Speyer
PEN-Reihe „Reden über Heimat“
Was ist Heimat – ein Ort, ein Gefühl oder eine Haltung? Mit dieser Frage tourt die Autorenvereinigung PEN Berlin derzeit durch Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. In Speyer machte die Reihe „Reden über Heimat“ nun Halt - und brachte prominente Stimmen auf das Podium der „Brilliant Spaces“, dem ehemaligen Haus Trinitatis.
Unter dem Leitmotiv „Ist das noch/ oder schon mein Land?“ diskutierten der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck und die Schriftstellerin Marjana Gaponenko, geboren 1981 im ukrainischen Odessa, heute in Wien und Mainz zu Hause. Moderiert wurde die Runde von Christoph Lode, selbst Schriftsteller und gleichzeitig engagiertes Mitglied des Speyerer Bündnisses für Demokratie und Zivilcourage.
Zum Einstieg setzte PEN-Mitglied Aron Boks auf Humor – und traf damit ins Herz der Zuhörer. Mit scheinbar einfachen Fragen („Für wen ist Speyer Heimat?“, „Wer kann Hochdeutsch?“, „Saarland zu Rheinland-Pfalz – warum eigentlich nicht?“) brachte er Publikum und Podium gleichermaßen zum Schmunzeln. Die spontane Abstimmung per Handzeichen lockerte die Atmosphäre – und entlockte sogar Kurt Beck eine gesungene Strophe des Heimatliedes „Pfälzer Wind“.
Doch schnell wurde es ernst. Denn „Heimat“ entzieht sich einfachen Definitionen. Der Begriff schwankt zwischen Geografie und Gefühl, zwischen Herkunft und Zugehörigkeit – und genau diese Spannbreite spiegelte die Diskussion wider.
Für Marjana Gaponenko ist Deutschland längst „ihr Land“. Seit rund 25 Jahren lebt sie hier, schreibt ihre Texte auf Deutsch und hat Wurzeln geschlagen. Ihre ursprüngliche Heimat Ukraine bleibt dennoch präsent – und ist gleichzeitig mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden. Spätestens seit der Annexion der Krim habe sich ihr Blick verändert: Heimat sei für sie auch „ein Zustand, der weh tut“. Die Bilder des Krieges begleiten jede Erinnerung an Odessa.
Gaponenko plädiert für einen „flexiblen Heimatbegriff“. Wer bleibt, entscheidet sich – wer geht, ebenso. Sie selbst hat bereits in Krakau und Dublin gelebt und würde auch wieder aufbrechen, sollte sich Deutschland für sie „ungemütlich“ anfühlen. Lange habe sie das Wort Heimat gemieden, zu „kitschig“, zu abgenutzt. Heute ringt sie bewusst damit – auch im Alltag. Reibung, sagt sie, gehört dazu. Nur so könne eine neue Heimat entstehen. Dass sie dabei ausgerechnet dem pfälzischen Idiom etwas abgewinnen kann, sorgt für Sympathie im Saal: Der Pfälzer Dialekt sei für sie das „charmantere Deutsch“, lebendig und liebenswert – ganz ähnlich wie der oft belächelte Dialekt ihrer Heimatstadt Odessa.
Kurt Beck dagegen nähert sich dem Thema über Werte. Für ihn gründet Heimat im Fundament des Grundgesetzes und in der Idee Europas. In seinem Wohnort Steinfeld, unweit der französischen Grenze, ist die europäische Nachbarschaft zum Elsass gelebter Alltag. Deutlich wendet er sich gegen jede politische Vereinnahmung des Heimatbegriffs. Dessen Missbrauch habe in der Geschichte immer wieder fatale Folgen gehabt – besonders im Nationalsozialismus. Nationale Identität dürfe nie absolut gesetzt werden, warnt Beck. Die europäische Einigung sei deshalb kein Gegenentwurf zur Heimat, sondern ihre Erweiterung.
Mit Sorge blickt er auf den wachsenden Rechtspopulismus in Europa. Ein Rückfall in nationales Denken sei für ihn keine Option. Gerade in Zeiten globaler Krisen brauche es ein stabiles Wertefundament. „Meine Heimat gibt mir Kraft“, sagt Beck – auch die Kraft, Widerspruch zu leisten, wenn Demokratie und Zusammenhalt unter Druck geraten.
Im Austausch mit dem Publikum weitete sich die Debatte: Wie beeinflussen Tech-Konzerne und Künstliche Intelligenz demokratische Prozesse? Welche Rolle spielen Bildung und Empathie für ein modernes Heimatverständnis? PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel erinnerte daran, dass es „die eine Wahrheit“ nicht gebe, sondern nur Annäherungen. Umso wichtiger sei es, Räume für offene Debatten zu schaffen. Der Berliner Verband als Veranstalter habe den Anspruch, immer entlang der eigenen Prinzipien zu agieren. Zentrales Thema für den Schriftstellerverband bleibt die Meinungsfreiheit und die Arbeit für die Menschenrechte. Und genau dorthin zielt die Gesprächsreihe des PEN: An insgesamt 41 Abenden im Land wird derzeit über Heimat gesprochen – und damit über nichts Geringeres als die Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens.