Speyer
Meinung: Los geht’s auf Gehwegen
So ein Spaziergang kann eine Befreiung sein. Mal richtig die Gedanken sortieren, wenn der Kopf raucht, oder einfach die Seele baumeln lassen. Ich merke das jeden Abend bei der Abschlussrunde, die nicht nur meinem Hund guttut. Oder beim Schlendern mit Eis in der Hand an lauen Sommerabenden am Rhein. Und auch wer spätabends noch unterwegs ist und das letzte Verkehrsmittel des Tages gen Heimat verpasst hat, weiß: Der Fußbus fährt rund um die Uhr.
Im Prinzip hat schon Filmheld Forrest Gump die Vorzüge des Laufens zu schätzen gewusst – auch wenn er’s mit dem jahrelangen Lauf quer durch Amerika vielleicht etwas übertrieben hat. Was im Film eben alles so geht. In der Realität sind die Wege ein Stück kürzer, aber für den Alltag von großer Bedeutung. Mal eben zum Bäcker. Schnell noch zur Post. Flugs bei Freunden was abholen. Viele dieser tagtäglichen Wege lassen sich zu Fuß bewältigen. Wenn’s machbar ist, tut es gut, weiter zu laufen, als nur von der Couch zum Kühlschrank und wieder zurück.
Aber geht das auch problemlos? Werden die Strecken dieser Bedeutung gerecht oder sind sie voller Stolperfallen und Hindernisse, die besonders für ältere und geheingeschränkte Mitbürger zur Hürde werden können? Wo lauern Gefahrenstellen für Kinder beim morgendlichen Weg zur Schule? Womöglich liefert der „Fußverkehrs-Check“, der bald beginnen soll, Antworten. Wäre Forrest Gump an jenem Tag, an dem er beschloss, ohne einen besonderen Grund einfach zu laufen, in Speyer gestartet, hätte er wichtige Erkenntnisse dazu beisteuern können.
Das holen nun eben die Speyererinnen und Speyerer nach, die an zwei Terminen durch die Stadt laufen. Erst mit Start am Postplatz und dann am Bahnhof. Sie werden bei dieser städtischen Aktion – zu der neben den zwei Begehungen auch zwei Workshops gehören – sicher mit wachen Augen umhergehen und Verbesserungspotenzial erkennen. Die Stadt ist als eine von zehn rheinland-pfälzischen Kommunen für das Projekt ausgewählt worden.
Wichtig dabei: möglichst viele Perspektiven einholen und mitdenken. Jede Barriere, die abgebaut wird, macht die Stadt ein Stück besser. Wenn es um Mobilität geht, wird vielfach an Straßen, Schienen oder Radwege gedacht. Sicher, das braucht’s alles. Die Pendler-Radroute, die unter anderem im Speyerer Westen für eine schnellere Verbindung sorgen soll, zum Beispiel ist eine tolle Sache. Gehwege gehören auch zur Mobilität, werden aber oft irgendwie vergessen oder – getreu ihrer Position an Straßen – nur am Rande mitgedacht. Es braucht nicht gleich eine Pendler-Fußwegroute, aber mehr Aufmerksamkeit. Was muss so ein Gehweg nicht alles aushalten: Autos, die mit zwei Reifen drauf parken. Ameisen, die seine Struktur aushöhlen. Im Sommer fehlt es mancherorts an Schatten, im Winter wird’s hier und da glatt. Aus den kleinsten Ritzen sprießt Unkraut. Was ist mit Beleuchtung? Ist genug Platz für Kinderwagen und Rollatoren? Genug Ansatzpunkte für den Fußverkehrs-Check gibt’s allemal.
Glaubt man den Geschichten, die manche Eltern ihren Kindern erzählt haben, war das früher sowieso viel schlimmer mit den Fußwegen. Was mussten sie nicht alles für einen Aufwand betreiben, um zur Schule zu gelangen! Sie mussten mitten in der Nacht aufstehen, um über Buckelpisten, durch einen Urwald, die Wüste und ein halbes Gebirge zu marschieren, um schließlich völlig entkräftet zur ersten Stunde anwesend zu sein. Da hatten wir verwöhnten Kids es doch besser mit Radwegen, einem Bus oder gar eigenem Fahrservice.
Ganz so schlimm ist es um die Speyerer Wege sicher nicht bestellt. Ich bleibe dabei: So ein Spaziergang ist befreiend. Besonders auf vernünftigen Gehwegen. Los geht’s.