Speyer
Schockanruf bei 89-Jährigem: Wie internationale Ermittler den Betrügern auf die Spur kamen
Es lässt sich nur erahnen, welche emotionale Achterbahnfahrt ein 89-Jähriger aus Speyer am vergangenen Donnerstag durchgemacht haben muss. Der Mann hatte am Telefon die erschreckende Nachricht erhalten, seine Tochter habe einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem ein Mensch ums Leben kam. Derzeit befinde sich die Unfallverursacherin im Gewahrsam der Polizei und quasi mit einem Bein im Knast, verdeutlichte der Anrufer dem Senior. Es bestehe aber die Möglichkeit, der Tochter die Unannehmlichkeiten der Haft zu ersparen. Der besorgte Vater müsse dazu eine Kaution hinterlegen. Die Sicherheitsleistung könne gern aus Bargeld und Schmuck bestehen, was eben auf die Schnelle greifbar sei. Eine Vertrauensperson werde umgehend unbürokratisch bei ihm zu Hause die Wertsachen in Empfang nehmen. Danach komme die Tochter frei. Ob man sich einig sei?
Und ob man sich einig war. Wie das Landeskriminalamt (LKA) Mecklenburg-Vorpommern am Dienstag mitteilte, raffte der verstörte Rentner nach dem betrügerischen Anruf eiligst Vermögenswerte von mehreren Tausend Euro zusammen und wartete damit unruhig auf den angekündigten Abholer. Der kam allerdings nie bei der Adresse in der Domstadt an: Wie LKA-Sprecher Niels Borgmann auf Anfrage sagte, fingen Spezialkräfte der baden-württembergischen Polizei den mutmaßlichen Helfershelfer, einen 25-jährigen polnischen Staatsbürger, auf der Anfahrt im Speyerer Stadtgebiet ab. Die Polizisten aus dem Ländle kamen ins Spiel, weil sich der Abholer im Raum Stuttgart auf den Weg gemacht hatte.
Internationale Ermittlungen
Darüber, wie den Ermittlern genau der Schlag gegen die Telefonbetrüger gelungen ist, halten sich die Sicherheitsbehörden bedeckt. So viel ist bekannt: Das Vorgehen der Kriminalisten hat eine internationale Dimension und ist Ergebnis eines Projekts, bei dem deutsche wie europäische Sicherheitskreise zusammenwirken. Am vergangenen Mittwoch, also einen Tag vor dem Schockanruf bei dem Speyerer Senior, übermittelten demnach polnische Behörden ihren deutschen Partnern mehrere Telefonnummern, „die in Verbindung zu aktuellen Straftaten stehen“, so das LKA Mecklenburg-Vorpommern, das in diesem Fall mit der Überprüfung beauftragt war.
Diese Nummern seien „in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Stralsund überwacht und die dortigen Gespräche ausgewertet“ worden, erläutert LKA-Sprecher Borgmann. Dass eine der Rufnummern zu einem Betrugsversuch in Speyer führen würde, sei da noch nicht abzusehen gewesen, betont Borgmann. Erst am Donnerstag habe sich eine Tat „immer mehr konkretisiert“. Der endgültige Zugriff sei dann in Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium Karlsruhe erfolgt, in dessen Bereich sich der ausgewählte Abholer zuletzt aufgehalten habe.
Anrufer gaukeln Notlage vor
„Die Anrufer wollen die Menschen schockieren“, erläutert Thorsten Mischler, Sprecher des Polizeipräsidiums Rheinpfalz in Ludwigshafen. Schauergeschichten sollen die Angerufenen emotional unter Stress setzen und einen hohen Zeitdruck erzeugen, damit die vorwiegend älteren Opfer keine Gelegenheit haben, wieder aus dem künstlich ausgelösten Panikmodus herauszufinden.
Stets geht es in der Erzählung der Anrufer um eine Notsituation, in der nahestehende Menschen angeblich stecken. Sei es, weil sie einen schwerwiegenden Unfall verursacht hätten oder weil sie dringend medizinischer Hilfe bedürften. Wie auch immer die Mär gestrickt ist: Letzten Endes bräuchten die Notleidenden so schnell wie möglich finanzielle Mittel, um sich aus der misslichen Lage zu befreien. Kurz darauf taucht dann jemand bei dem Opfer auf, nimmt Geld, Gold oder Schmuck entgegen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Kriminelle Banden am Werk
Schockanrufe gehörten zu den häufigsten Betrugsmaschen, so Mischler. Verübt würden sie in der Regel von international agierenden, organisierten Tätergruppen, wie sie bereits durch den sogenannten Enkeltrick bekannt seien. Dabei herrsche eine „bandenmäßige Arbeitsteilung“: Es gibt die Anrufer, die meist im Ausland – häufig in Polen oder in der Türkei – in Callcentern sitzen und hierzulande Nummern abtelefonieren. Als „Fußtruppen“ vor Ort sind Abholer unterwegs, die die Beute einsammeln – laut Mischler oft Personen, die für ein vergleichsweise geringes Salär angeheuert werden. „Das sind diejenigen mit dem höchsten Risiko, erwischt zu werden.“
Erhalte man einen Schockanruf, sei es die beste Methode, „einfach aufzulegen“, rät Polizeisprecher Mischler. Und danach selbst denjenigen anzurufen, der sich angeblich in einer brenzligen Lage befinde: „Das klärt sich meistens schnell auf.“ Außerdem schicke die Polizei keine Zivilkräfte, um Geld oder Wertsachen abzuholen und vorsorglich in Verwahrung zu nehmen. Mischler mahnt, persönliche Daten wie Name, Geburtsdatum, Bankverbindungen oder Vermögensverhältnisse nicht preiszugeben. Vielmehr solle man seine Rufnummer aus den Telefonverzeichnissen löschen lassen.
„Trickreich und skrupellos“
Die Täter handelten „äußerst trickreich und skrupellos“, so die Polizei. Immer wieder führe die perfide Masche zum Erfolg. So registrierte das Polizeipräsidium Rheinpfalz im ersten Halbjahr 2025 in seinem Zuständigkeitsbereich Vorder- und Südpfalz 14 Schockanrufe, bei denen inländische Täter in die Abläufe involviert waren. Acht Betrugsversuche wurden vollendet, zwei Tatverdächtige ermittelt. Die Aufklärungsquote betrug 7,1 Prozent. Das klingt wenig, doch im ersten Halbjahr 2024 lag sie laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) nochmals darunter. Da betrug die Aufklärungsquote bei 34 Betrugsversuchen (davon sechs vollendet) und fünf Tatverdächtigen 5,9 Prozent.
Dazu kommen Taten, die rein aus dem Ausland begangenen werden. Im ersten Halbjahr 2024 waren dies im Bereich des Polizeipräsidiums Rheinpfalz 65 Schockanrufe (davon acht mit Beute, zwei Tatverdächtige). Im ersten Halbjahr 2025 wurden 27 registriert, kein Anruf führte zum Erfolg. Für das Gesamtjahr 2025 liegen noch keine Zahlen vor. Werde man Ziel oder gar Opfer eines Schockanrufs, solle man dies bei der Polizei anzeigen, empfiehlt Mischler. Viele würden jedoch genau dies unterlassen, etwa aus Scham.
Der 89-jährige Speyerer hatte Glück im Unglück. Erst im November 2025 hatte eine 77-Jährige aus dem Kreis Südliche Weinstraße bei einem Treffen in der Nähe des Speyerer Amtsgerichts einem Unbekannten Goldmünzen im Wert von damals rund 125.000 Euro übergeben. Auch hier sollte eine nahe Verwandte als angebliche Verursacherin eines tödlichen Unfalls vor der Haft bewahrt werden.
Zur Sache
Opferschutzberatung der Polizei: Telefon 0621 96321160.
Kostenlose Info-Hotline der Polizei zu Betrugsmaschen: Telefon 0621 96321177 (Montag bis Donnerstag, 8 bis 16 Uhr, sowie freitags von 8 bis 12 Uhr).
Im Netz: www.polizei-beratung.de
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