen auch die städtischen Probleme.“ Dass die Probleme vielfältiger geworden sind, empfindet auch Markus Weis (FDP) so. Er vertraut der Einschätzung der Schulleiterinnen und hält jeden Euro für „richtig investiert“.
Gute Erfahrungen gemacht
Das würde auch Andrea Fischer, die Schulleiterin der Clemens-Beck-Grundschule in Dudenhofen unterschreiben. „Es ist ein Segen“, sagt sie über die Schulsozialarbeit. Sozialarbeiterin Stella Ruffing ist derzeit 15 Stunden pro Woche für die Schule tätig. Auch die Dudenhofener würden das Angebot gerne auf eine halbe Stelle aufstocken. „Die Schulsozialarbeiterin hat sehr regen Zulauf“, berichtet Fischer. Diese verfüge über ein eigenes Zimmer, in dem sie mit den Kindern arbeiten könne, wenn diese Probleme hätten. „Außerdem macht sie ein Klassentraining, was viel für den Zusammenhalt bringt“, sagt die Schulleiterin. „Gute Bildung ist nicht nur Deutsch und Mathe, sondern auch soziale Interaktion“, ist sie überzeugt.