Speyer Poetischer Gestaltungswille

Mit einem „Engel der Poesie“ (von links): Jule und Artur Schütt.
Mit einem »Engel der Poesie« (von links): Jule und Artur Schütt.

Ein Stuhl ist gestern Nachmittag im Trausaal des Speyerer Rathauses leer geblieben. Artur Schütt, Gründer der Winkeldruckerey, konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht zu seiner Verabschiedung kommen. Die Arbeit des 86-jährigen gebürtigen Oberschlesiers und seiner Ehefrau Jule soll aber fortgeführt werden.

Nach Angaben von Oberbürgermeister Hansjörg Eger will sich die städtische Abteilung Kultur, Marketing und Kommunikation gemeinsam mit Kulturschaffenden der Stadt für die Zukunft der Druckkunst in der Winkeldruckerey stark machen. Dazu gehörten Jochen und Gerburg Frisch, Frank-Joachim Grossmann, Johannes Doerr, Franz Dudenhöffer sowie die Druckhandwerker Karl Herbel und Franz Schindler. Die traditionellen Druckerwochenenden für die Saison 2018/19 seien bereits festgelegt und neue Akzente gesetzt. Die Ergebnisse der in diesem Jahr von Schütt zum letzten Mal ausgerichteten Druckerwochenenden seien noch im Verlauf des Sommers im Typografischen Kabinett der Winkeldruckerey zu sehen, kündigte Eger an. Schütt und Ehefrau Jule hätten wichtige Veranstaltungen für die Stadt entwickelt und maßgeblich geprägt – so die von dem Ehepaar ins Leben gerufenen „Nächte der Poesie“ und die Speyerer Literaturtage. „Andere verbringen den Ruhestand auf Mallorca, wir in der Winkeldruckerey“, sagte Jule Schütt gestern. Mehr als 80 Druckkünstler aus ganz Deutschland hätten sie jeweils für ein Wochenende in ihr Speyerer Kleinod geholt, beherbergt und begleitet. Nach seiner Pensionierung widmete sich Artur Schütt als früherer Schulleiter des Speyerer Gymnasiums am Kaiserdom mit Liebe und Leidenschaft seit 2001 dem künstlerischen Handpressendruck und der experimentellen Typografie. Von der letzten Speyerer Bleisatzdruckerei Lindacher hatte er einen Heidelberger Tiegel, eine Korrex Stuttgart Andruckpresse und umfangreiche Setzmaterialien übernommen. Als „Begeisterer“ habe der frühere Speyerer Bürgermeister Hanspeter Brohm das Ehepaar Schütt beschrieben, berichtete Eger den zahlreichen Weggefährten und Freunden, die gestern zur Verabschiedung gekommen waren. Die Schütts hätten einen einzigartigen Ort geschaffen und mit Leben gefüllt. Sie hätten poetischem Gestaltungswillen eine Werkstatt und der alten Druckkunst im digitalen Zeitalter ein Zuhause gegeben, betonte der OB. Ganz lassen die Pensionäre dieses Zuhause nicht hinter sich. „Wir haben noch einen Schlüssel zur Winkeldruckerey“, verriet Jule Schütt im Gespräch mit der RHEINPFALZ.

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