Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Russenweiher: „Ausbaggern ist keine Lösung“

Idylle: Der Russenweiher im Neuland ist beliebt bei Menschen, die Erholung suchen, ohne weite Strecken zurücklegen zu müssen. Do
Idylle: Der Russenweiher im Neuland ist beliebt bei Menschen, die Erholung suchen, ohne weite Strecken zurücklegen zu müssen. Doch wie lange kann das Angelgewässer noch erhalten werden?

Um die Zukunft des Russenweihers im Neuland ist es nicht gut bestellt, glaubt der Kaiserslauterer Ökologie-Professor Thorsten Stoeck. Der Klimawandel mache nicht nur diesem Gewässer zu schaffen, sagt er im Gespräch mit Martin Schmitt. Gleichwohl gebe es Möglichkeiten, das Kleinod zu retten. Eine Methode wurde bereits ausprobiert.

Herr Stoeck, wenn wir uns einen See vorstellen, in dem geangelt wird, an dessen Ufern Bäume und Büsche sprießen, in dem Wasserpflanzen und Schilf gedeihen, ist das ein Bild voller Leben. Wie kann aus ein solches Biotop auf einmal zur Todeszone werden?
Es sind immer mehrere Faktoren, die dabei zusammenwirken. Diese Entwicklung hat sehr viel mit dem Jahresgang eines Gewässers zu tun.

Sie meinen, welche Vorgänge sich zu welcher Zeit im See abspielen?
Genau. Fangen wir mit der Konstellation an, die sich im Winter zeigt. Wasser hat seine größte Dichte bei einer Temperatur von 4 Grad. Dieses Wasser sinkt durch seine Schwere ab und sammelt sich im Bereich des Seegrunds. Das Wasser an der Oberfläche hingegen kann noch weiter abkühlen, bis hin zum Gefrieren.

Die Folge ist eine stabile Schichtung aus zwei übereinanderliegenden Wassermassen?
Richtig. Im Frühjahr erwärmen die steigenden Lufttemperaturen allmählich das Wasser an der Gewässeroberfläche. Sobald es 4 Grad erreicht, hat es dieselbe Dichte wie das Tiefenwasser. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, dass sich beide Wasserkörper wieder vermischen können. Die Frühjahrswinde, die über den See streifen, tun ihr Übriges.

Bis hierhin klingt alles ganz normal.
Spannend wird es im Sommer, wenn es über längere Zeit sehr heiß ist. Dann heizt sich das Wasser an der Oberfläche stark auf und liegt erneut als eigene Schicht über dem schweren Tiefenwasser. Warmes Wasser jedoch kann grundsätzlich weniger Sauerstoff aufnehmen als kaltes. Punkt eins. Punkt zwei: Die höhere Temperatur des oberen Wasserkörpers begünstigt eine starke, anhaltende Produktion von Biomasse wie Algen. Zugleich gelangen vermehrt Nährstoffe und organische Masse wie Laub und Pflanzenteile in den See. Umgehend beginnen Bakterien mit deren Zersetzung, was Sauerstoff verbraucht. Das Wasser trübt sich. Im Lauf des Sommers sinkt immer mehr organisches Material in die Tiefe, und auch dort läuft die Zersetzung.

Das heißt, in der Tiefe verringert sich der Sauerstoffgehalt des Wassers?
Ja. Dauert dieser Prozess lange genug an, wird nicht nur der gesamte freie Sauerstoff in der Tiefe verbraucht. Der anaerobe, also sauerstofffreie Bereich wird immer größer, er wächst sozusagen der Oberfläche entgegen. Aber das Wasser dort ist ja auch bereits nicht mehr so reich an Sauerstoff wegen der höheren Wassertemperatur. Außerdem sind auch hier schon bakterielle Abbauprozesse von Biomasse im Gange, die Sauerstoff verbrauchen. Irgendwann genügt die Sauerstoffaufnahme des Oberflächenwassers aus der Luft nicht mehr, um die sauerstoffzehrenden Abbauprozesse zu kompensieren. Ist der restliche Sauerstoff aufgebraucht, kippt der See um. Für die meisten Lebewesen ist das tödlich. Oft riecht das betroffene Gewässer faulig.

Diesen Eindruck hat der Russenweiher am 12. September gemacht: ein giftig-grünes, stinkendes Gebräu. Doch wenige Tage zuvor hatte es merklich abgekühlt und zu regnen begonnen. Hat dies die Situation verschärft, dem See sozusagen den Rest gegeben?
Bestimmt nicht, eher war das Gegenteil der Fall: Es hat offenbar nicht genug geregnet. Denn Regen bringt Sauerstoff in ein Gewässer. Schon allein, weil er die Wasseroberfläche aufwühlt. Aber noch mehr dadurch, dass das sauerstoffreiche Regenwasser kälter und damit schwerer ist als das Wasser im Weiher. Es sinkt in die Tiefe und bringt damit Sauerstoff in die ganze Wassersäule. Doch dazu hätte es mehr und länger regnen müssen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist ein Umkippen nur möglich, wenn es keine Durchmischung im Gewässer gibt, wenn also jeglicher Austausch zum Stillstand gekommen ist. Der Umkehrschluss: Sorgt man für Ventilation, lässt sich das Unglück abwenden.
Nun ja, ein Zu- und Abfluss würde sicher helfen, damit Bewegung in den See kommt und frisches Wasser das verbrauchte ersetzen kann. Aber so etwas gibt es an dem Russenweiher ja nicht. Außerdem muss man auch andere Faktoren berücksichtigen. Mit weniger als zwei Hektar Fläche ist der Weiher schlicht zu klein, als dass über seine Oberfläche genug Sauerstoff ins Wasser diffundieren könnte, um den verbrauchten Sauerstoff wieder aufzufüllen. Wenn die Ufer dann auch noch zugewachsen sind und viele Bäume am Gewässer stehen, bremst das nicht nur den Wind. Es fällt auch eine Menge organisches Material ins Wasser, das von Bakterien unter Sauerstoffverbrauch abgebaut wird.

Der Weiher ist voller Wasserpflanzen. Müsste man die nicht entfernen?
Ganz und gar nicht. Wasserpflanzen sind der Wasserqualität zuträglich. Wenn sie gedeihen, zeigen sie zwar an, dass der See viele Nährstoffe enthält. Durch ihr Wachstum entziehen die Pflanzen jedoch dem Wasser diese Nährstoffe und wirken damit einer Algenblüte entgegen. Zugleich geben sie Sauerstoff ins Gewässer ab. Die Wasserpflanzen zu entfernen, wäre also ökologisch wenig sinnvoll.

Weil sich in ihm meterdick Schlamm abgelagert hat, hat der Weiher im Schnitt eine Wassertiefe von vielleicht noch 2,50 Metern, schätzen die Angler. Würde ein Ausbaggern da nicht helfen? Der faulige Schlamm wäre draußen, und der See hätte mehr Volumen.
Das ist eine naheliegende Idee, aber keine Lösung, zumindest keine dauerhafte. Denn Ausbaggern beseitigt die Ursache der Misere ja nicht. Offenkundig enthält der Wasserkörper des Weihers zu wenig Sauerstoff. Das bedeutet, dass sich auch künftig fauliger Schlamm absetzt, weil der Sauerstoffgehalt nicht ausreicht, um das viele organische Material im See zu zersetzen. Die viele Biomasse wiederum kommt von den vielen Nährstoffen, die zum Beispiel durch die Umgebung nach stärkeren Regenereignissen ins Gewässer eingetragen werden.

Man muss also die Nährstoffzufuhr stoppen.
So ist es. Man könnte zum Beispiel darauf verzichten, Fische oder Wasservögel anzufüttern und den Uferbewuchs zurückschneiden. Das Problem mit dem Zustrom von nährstoffreichem Wasser aus der Umgebung bekommt man so aber nicht in den Griff. Doch es gibt eine Methode, die so einfach wie wirkungsvoll ist.

Sie machen mich neugierig.
Kennen Sie die Fontäne im Genfer See? Die ist nicht zur Belustigung der Zuschauer da. Sie saugt sauerstoffarmes Tiefenwasser an und wirbelt es hoch in der Luft, wo es Sauerstoff aufnimmt, bevor es wieder auf die Wasseroberfläche klatscht. Das ist meines Wissens die beste Herangehensweise, um eine Zirkulation im See aufrechtzuerhalten.

So eine Fontäne gab es am Russenweiher bereits. Sie wurde nach Anwohnerbeschwerden wieder entfernt. Vielleicht sollte man auch einfach der Natur ihren Lauf lassen. Der Weiher ist am Verlanden. Irgendwann wird er verschwunden sein.
Diese Auffassung kann man durchaus vertreten. Aber ich wage zu behaupten, dass davon nicht alle begeistert sind. Die Natur macht es sich da einfach: Sie wandelt einen Lebensraum in einen anderen um. Aus ökologischer Sicht bewerte ich nicht, ob einer davon wertvoller ist. Das ist vielmehr ein gesellschaftlicher Abwägungsprozess: Welche Anforderungen stellen die Menschen an den Weiher, welche Aufgaben soll er erfüllen? Dient er der Erholung, dem Angeln, dem Stadtklima? Wo will die Stadtgesellschaft mit dem Gewässer hin? Das muss sie diskutieren. Über eines sollte man sich dabei im Klaren sein.

Und das wäre?
In Zeiten eines sich ändernden Klimas mit höheren Durchschnittstemperaturen haben alle unsere Seen Stress. Ob groß oder klein, es wird ihnen zu warm. Die Durchmischung der Wasserschichten setzt sehr viel später ein als früher, dadurch gelangt weniger Sauerstoff in den Wasserkörper, Faulvorgänge halten länger an. Ein Gewässer wie den Russenweiher zu erhalten, erfordert einen langen Atem.

Zur Person

Thorsten Stoeck (52) ist Professor im Fachbereich Biologie der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU). Er leitet die Abteilung Ökologie am Standort Kaiserslautern.

T. Stoeck
T. Stoeck
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