Radsport
Motorenbauer mit Fingerspitzengefühl
Moritz Augenstein, der 28-jährige gebürtige Pforzheimer, erfüllte sich seinen Traum als Europameister hinter dem Derny, das von Christian Ertel gefahren wurde. Der Motor stammt aus der Schmiede von Peter Stahl – ein Erfolgstrio, das sich gesucht und gefunden hat.
Peter Stahl stammt aus Speyer und lebt seit über 35 Jahren in Dudenhofen. Er wollte nicht wie sein Vater Hockey spielen, fand mit 14 zum Radsport, zuerst beim RV 08 Dudenhofen, dann beim RC Vorwärts Speyer und zuletzt bei der GFR Ludwigshafen, die Ende der 80er-Jahre mit Rennfahrern wie Stadler, Wolsiefer, Koch, Enzenauer und Stahl in der Pfalz und darüber hinaus alles abräumte.
Kart- und Radsport
Über seine Tochter rutschte er in den Kartsport und fand seine Vorliebe für knatternde Motoren. Der Radsport ließ ihn aber nie los. Der damalige RV-Vorsitzende Clemens Spiekermann engagierte vor den deutschen Meisterschaften 2018 Peter Stahl für die Rennbahnpflege, der Verein brauchte jemanden, der die „Badewanne“ in Schuss hält.
Und so kam eins zum anderen. Vor zehn Jahren löste Stahl seine erste Lizenz als Dernyfahrer, lernte nach einem bitterbösen Sturz in Bielefeld den zehn Jahre jüngeren Schrittmacher Christian Ertel aus Ettlingen näher kennen. Was war passiert? Gabelbruch am Derny! Der gelernte Stahlbauschlosser meinte zu Ertel, das könne ihm nicht passieren, denn Stahl schraubte nicht nur Motoren zusammen, sondern baute auch bruchsichere Gabeln.
Eine besondere Idee
Kurzum: Die beiden freundeten sich an, seither tunt Stahl die Motoren für die Dernys Christian Ertels, einem der besten und bekanntesten Schrittmacher Europas. Einer nach dem anderen, gut 20 Motoren bisher. Dazu muss man wissen: Christian Ertel ist ein ähnlich schwerer Mann wie Peter Stahl, wiegt 130 Kilogramm. Sein Antrieb muss also stärker sein als die herkömmlichen Motoren der anderen. „Das ist genau mein Ding, mein Motor muss besser gehen als die anderen“, sagte Stahl sich und vor allem Ertel. Die Motoren haben circa 74 Kubikzentimeter und acht PS, laufen 75, mit Glück 80 km/h und fahren den synthetischen Kraftstoff Aspen 2, der nicht riecht und nicht giftig, aber teuer ist.
An Pfingsten kam Ertel zu Stahl und sagte: „Du, Moritz Augenstein würde gerne Derny-Europameister werden, kannst du mir helfen“. Gefragt, getan, der Plan wurde in Angriff genommen. Do-it-yourself-Typ Peter Stahl schwor sich, in seinen Worten: „Ich baue dem eine Bombe rein, dass es knallt, das kriegt kein anderer hin.“ Hört sich martialisch an, dabei arbeitet Stahl mit viel Fingerspitzengefühl, um das Maximum aus den Zweitaktern herauszuholen. Ein über Jahre hinweg perfektioniertes Handwerk.
Noch ein anderes Hobby
Dreimal die Woche, immer wenn alle drei Zeit hatten, kam das Trio zum Training in Dudenhofen zusammen, Peter Stahl verrichtete ja auch Schrittmacherdienste, das sogenannte Motortraining, für die Trainingsgruppe des Bahnradteams Rheinland-Pfalz um Frank Ziegler.
Der Plan ging auf. Obwohl es kurz vor dem Rennen noch mal hektisch wurde, weil das Rennmoped einen Hinterradschaden hatte. Stahl musste umbauen, kriegte aber auch das hin. Zehn Minuten vor dem Start war alles fertig. Augenstein siegte ohne Probefahrt. Erst Europameister hinterm Motor also, dann Weltmeister ohne Motor, was für eine Geschichte.
Peter Stahl fährt eigentlich selbst keine Schrittmacherrennen mehr, nur wenn er kurzfristig gebraucht wird, löst aber weiterhin seine Lizenz, um auf der Bahn das Motortraining verrichten und die Motoren testen zu können. Lieber geht er einer weiteren Leidenschaft nach. Bei der Schützengesellschaft Speyer 1529, dem zweitältesten Schützenverein der Pfalz, fungiert Stahl als Zweiter Vorsitzender, als sogenannter Schützenmeister. Auch in diesem Sport zählt er zu den Gewinnern – weil er die Munition selbst baut.