Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Ohne Druck erfolgreich lernen: Speyerer Schule setzt auf neues Konzept

Lernprofis: Benjamin Selzer und Scarlett Dubois.
Lernprofis: Benjamin Selzer und Scarlett Dubois.

Flexiblere Tests, kein Frontalunterricht und ein „Frei-Raum“: Die Johann-Joachim-Becher-Schule stärkt in zwei Klassen die Eigenverantwortung von Schülern. Wie läuft’s?

Es ist ruhig im Obergeschoss der Johann-Joachim-Becher-Schule. Die Berufsfachschüler sind konzentriert. Manche arbeiten für sich, andere in kleinen Gruppen. Scarlett Dubois und ihre Mitschülerinnen Alina Blay und Celia Karagöz wechseln in den eigens eingerichteten „Frei-Raum“ nebenan, schalten Musik auf ihren Kopfhörern an und vertiefen sich in ihre Unterlagen. Sie sind „Lernprofis“ und dürfen das.

Anfang des Schuljahres hat die Berufsbildende Schule (BBS) ein neues Konzept eingeführt. Ziel des Selbstinitiativen Arbeitens (SIA): Schülern mehr Eigenverantwortung, Selbstorganisation und realistische Selbsteinschätzung nahezubringen. „Kompetenzen, die in Ausbildung und Beruf zunehmend an Bedeutung gewinnen“, betont Studiendirektor Stephan Emig. Das Konzept sei lange vorbereitet worden: Nach Hospitationen an anderen Schulen und zusätzlicher fachlicher Begleitung seien zunächst zwei SIA-Klassen in der Berufsfachschule 1 an den Start gegangen – je eine in den Bereichen Wirtschaft und Gesundheit.

Zentraler Bestandteil des Ansatzes sind „Kann-Listen“, die von Lehrern erarbeitet werden. „Das ist der Fahrplan für die Schüler“, sagt Emig. Die Lernziele sollen nach einer bestimmten Zeit sitzen. Das wird überprüft, aber anders, als Schüler das jahrzehntelang gewohnt waren. „Es gibt keine Notengebung mehr im herkömmlichen Sinn, sondern Kompetenztests“, erklärt Lehrerin Susanne Ludwig. In drei verschiedenen Stufen können Schüler zeigen, was sie gelernt haben. Die erste und einfachste bestehe aus Reproduktionsaufgaben. Wer hier mindestens 80 Prozent erreicht, hat bestanden und eine 4 sicher. Wer nicht besteht, kann noch zweimal wiederholen. Im zweiten und dritten Test folgen anspruchsvollere Fragestellungen – mit besseren Noten im Erfolgsfall. Die Besonderheit: Schüler könnten die Tests innerhalb eines Zeitraums von rund sechs Wochen dann angehen, wenn sie sich bereit fühlen und wollen. „Den einen Termin, an dem alle alles können müssen, gibt es nicht mehr“, sagt Ludwigs Kollegin Inga Nicolai. „Das nimmt den Druck raus“, erklärt Emig. „Man hat nicht so den Stress“, bestätigt Schüler Benjamin Selzer. „Ich finde das gut“, sagt auch Scarlett Dubois. Ihre Leistungen seien besser geworden und es mache mehr Spaß, in die Schule zu kommen, schildern die Schüler. „Wir können uns auch selbst aussuchen, wann wir Pause machen.“

Der neue Ansatz bringe viele Vorteile mit sich, sind die Verantwortlichen überzeugt. Das Arbeitsklima und die Rolle der Lehrkräfte verändere sich. Statt vorne an der Tafel etwas zu erklären, könnten sie sich in den kleinen Klassen mit etwa 15 Schülerinnen und Schülern verstärkt auf Einzelgespräche konzentrieren und Fragen beantworten. Lehrer würden so zu Lernbegleitern, die besser auf einzelne Schüler eingehen könnten. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis“, sagt Nicolai. „Wir denken Schule als Lebensraum. Es geht nicht nur darum, Inhalte zu vermitteln. Wir sind eine Gemeinschaft.“ Schüler forderten auch aktiv Hilfe und neue Inhalte ein, wenn sie mit ihrem Stoff „fertig“ sind.

Wer in den „Frei-Raum“ darf wie Scarlett, Benjamin und ihre Mitschülerinnen, hat sich bewährt: „Die Schüler haben gezeigt, dass sie verantwortungsvoll sind, konzentriert arbeiten und sich nicht durch Handy oder Mitschüler ablenken lassen“, erklärt Lehrerin Ludwig. Dafür hat die BBS ein Belohnungssystem entwickelt, das im Klassenzimmer aushängt. Es besteht aus drei Verantwortungsstufen von Starter bis Lernprofi. Die Starter bleiben im Klassenzimmer und arbeiten auch selbstständig, eine Lehrkraft ist dabei im selben Raum. Das in den Klassen eingesetzte Lehrerteam entscheide, wer aufsteigt.

Eng verzahnt ist das Projekt mit einer Sprachförderung, die die Berufsbildende Schule fächerübergreifend etabliert hat – auch in Klassen, in denen noch nicht selbstinitiativ gearbeitet wird. Die Sprache sei schließlich die Grundlage, damit fachliches Lernen gelinge. „Da zeigen sich Defizite“, sagt Lehrerin Nicolai. Ein Beispiel aus dem Wirtschaftsunterricht: Schüler wüssten nicht immer, was mit dem Satz: „Er veräußert sein Auto“, gemeint sei. „Ich sehe das skeptisch“, sei ein anderes Beispiel. Die Wörter „veräußert“ und „skeptisch“ seien keine Alltagssprache und nicht jedem geläufig. Helfen sollen mehrere Ansätze. Dazu gehören ein Glossar mit Fachbegriffen und zweispaltige Texte: Der Originaltext in der linken Spalte und die „einfachere“ Version mit derselben Aussage in der rechten. Dort müssten Lücken ausgefüllt werden. „Wir betreiben aktiv Wortschatzarbeit“, betont Ludwig. Zusätzlich sollen mit einem „Reader“ Wörter, Operatoren genannt, klar werden, die Aufgabenstellungen angeben. Wie analysiere ich eine Grafik? Wie bereite ich eine Präsentation vor? Wie zitiere ich richtig? Die gemeinsame Grundlage soll Transparenz schaffen. Auch das fördere die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler.

Genau wie das Selbstinitiative Arbeiten, das ausgeweitet werden soll. Bis die neue SIA-Struktur angenommen war, hat es ein wenig gedauert, erklären die Verantwortlichen. „Das ist ein Prozess“, sagt Emig. Das Projekt werde mit halbjährlichen Umfragen unter Schülern begleitet. Erste Ergebnisse zeigen eine klare Tendenz: „Fast alle wollen in dem System weitermachen“, sagt Lehrerin Ludwig. „Sie haben nicht das Gefühl, dass der Lehrer vorne fehlt.“

Mehr Freiraum im Frei-Raum: Teil des Konzepts.
Mehr Freiraum im Frei-Raum: Teil des Konzepts.
Mehr zum Thema
x